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Flughafen Frankfurt: Darknet lässt Drogen- und Waffenschmuggel boomen

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Von: Julian Dorn

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Dicht an dicht stehen Container mit Postsendungen im Internationalen Postzentrum (IPZ) am Frankfurter Flughafen. 190 Tonnen Postsendungen werden dort täglich umgeschlagen. Doch in manch harmlos wirkendem Umschlag verbirgt sich brisanter Inhalt.
Dicht an dicht stehen Container mit Postsendungen im Internationalen Postzentrum (IPZ) am Frankfurter Flughafen. 190 Tonnen Postsendungen werden dort täglich umgeschlagen. Doch in manch harmlos wirkendem Umschlag verbirgt sich brisanter Inhalt. © Boris Roessler/dpa

Am Flughafen Frankfurt landet manche Sendung mit brisantem Inhalt – darunter Drogen und Waffen. Der Zoll kämpft gegen den Schmuggel an.

Frankfurt – Der Inhalt des Pakets stinkt zum Himmel. Im wörtlichen – und im übertragenen Sinne. Als Carina Orth die Sendung öffnet, kommen zunächst drei Tüten mit Kaffeebohnen zum Vorschein, dunkle Röstung mit Karamell-Note verspricht die Verpackung. Doch es riecht weder nach Kaffee noch nach Karamell. Stattdessen steigt Orth ein beißend-süßlicher Geruch in die Nase. Mit blauen Latex-Handschuhen hebt die Zollbeamtin die Kaffeepäckchen aus der Asservatenkammer an. Darunter befinden sich durchsichtige Beutel voll bräunlicher Brocken, die an überdimensionalen Kandiszucker erinnern. „Das ist MDMA, eine beliebte Partydroge“, erklärt Orth.

Gefährliche Ware in harmloser Verpackung, für die Zollfahnder am Flughafen Frankfurt gehört das zum Alltag. 190 Tonnen Briefe und Pakete kommen dort täglich im Internationalen Postzentrum (IPZ) des Airports an. 82 Prozent aller Rauschgift-Funde am Flughafen stammen laut Zoll von dort. 3429 Mal wurden die Beamten allein im vergangenen Jahr fündig, stellten dabei unter anderem 46.740 Amphetamin-Tabletten, fast 33 Kilo Cannabis, etwa neun Kilo Kokain und rund zwei Kilo Heroin sicher.

Tonnenweise Drogen passieren jedes Jahr den Flughafen Frankfurt

Mehr als zwei Millionen Tonnen Luftfracht werden in Frankfurt pro Jahr umgeschlagen, mehr als 300 Destinationen weltweit von dort angeflogen. Ein internationales Drehkreuz, auch für Schmuggelware. Tonnenweise Drogen passieren jedes Jahr den Flughafen. Egal ob für den deutschen Markt bestimmt oder nur auf Durchreise ins Ausland. Egal, ob im Reisegepäck, am oder im Körper von Passagieren – oder eben per Post.

Doch wer sind die Absender der Drogenpakete? Sie sitzen oft in den Niederlanden, vielleicht auch nebenan. Aber immer am Rechner. Die Drogen werden im Darknet geordert, dem anonymen Teil des Internets, erklärt Zollfahnder Paul Maier, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Auf die dunklen Seiten gelangen Nutzer über spezielle Software, die den Datenverkehr verschlüsselt und über mehrere Rechner leitet, damit niemand die Kommunikation zurückverfolgen kann.

Vor dem Darknet-Nutzer tut sich dann ein eigener Mikrokosmos auf, der aus Online-Marktplätzen besteht, auf denen alles feilgeboten wird, was das Kriminellen-Herz begehrt: Waffen, Sprengstoff, Auftragskiller – und eben Drogen aller Art. „Diese Online-Shops funktionieren wie ihre legalen Pendants“, erklärt Maier. Nur, dass eben statt der Kaffeemaschine die Kalaschnikow oder Kokain im Warenkorb landet. „Bezahlt wird die Ware oft mit Bitcoin und dann per Post verschickt“, ergänzt Orth. Eine Rezension zum Produkt kann der Käufer auch verfassen.

Drogen und Waffen am Flughafen Frankfurt: Postweg ist für Dealer besonders attraktiv

Der Handel im Darknet boomt: Das BKA verzeichnete im Bundeslagebild „Cybercrime“ 2020 ein starkes Wachstum beim Handel auf dem digitalen Schwarzmarkt. Der Postweg ist dabei für die Dealer besonders attraktiv – dank zollfreiem Warenverkehr im Binnenmarkt war es nie einfacher, Illegales anonym innerhalb Europas zu verschicken. „Das größte Risiko, entdeckt zu werden, besteht, wenn Waren über die EU-Außengrenzen kommen“, erklärt Zollfahnder Maier.

Die Masse an Post, die jeden Tag das IPZ passiert, macht es den Dealern besonders leicht, denn der Zoll kann natürlich nicht jedes Paket durchleuchten. „Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass legale Waren schnell abgefertigt werden. Sonst verdirbt der Joghurt, bevor er im Supermarktregal steht.“ Das wissen auch die Dealer.

Welche Päckchen die Ermittler am Ende genauer unter die Lupe nehmen und welche nicht, dabei spielt nicht zuletzt die Erfahrung eine Rolle. Die Argusaugen der Zöllner sehen am Röntgenmonitor, ob ein Paket einen doppelten Boden hat und erkennen, wenn der Inhalt eines Teebeutels so gar nicht nach Tee aussieht.

Zoll am Flughafen Frankfurt: Arbeit ist kein leichtes Unterfangen

Wenn das Hauptzollamt, das für die Kontrollen zuständig ist, erfolgreich war und es um „nicht geringe Mengen“ von Rauschgift geht, wie es im Fachjargon heißt, beginnt für Maier und seine Kollegen vom Zollfahndungsamt die Arbeit. „Flieger“ heißt eine Sondereinheit, die sich auf Darknet-Drogenlieferungen spezialisiert hat und die mit Behörden in aller Welt kooperiert, um Absender und Empfänger ausfindig zu machen.

Wegen der verschlüsselten Kommunikation im Darknet und des oft konspirativen Vorgehens der Täter ist das kein leichtes Unterfangen. Lieferungen überwachen und Scheingeschäfte tätigen dürfen die Ermittler nur bei begründetem Tatverdacht und auf Anordnung der Staatsanwaltschaft. Doch die Mühe lohnt sich. So konnten die Frankfurter Zollfahnder etwa Anfang des Jahres die Betreiber eines Darknet-Drogenshops überführen.

Die acht Beschuldigten aus Bayern, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sollen sich mit ihrem florierenden Versand in 1400 Fällen des Handels mit Betäubungsmitteln schuldig gemacht haben. Insgesamt konnten Fahnder laut Bundeskriminalamt (BKA) im vergangenen Jahr rund 39 Drogen-Online-Shops mit Bezug zur Bundesrepublik identifizieren und 20 davon abschalten.

Flughafen Frankfurt: Mehr als 20 Schusswaffen allein 2020 sichergestellt

Doch nicht nur Drogen spüren Maier und seine Kollegen im Internationalen Postzentrum auf. Sie konfiszieren auch verbotene Dopingmittel und Medikamente, Produktfälschungen, Waffen oder Waffenteile, etwa Schalldämpfer. 21 Schusswaffen stellte der Zoll allein 2020 im IPZ sicher.

„Täter im Darknet sollten sich nicht zu sicher fühlen“, sagt Maier. „Auch wir sind dort unterwegs – und statt DHL stehen dann eventuell auch mal unsere Ermittler vor der Tür.“ Egal wo. Im Fall von Pflastern, die mit Fentanyl, einem hochpotenten Betäubungsmittel, versetzt waren, führte eine Spur die Ermittler von Frankfurt bis nach Kanada. In Ottawa klopften Fahnder dann an die Tür einer 21-Jährigen. Verbrechen kennt durch das Darknet keine Grenzen. Die Ermittler kennen aber auch keine. (Julian Dorn)

Kurz vor der Landung am Flughafen Frankfurt musste eine Maschine kürzlich wieder durchstarten. Nur so konnte der Pilot einen Unfall verhindern.

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