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Ihre Oma konnte den Walzer noch linksrum tanzen

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Vor dem Hofguts, das weiß Michaela Wernig, hat ihr Großvater sein Rhönmädchen zum Abschied geküsst FOTO / Repro: Maik Reuß
Vor dem Hofguts, das weiß Michaela Wernig, hat ihr Großvater sein Rhönmädchen zum Abschied geküsst FOTO / Repro: Maik Reuß © Maik Reuß

Wie aus Familienhistorie ein Forschungsprojekt wurde

"Fräulein, könn'se linksrum tanzen?" lautete in den Goldenen Zwanzigern ein beliebter Schlager in den Berliner Tanzpalästen, und die Frage bekamen auch die Mädchen in der Provinz gestellt. Die Großmutter von Michaela Wernig, Agnes Lenhard, konnte: Obwohl als "Rhönmädchen" nach Frankfurt gekommen, um sich als Saisonarbeiterin zu verdingen, stellte die junge Frau auf dem Parkett alle anderen in den Schatten - und erweckte damit die Aufmerksamkeit von Michaela Wernigs Großvater, der als "schöner Philipp" in Goldstein bekannt war. Nach durchtanzten Nächsten hat der "schöne Philipp" sein Mädchen dann immer am Tor zum Hofgut Goldstein zum Abschied geküsst, wo sie als Magd arbeitete, weiß die Enkelin. Die romantische Szene war Ausgangspunkt ihres Interesses an der Geschichte des Hofguts: Warum hat ihre Großmutter ihre Stelle, die sie 1935 angetreten hatte, 1941 wieder aufgegeben, als Soldaten im Hofgut einquartiert wurden?

Michaela Wernig hat sich bei der Stiftung Polytechnische Gesellschaft als Stadtteilhistorikerin beworben: Während des jeweils 18-monatigen Programms erforschen seit 2007 bis zu 25 geschichtsinteressierte Frankfurter pro Staffel ehrenamtlich die Stadt- und Stadtteilgeschichte. Nach Ende der eineinhalbjährigen Projektlaufzeit sollen die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt werden: Ob in Form einer Ausstellung, eines Films, eines Buches oder einer Website, kann jeder Stadtteil-Historiker selbst entscheiden. Bei Michaela Wernig wurde es eine Stadtteil-Homepage: www.goldstein-stadtteil.de ist rechtzeitig zur Festwoche "90 Jahre Goldstein" fertig geworden, die vom 10. bis 18. September gefeiert wird (wir berichteten).

Über die Nazi-Zeit hat die Hobbyforscherin leider nicht viel in Erfahrung bringen können. Sie hat im Institut für Stadtgeschichte und im Historischen Museum recherchiert, hatte über die Polytechnische Gesellschaft Kontakt zu einschlägigen Historikern, doch ist die Aktenlage dürftig: Zwar gibt es für alle größeren Entscheidungen, die den städtischen Gutsbetrieb betreffen, archivierte Magistratsakten, aber so gut wie nichts über die Beschäftigten jener Tage.

Das Hofgut war aus einer vermutlich 1348 vor den Toren der Stadt errichteten Wasserburg hervorgegangen. Die Burg, im Schmalkaldischen Krieg (1546/47) zerstört, verfiel; der Hof überstand die Jahrhunderte. Das heutige Herrenhaus wurde um 1860 errichtet. Von 1909 bis 1960 versorgte das Hofgut die städtischen Kranken- und Waisenhäuser mit Milch, Gemüse, Kartoffeln, Fleisch. Dazu wurden ganzjährig etwa 20 Mägde und Knechte beschäftigt; vom Frühjahr bis in den Herbst kamen Saisonarbeiter dazu - etwa Michaela Wernigs Großmutter Agnes Lenhard, die mit 15 Jahren aus der katholischen, aber bitterarmen Rhön gekommen war, um die Familie daheim mit ihrem kargen Lohn zu unterstützen. "So tief in die Familiengeschichte abzutauchen war sehr aufregend und schuf eine Nähe zu meiner leider schon verstorbenen Großmutter, die mich sehr berührte", sagt die Hobby-Historikerin.

Michaela Wernig, 1965 geboren, ist in Goldstein aufgewachsen und hat erst eine Ausbildung zur Bibliotheks-Assistentin gemacht, bevor sie als Sekretärin arbeitete sowie jetzt als Fachtrainerin für Korrespondenz im Kundenservice einer Bank.

Eigentlich hätte sie gerne Geschichte und Archäologie studiert, konnte jetzt aber über die Hofgut-Forschung ihre Leidenschaft verwirklichen. Gestützt hat sie sich dabei auf das Werk des Goldsteiner Heimatforschers Ernst Leißner, das sie neu aufbereiten und zugänglich machen wollte.

Sie hat mit Leißner gesprochen und bekam Unterstützung auch von Agnes Rummeleit, der Vorsitzenden des Heimat- und Geschichtsvereins Schwanheim. Die Lebensgeschichte Agnes Lenhards soll zudem in der Schriftenreihe "Die Port" des Schwanheimer Geschichtsvereins erscheinen.

"Durch den Bau der Siedlung Goldstein reduzierte sich ab 1937 die landwirtschaftliche Fläche von 600 auf 400 Morgen", schreibt Michaela Wernig. Erst mit dem Bau der Siedlung setzt die Dokumentationsarbeit des Heimatclubs Goldstein ein, in dem Michaela Wernig auch Mitglied ist und an der Entstehung dessen Jubiläumsausstellung sie beteiligt ist (wir berichteten). Warum ihre Oma damals das Hofgut verlassen hat, obwohl der Gutsleiter sie halten wollte, hat sie nicht herausgefunden. Aber in der Familie ist überliefert, wie Oma und Opa auf Feiern immer auf dem Tisch vorführten, dass sie Walzer "linksrum" tanzen konnten . . . Holger Vonhof

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