Derzeit mehr im Büro als auf der Bühne: Judith Senger (li.) und Katharina Fertsch-Röver vom Schultheater-Studio in der Ernst-Reuter-Schule. foto: RAiner rüffer
+
Derzeit mehr im Büro als auf der Bühne: Judith Senger (li.) und Katharina Fertsch-Röver vom Schultheater-Studio in der Ernst-Reuter-Schule.

Nordweststadt: Premiere für Frankfurt

Ihr Plan führt junge Leute durch die Stadt

  • Judith Dietermann
    vonJudith Dietermann
    schließen

Schultheater-Studio entwickelt virtuelles Angebot

Die Türen zum Schultheater-Studio auf dem Gelände der Ernst-Reuter-Schulen sind verschlossen, hinein geht es nur über den Hintereingang. Auf der Bühne herrscht meist gähnende Leere, die Stühle sind ein stilles Publikum, in dem Theater gibt es derzeit nur wenige Veranstaltungen. "Auch auf unsere Arbeit hat die Corona-Pandemie Einfluss genommen", sagt Katharina Förtsch-Röver, Leiterin der Theaterpädagogik. Sie sitzt in ihrem kleinen Büro, das Fenster ist gekippt, draußen singen ein paar Vögel. Drinnen surrt der Computer. Auf Hochtouren. Denn er ist seit März vergangenen Jahres ihr wichtigstes Arbeitsgerät. Fast alles läuft digital. Es sei schon komisch in einen schwarzen Bildschirm zu sprechen, denn längst nicht jeder hätte bei den Fortbildungen die Kamera oder das Mikrofon eingeschaltet. "Das ist wirklich seltsam", sagt sie.

Das Smartphone gehört einfach dazu

Eine Situation, die auch der Theaterpädagogin Judith Senger, die als freie Mitarbeiterin zum Team des Studios zählt, nach wie vor ein wenig fremd ist. Obwohl die digitalen Medien ihr Steckenpferd sind. Schon immer war sie "für die filmischen Sachen" verantwortlich, stets versucht sie das Smartphone der Kinder und Jugendlichen in ihre Arbeit einzubeziehen.

So auch bei ihrem neuesten Projekt, das unter anderem im Rahmen der Ferienspiele, die beim Schultheater längst Tradition haben und in den Osterferien erstmals online durchgeführt werden sollte: Das Entwickeln eines virtuellen Stadtplans. Wegen fehlender Anmeldungen platzte zwar der Workshop, nicht aber Judith Sengers Projekt. "Das führen wir nun mit vier Klassen durch", sagt sie. Zwei von der Carl-Schurz-Schule, eine der Neuen Gymnasialen Oberstufe und eine von der Ernst-Reuter-Schule. Die Idee zu dem virtuellen Stadtplan kam Judith Senger über die Homepage des Instituts für Stadtgeschichte, das eben einen solchen Plan für die Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 hat. Eine Karte, auf der man digital Orte in der Stadt besuchen kann. "Das ist eher sachlich", sagt Senger, die die Grundidee aufpeppen möchte. Hinter den Punkten auf ihrem Stadtplan sollen sich kurze Videoclips verstecken. Verfolgung, jüdisches Leben, Widerstand und die Swing-Jugend - eine oppositionelle Jugendkultur während der NS-Zeit, sind die vier Kategorien.

"Wir erobern uns die Stadt" sei das Motto, so Judith Senger, die bereits die ersten Ergebnisse erhalten hat. So wird Anne Frank freilich ein Thema sein, einige Jungen spielten beim TuS Makkabi Fußball und nutzten dies, eine andere Gruppe wiederum habe sich mit der Biographie einer renommierten jüdischen Malerin im Nordend befasst. Die Möglichkeiten, so Senger, seien sehr vielfältig. Die Jugendlichen müssten recherchieren und vor allem: Sie müssen raus in die Stadt, weg vom Computer, vor dem sie durch die Corona-Pandemie ohnehin viel Zeit verbringen. "Ich habe schnell gemerkt, dass es den Schülern am leichtesten fällt, wenn sie über Personen recherchieren können", sagt sie.

Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, soll der Stadtplan online Premiere feiern, genutzt werden kann er bis zum 9. November. "Ich bin wirklich gespannt, wie das Endergebnis aussieht", sagt Judith Senger, der man anmerkt, dass es sich für die Theaterpädagogin um ein echtes Herzensprojekt handelt.

Improvisation im Wohnzimmer

Auch Katharina Fertsch-Röver ist begeistert von dem Projekt, eines von mehreren digitalen Angeboten des Schultheater-Studios. Die besondere Herausforderungen mit sich bringen. "Man muss die Qualität der Theaterpädagogik in den digitalen Raum retten und Wege suchen, um die Kinder und Jugendlichen zu erreichen", sagt sie. Ebenso gelte das aber für die Lehrer, für die sie endlich wieder Fortbildungen anbieten könne. Improvisationsübungen seien auch digital möglich. Nur renne man eben nicht über die Bühne, sondern durch das heimische Wohnzimmer.

Das Digitale habe aber durchaus auch Vorteile, fügt Judith Senger hinzu. Zurückhaltende Kinder könnten mehr aus sich herauskommen, statt vor der Klasse zu stehen, säßen sie in einem geschützten Raum daheim. Trotzdem freut sie sich auf die Zeit, wenn "alles wieder so ist wie vor der Pandemie". Wie wichtig dass für die Jugendlichen, die noch in der Entwicklung seien, spüre sie stets. "Es wird viel sein, was man nach dieser Zeit aufzuarbeiten hat. Jetzt können wir nur das Beste daraus machen", sagt sie. Mehr Informationen zum virtuellen Stadtplan gibt es unter www.schultheater.de

judith dietermann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare