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Lehrerin wird ausgezeichnet, weil die Schüler ihren Unterricht lieben

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Von: Brigitte Degelmann

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Ausgezeichnete Pädagogin: Birgit Vollrath vom Heinrich-von-Gagern-Gymnasium im Ostend liebt ihren Beruf und die Schüler lieben sie. So sehr, dass sie die engagierte Lehrerin für einen Preis vorgeschlagen haben - den sie prompt erhielt. FOTO: Holger Menzel
Ausgezeichnete Pädagogin: Birgit Vollrath vom Heinrich-von-Gagern-Gymnasium im Ostend liebt ihren Beruf und die Schüler lieben sie. So sehr, dass sie die engagierte Lehrerin für einen Preis vorgeschlagen haben - den sie prompt erhielt. © Holger Menzel

Birgit Vollrath brennt für Homer - so sehr, dass sogar ihre Schüler Spaß am 3000 Jahre alten griechischen Dichter haben. Dafür bekam die Lehrerin am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium in Frankfurt nun den Deutschen Lehrkräftepreis.

Frankfurt - Fast 3000 Jahre sind vergangen, seit der griechische Dichter Homer eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur, die Ilias, niedergeschrieben haben soll. Doch wenn Birgit Vollrath (66) davon erzählt, wirkt es so, als wäre der Trojanische Krieg erst gestern zu Ende gegangen. So plastisch schildert sie beispielsweise den Dialog zwischen dem trojanischen Prinzen Hektor und seiner Frau Andromache am Vorabend seines entscheidenden Kampfes mit dem griechischen Helden Achill: ihr gemeinsames Wissen, dass er sterben wird für Troja; Andromaches Verzweiflung, wie sie ihn anfleht, bei ihr zu bleiben; wie Hektor sie zu trösten versucht; das Weinen des kleinen Sohnes, den sie auf dem Arm trägt und der Angst vor dem blutbesudelten Helmbusch des Vaters hat.

Hunderten von Schülern hat Birgit Vollrath, die seit 38 Jahren Griechisch, Latein und Philosophie am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium im Ostend Frankfurt unterrichtet und dort seit 22 Jahren als Fachbereichsleiterin fungiert, diese und andere Szenen schon beschrieben. Kürzlich, wenige Monate vor Ende ihres Berufslebens, hat sie für ihr pädagogisches Wirken eine besondere Auszeichnung erhalten: den Deutschen Lehrkräftepreis, für den sie von ihren Schülerinnen und Schülern vorgeschlagen worden war. "Ihre eindrucksvolle Leidenschaft für ihr Fach und ihren Beruf spiegelte sich in Lehr-Ergebnissen, Begeisterung und Dankbarkeit ihrer Schüler*innen wider und so ist es kein Wunder, dass der allgemeine Konsens war, dass Frau Vollrath die größte Bereicherung unseres Lehrkörpers darstellte", heißt es in der Nominierung.

Lehrerin aus Frankfurt ausgezeichnet: Vollrath setzt auf Gespräch statt Gruppenarbeit

Eine Würdigung, über die sie sich "riesig gefreut" habe, sagt sie: "Obwohl ich immer noch nicht weiß, ob ich das verdient habe." Denn sie sei nicht unbedingt ein Musterbeispiel für moderne Unterrichtsmethoden wie Gruppenarbeit. "Mein Element ist das Unterrichtsgespräch." Die Schüler zum Sprechen zu bringen, das sei ihr Ziel: "Das Thema muss die was angehen, es muss so sein, als würde Hektor hier sitzen", betont sie, während sie auf den Tisch neben sich klopft.

Ihre Liebe zu alten Sprachen wurde schon während ihrer Schulzeit in Marburg geweckt: "Ich hatte einen wunderbaren Griechischlehrer, einen fantastischen Lateinlehrer." Bald war ihr klar: "Wenn ich irgendwas studiere, dann diese Fächer." Obwohl ihre Eltern von diesen Plänen zunächst alles andere als beglückt gewesen seien, erinnert sie sich lachend. Sie müsse wohl irgendwann einen reichen Mann heiraten, um finanziell über die Runden zu kommen, hieß es in der Familie.

Frankfurter Superlehrerin nennt ihre Schüler "bezaubernd"

Eine Voraussage, die nicht eintraf: "Ich konnte immer für mich sorgen." Denn während des Studiums, in dem sie sich neben Griechisch und Latein auch noch der Philosophie, der Archäologie und der Kunstgeschichte widmete, entschied sie sich für eine Schullaufbahn. Dabei hätten sie vor Beginn ihres Referendariats in Darmstadt etliche Zweifel geplagt, erzählt sie: "Ich habe mich daran erinnert, wie wir in der elften Klasse so waren, so wild und ungebärdig. Und ich dachte: ,Jetzt kriegst du das zurück.'" Doch weit gefehlt: "Bezaubernd" seien die Elftklässler gewesen, die sie damals unterrichtete. Wohl auch deshalb, weil sie beeindruckt waren vom Wissen der jungen Frau - und vor allem von ihrer Leidenschaft für die Fächer, die sie unterrichtet.

Lehrerin aus Frankfurt: Botschaften aus antiken Texten auch heute noch aktuell

Immer noch kommt sie ins Schwärmen, wenn sie von den Texten aus der Antike spricht. Dass gerade in der altgriechischen Literatur nie Schwarz-Weiß-Malerei betrieben werde. Dass sie vielmehr zeige, wie Menschen in Extremsituationen reagieren. Dass sie Fehlschläge und Misserfolge thematisiere: "Es geht darum, warum Menschen scheitern. Es wird gezeigt, dass ich für alles, was ich gemacht habe, die Verantwortung übernehmen muss. Und das finde ich als Botschaft unfassbar wichtig." Wer mit ihr spricht, merkt schnell, dass viele antike Schriften heute noch erstaunlich aktuell sind. Wenn etwa römische Autoren über einen "bellum iustum", einen "gerechten Krieg", nachdenken, drängen sich Parallelen zur Ukraine, zu Russland und den Nato-Ländern geradezu auf.

Die Schüler empfinde sie dabei immer als "Gesprächspartner auf Augenhöhe", sagt Vollrath - auch Fünftklässler: "Ich finde es spannend, was sie zu erzählen haben." Besonderen Respekt empfinde sie gegenüber den Abschlussklassen der vergangenen zwei Jahre, die mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen haben. Voller Hochachtung erzählt sie davon, dass Absolventen des Jahres 2021 dennoch das beste Abitur vorweisen könnten, das es am Gagern je gegeben habe - obwohl ihnen nichts geschenkt worden sei. "Ich bewundere sie", sagt die Pädagogin. "Ich weiß nicht, ob ich in diesem Alter so stabil gewesen wäre. Diese Generation ist ein großes Geschenk." Auch deshalb, weil sich die Schüler nicht nur aufs Lernen konzentriert, sondern sich auch umeinander gekümmert hätten. Am liebsten, ergänzt sie dann noch, würde sie den Preis deshalb den jungen Leuten geben, "weil sie meine Helden sind". (Brigitte Degelmann)

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