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Ihre Liebe blüht seit dem ersten Tag

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Von: Sabine Schramek

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m Stadtteil kennt und mag sie jeder: Judith und Willi Marschall haben ihre Leben den Pflanzen verschrieben. FOTO: maik reuss
m Stadtteil kennt und mag sie jeder: Judith und Willi Marschall haben ihre Leben den Pflanzen verschrieben. © Maik Reuß

Große Feier im Mai geplant

Die 150 Jahre alte Cycas blüht. Was er nur alle 100 Jahre tut. Passend zum nahen doppelt-runden 170. Geburtstag des Gärtner-Ehepaars Judith (89) und Willi Marschall (80), die im Stadtteil KultStatus haben. Liebevoller Umgang ist das Geheimnis, was die Ehe der beiden Gärtner, die seit 57 Jahren verheiratet sind, ausmacht. Willi glänzt mit Ironie und Witzen, Judith mit sanftem Humor.

Heiße Kaffee und ein Kuss

"Seit 57 Jahren muss mein Mann Kaffee kochen", erzählt die Frau mit warmen blauen Augen lächelnd. Er nickt. "Wenn sie aufsteht, ist der Kaffee gekocht, der Stuhl angewärmt, die Zeitung gelesen und alles Wichtige angestrichen. Natürlich wecke ich sie ganz vorsichtig mit einem Küsschen", sagt er augenzwinkernd. Vier Töchter, acht Enkel und vier Urenkel haben sie und alle lieben das Gärtnerpaar. Die Töchter Andrea (55) und Steffi (47) erinnern sich, wie sie auf den Feldern und in den Gewächshäusern gespielt haben. "Hier war und ist immer etwas los", sagen sie. "Die Kinder haben aufeinander aufgepasst und sich auch gegenseitig erzogen", erzählt Judith Marschall.

Früher haben sie Zehntausende Blumenzwiebeln eingepflanzt und ebenso viele Blumen geschnitten. "Heute ziehen wir noch Balkonpflanzen für die Nachbarschaft und Gemüse für den Eigenbedarf."

In drei Gewächshäusern sprießt es um die Wette, der Blumenladen ist geschlossen, dafür wachsen hier auch Jungpflanzen. "Die Gewächshäuser zu heizen, ist viel zu teuer. Aber im Blumenladen geht es ihnen auch gut", so Willi. Die Töchter helfen dabei, zu pflanzen, zu pflegen, Gestecke zu machen und vor allem dabei, alles so zu organisieren, dass die Selbständigkeit und die Mobilität der Eltern erhalten bleibt und sie dort helfen, wo es nicht mehr selber geht.

Früher saßen Mittagessen auch die Mitarbeiter in der großen Küche des selbst gebauten Hauses mit am Tisch, Praktikanten und Schüler. "Hier gehört jeder mit dazu und wir waren meistens zehn Leute, die zusammengegessen haben." Jetzt gibt es jeden Dienstag Milchreis. Für Willi "mit ganz viel Zimt und Zucker". Judith isst am liebsten Fleisch. Willi trinkt drei Liter "Tee mit Vitamintabletten und dünnen Kaffee",

Zweimal die Woche kommt ein sozialer Dienst vorbei und das Ehepaar verblüfft die jungen Leute damit, dass ihr Geist und Verstand hellwach und scharf ist. "Wir haben uns immer mit allen vertragen. Mit Kollegen, Kunden, unseren Kindern und allen, die uns im Leben begegnen. Wir lernen von ihnen und sie von uns", erzählt Judith und berichtet vom Tag der Hochzeit 1965, als Judith schon im Brautkleid einem Kunden noch einen Blumenstrauß gebunden hat.

Im Brautkleid Strauß gebunden

"Das ging schneller, als ihm zu erklären, dass wir eigentlich keine Zeit haben", meint Willi grinsend. Er hat sich viel ums Gemüse gekümmert, sie um die Blumen. "Meine Frau weiß viel mehr als ich", erzählt er stolz. Um sich nicht ins Gehege zu kommen, haben sie die Gewächshäuser und Flächen aufgeteilt. Noch heute kümmert sich Judith um eine Blumenwiese, Willy pikiert die jungen Pflänzchen. Die Töchter fahren ihn in den Großmarkt. "An Karfreitag färben wir im Garten Ostereier, an Ostersonntag werden sie versteckt", verrät Judith, die gern ihre ganze Familie um sich hat. "Dann sind fast 30 Familienmitglieder hier."

Im Garten steht ein großes Birkenholz-Kreuz. "Da macht die evangelische Stadtmission Gottesdienste. Letztes Jahr hatten wir sogar eine Taufe und eine Konfirmation", erzählt sie. Im Mai wollen sie ebenfalls im Garten feiern. Willi ist gerade 80 Jahre alt geworden, Judith wird am 26. April 90 Jahre alt. "Im Mai ist das Wetter besser", sagt Willi und pikiert weiter Zinnien. "Ich brauche Dippe aus Plastik. Vielleicht gibt es ja Nachbarn, die uns welche mit neun oder zehn Zentimetern Durchmesser vorbeibringen können." Sabine Schramek

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