Darkan Kambyshev trainiert, Tigerpalast-Direktorin Margareta Dillinger schaut zu. Es sei manchmal schwergefallen, sich ganz ohne Shows zur täglichen Arbeit zu motivieren, sagen die Künstler. Zum Glück konnten sie die Krisenzeit über im Varieté bleiben. FOTO: enrico sauda
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Darkan Kambyshev trainiert, Tigerpalast-Direktorin Margareta Dillinger schaut zu. Es sei manchmal schwergefallen, sich ganz ohne Shows zur täglichen Arbeit zu motivieren, sagen die Künstler. Zum Glück konnten sie die Krisenzeit über im Varieté bleiben.

Neustart Ende Oktober

Im Tigerpalast hängen alle in den Seilen

  • VonBrigitte Degelmann
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Wie sich das Varieté und seine Artisten durch die Corona-Krise kämpfen

Frankfurt -Darkan schwebt. Beine, Rumpf, Arme, Kopf perfekt waagrecht ausgerichtet, in drei Metern Höhe - sein ganzer Körper lediglich gehalten von zwei dicken Bändern, den sogenannten Strapaten, die von der Decke des Tigerpalasts hängen und die er teilweise um seine Arme geschlungen hat. Nur ein leises Zittern verrät, welche Anstrengung es ihn kostet, der Schwerkraft in mustergültiger Balance zu trotzen.

Normalerweise würde bei diesem Anblick ein Raunen durch die Zuschauerreihen gehen, würden Dutzende Hände Applaus klatschen. Aber was ist schon normal in diesen Pandemie-Zeiten? Eineinhalb Jahre schon hat der Frankfurter Tigerpalast kein Publikum mehr gesehen. Zwar ist nun für Ende Oktober die Wiedereröffnung geplant. Dennoch bedeutete die 19-monatige Zwangspause nicht nur für das Team des Varieté-Theaters um die beiden Direktoren Johnny Klinke und Margareta Dillinger eine Katastrophe, sondern vor allem für die Künstler selbst. Aus finanziellen Gründen, klar, denn Kurzarbeitergeld und andere soziale Absicherungen gibt es für sie nicht.

Doch es gibt noch andere Probleme. "Man kann nicht einfach mit dem Training aufhören, dann verliert man alles ganz schnell", sagt Rollschuh-Artistin Kathy Donnert. "Drei bis vier Wochen Pause, das holt der Körper nicht mehr so einfach ein", bestätigt Margareta Dillinger. Heißt also: weitertrainieren, Tag für Tag - ohne zu wissen, wann man wieder auftreten kann.

Auch der Vermieter half mit

Um die Artisten zu unterstützen, stellt ihnen der Tigerpalast nach wie vor seine Räume in der Heiligkreuzgasse zur Verfügung - umsonst. Nicht nur Bühne und Saal für das Training, sondern auch die elf Wohnungen darüber. Ein Engagement, das auch durch das Entgegenkommen des Vermieters möglich wurde, der bis zur Wiedereröffnung auf die Miete verzichtet. "Für mich war ganz schnell klar: Die Tür bleibt offen", sagt Margareta Dillinger. Obwohl auch sie zutiefst geschockt war von der Schließung.

"Oh Gott, jetzt bricht alles zusammen"

Mitte März 2020 habe es noch eine Aufführung gegeben, erinnert sich die Direktorin. Am nächsten Tag unternimmt sie mit einer Artistin einen langen Spaziergang, ohne Handy. Als sie zurück zum Auto kommt, findet sie eine knappe Botschaft auf ihrem Smartphone: "Ab sofort darf nicht mehr gespielt werden." Dillingers erster Gedanke: "Oh Gott, jetzt bricht alles zusammen!"

Trotzdem entscheiden sie und Johnny Klinke, niemanden vor die Tür zu setzen. Ihr Angebot, erst einmal zu bleiben, nehmen rund zehn Künstler dankbar an. Auch deshalb, weil eine Rückkehr in ihre Heimatländer während des Lockdowns kaum möglich ist. So trainieren sie eben in Frankfurt weiter, warten, hoffen, stützen sich gegenseitig - und genießen die Pasta-Gerichte, die Akrobat Ivan Pellegrini gelegentlich für alle zaubert. "Er ist ein begnadeter Koch", schwärmt Margareta Dillinger.

Während der Corona-Monate bildet sich jedoch keine feste Gemeinschaft, sondern es ist eher ein ständiges Kommen und Gehen. Manche Artisten bleiben nur für ein paar Tage oder Wochen, andere hingegen Monate. Und sie sind zutiefst dankbar dafür, dass der Tigerpalast ihnen für die Zeiten, in denen man eigentlich spielen wollte, die Hälfte der Gagen zahlt. Eine kaum zu überschätzende Hilfe angesichts der finanziellen Not vieler Künstler. Sie kenne einige, die in den vergangenen Monaten in einer Bar gearbeitet, Pizza verkauft oder sich gar als Anstreicher verdingt hätten, um die Familie ernähren zu können, erzählt Kathy Donnert.

Dazu die peinigende Ungewissheit, wie und wann es weitergeht. Wie eine Achterbahnfahrt sei das, sagt die Rollschuh-Artistin, die mit ihrem Mann Marcello Giurintano seit Anfang November in Frankfurt lebt. Erst die Hoffnung auf den Sommer 2020. Dann auf die Herbstsaison. Dann auf das Frühjahr 2021. Und jedes Mal wieder die Enttäuschung: klappt nicht, die Infektionszahlen sind zu hoch.

Sich unter solchen Umständen trotzdem jeden Tag zum Training zu quälen, fällt auch Profis wie Kathy Donnert und Darkan Kambyshev schwer. Seit seinem fünften Lebensjahr turnt der gebürtige Kasache, der an der Zirkusschule in Kasachstan studierte und seit Jahren in Frankfurt lebt. Immer mit dem Ziel, mit seinem Können das Publikum zum Staunen zu bringen. "Die Motivation ist der Auftritt abends, die Bühne", sagt Margareta Dillinger. Doch was, wenn dieser Antrieb wegfällt? Ja, manchmal hätten ihn in den vergangenen Monaten schon Selbstzweifel beschlichen, sagt Darkan Kambyshev. "Wofür mache ich das eigentlich?", diese Frage spukte nicht nur einmal durch seinen Kopf.

Umso wichtiger ist die Gemeinschaft, die sich im Tigerpalast trotz des ständigen Kommens und Gehens formiert hat. Und vor allem die Unterstützung durch Margareta Dillinger, die nicht nur Ansprechpartnerin und Trösterin blieb, sondern sich auch mal um einen dringend benötigen Impftermin kümmerte. "Margareta ist wie eine Mama für uns", sagt Kathy Donnert dankbar. "Es ist so ein Glück, dass wir sie haben", fügt Marcello Giurintano hinzu. "Der Tigerpalast ist für uns wie eine Familie." Eine Familie, die nun den Tag der Wiedereröffnung am 29. Oktober herbeisehnt. Denn, sagt Kathy Donnert, "wir können so viel üben wie wir wollen, ohne Publikum wird das nie dasselbe sein".

Brigitte Degelmann

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