Wer in Oberrad im Wald unterwegs ist, hat ihn sicher schon gesehen: Naturheilkundler Stefan, der im Stadtwald für seinen eigenen Hausgebrauch fast täglich auf Heilkräutersuche geht. FOTO: hamerski
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Wer in Oberrad im Wald unterwegs ist, hat ihn sicher schon gesehen: Naturheilkundler Stefan, der im Stadtwald für seinen eigenen Hausgebrauch fast täglich auf Heilkräutersuche geht.

Frankfurter Medizinmann

Im Wald, da wachsen die Kräuter

  • Stefanie Wehr
    VonStefanie Wehr
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Spaziergang durch den Stadtforst mit einem Naturheilkundler

Wer morgens im Oberräder Wald spazieren geht, hat gute Chancen, den Mann mit Korb in der Hand zu treffen. Ein Taschenmesser zum Wurzeln ernten, ein Pfeifchen und ein Säckchen hat er darin. Manchmal sucht er etwas Bestimmtes, so wie heute. "Nelkenwurz ist gut bei Zahnschmerzen", erläutert er. Der Kräuterkundler heißt Stefan, möchte seinen vollen Namen aber nicht in der Zeitung kundtun. Der Oberräder wohnt nicht weit vom Feld entfernt, geht fast jeden Morgen auf Tour. "Die Menschen müssten mehr rausgehen. In der Natur wird der Kopf frei, man kommt zu sich", ist er überzeugt.

Zum Spaziergang hat er gestern an einem speziellen Tag eingeladen: Samhain, das irisch-keltische Fest am 11. Neumond, aus dem Halloween hervorgegangen ist. Der studierte Naturheilkundler, der sich zudem mit europäischer Mythologie und Schamanismus gut auskennt, bietet Kräuterwanderungen in Wald und Feld für Interessierte an. Termine dafür schreibt aber nicht mehr aus. "Wer eine Kräuterführung machen oder etwas Bestimmtes wissen möchte, kann mich gern kontaktieren. Ich gebe mein Wissen weiter und helfe Menschen, die es brauchen können".

Holunder und Frau Holle

Man braucht nicht weit gehen, um zahlreiche Pflanzen zu finden, über die der 45-Jährige berichten kann. "Auf hundert Metern hier am Waldrand kann ich Stunden füllen, hier wächst so vieles". Sagt's und zeigt auf kahle Äste, die am Feldrand aus dem Boden ragen. "Das ist ein Holunderbusch." Der Name Holunder geht zurück auf Frau Holle, die Märchenfigur, die in der europäischen Mythologie die Himmelsgöttin ist, die als Schutzpatronin für das Wohlergehen der Menschen und Pflanzen sorgt. Der Holunder ist gut, um Fieber nach oben zu treiben und die Immunabwehr zu stärken. "Wie der Beifuß, der hier daneben wächst, steht der Holunder für das weibliche Prinzip", erklärt Stefan. Früher räucherten die Menschen mit getrockneten Kräutern ihre Häuser aus, um Krankheiten loszuwerden. "Sie glaubten, dass schlechte Geister vertrieben werden müssen". Wie man heute weiß, werden beim Räuchern von Beifuß Pharmakone freigesetzt, die antibakteriell wirken. Also hat das Räuchern tatsächlich etwas gebracht.

Schulmedizin ist nicht alles

Der Naturkundler stellt klar: "Der Glaube an Heilkraft allein reicht nicht, es muss auch ein wissenschaftlich plausibler Nachweis her." Ihm hat die Naturheilkunde bei einer schweren Krankheit geholfen - zusätzlich zur unerlässlichen Schulmedizin. Wer ernsthaft krank sei, solle zum Arzt gehen. "Die Wirkung von Heilpflanzen ist begrenzt und tritt oft erst nach längerer Einnahme ein", erklärt er.

Er selbst sieht den Nutzen der Pflanzen pragmatisch. "Ich möchte aber keine chemischen Tabletten mehr zu mir nehmen, deshalb greife ich lieber zu Mitteln aus der Natur." Wer zum Beispiel akute Kopfschmerzen hat, kann einen Sud aus Weidenrinde trinken. "Die Weide wurde früher verehrt, weil ihre Rinde schmerzlindernd wirkt. Das liegt an der Salicylsäure, die auch in Aspirin steckt." Vorteil gegenüber der Tablette: weniger schädliche Nebenwirkungen.

Und so findet sich ein Wildkraut nach dem anderen am Rand des Hansenwegs. Zitronenmelisse, Schafgarbe, Löwenzahn. Dann führt der Weg über ein Brückchen in den Wald. Auf dem regennassen Boden sprießen derzeit die Pilze. Die sind nicht das Fachgebiet des Kräuterexperten, aber eine Geschichte zum Fliegenpilz hat er parat: Möglicherweise sind die roten Christbaumkugeln ein Verweis auf den uralten Brauch, rote Fliegenpilze zum Trocknen an einen Baum vor dem Haus zu hängen. Denn die giftigen Gesellen wurden von unseren Vorfahren in gekochter Form verspeist, so wurde das Gift unschädlich gemacht. Wer eine halluzinogene Wirkung erzielen wollte, verzichtete auf das Kochen. "Fliegenpilze waren früher wertvolle Nahrung." Auf Experimente rät er aber zu verzichten. "Vor allem Kinder sollten die Pilze nicht anfassen, da das Gift auf die Haut übergehen kann".

Tipps vom Schamanen

Wichtig für ein gutes Immunsystem, das Erkältungen abwehren kann, ist eine ausgewogene Ernährung. Bei Halsschmerzen und Husten helfen Honig und Schleimstoffe, etwa das Harz vom Kirschbaum, das man auch kaufen und dann wie ein Bonbon lutschen kann.

Bei Schnupfen helfen Nasenspülungen mit Salzwasser. Viel trinken, am besten warmen (Salbei-) Tee, ist laut Naturheilkunde wichtig, denn der Körper will sich mit der Schleimabsonderung von Erregern befreien.

Wer mehr erfahren oder eine Kräuterwanderungen buchen will, findet Stefan über sein

Instagram-Account auf instagram.com/golden_needles_ffm oder morgens auf seiner Tour zwischen 6 und 9 Uhr im Oberräder Stadtwald. Stefanie Wehr

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