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Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) bei der Vorstellung der Machbarkeitsstudie, die zwei Reihen von Aktenordnern umfasst und Varianten aufgezeigt, wie es mit den technisch maroden Frankfurter Bühnen weitergehen kann.

Städtische Bühnen

Frankfurt: Wachsender Zuspruch für Neubau von Schauspiel und Oper

Vor anderthalb Jahren wurde die Machbarkeitsstudie zu den Städtischen Bühnen vorgestellt. Sowohl Sanierung als auch Neubau sollen rund 900 Millionen Euro kosten. Eine Entscheidung gibt es immer noch nicht. Doch ein Neubau findet immer mehr Fürsprecher.

Der Geist ist aus der Flasche. Nichts gilt mehr als unsagbar in der Debatte um die Zukunft von Städtischen Bühnen und Oper. Zwar wird derzeit die bauliche Sanierung der Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz geprüft. Vor gut vier Wochen hat die eigens dafür geschaffene Stabsstelle offiziell ihre Arbeit aufgenommen. Die vier Experten unter Leitung des Architekten Michael Guntersdorf sollen im Sommer kommenden Jahres Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) ihre Erkenntnisse vorlegen: Ist eine Bestandssanierung auch mit weniger als 800 Millionen zu realisieren? Ist die Instandsetzung der Kulturbauten wirtschaftlich und machbar oder neu zu bauen empfehlenswerter? Das ist die Frage, auf die es am Ende zuläuft.

Kosten sind unklar

Während Ina Hartwig mit betonter Zurückhaltung auf die Was-wäre-wenn-Frage reagiert und sich vorerst nicht äußern will zu Optionen und ihren Vorstellungen zu möglichem Neubau am alten Ort oder an einem anderen, zu getrennten Häusern gar für Schauspiel und Oper, hat Opernintendant Bernd Loebe unlängst seine Präferenz öffentlich präsentiert, bei einer Veranstaltung in seinem Haus: Er plädiert für einen Neubau, gern auch getrennte Häuser. „Das hat mich wirklich erstaunt“, kommentiert Stefan von Wangenheim, kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Römer. „Eigentlich reden wir aber momentan wie die Blinden von der Farbe, weil wir nicht mal wissen, wie teuer eine Bestandssanierung wirklich würde. Da gibt es Zahlen von 800 Millionen bis 150 Millionen Euro.“

Nun ist es nicht so, dass Stefan von Wangenheim sich bislang nicht beschäftigt hätte mit der Option Neubau. Schließlich hat er teilgenommen an einer Informationsreise, die die Mitglieder des Kulturausschusses nach Kopenhagen und nach Oslo führte, um die dortigen Schauspiel- und Opernhäuser in Augenschein zu nehmen.

„Spektakuläre Bauten“

„Spektakuläre Bauten direkt am Wasser mit ungeheurer Wirkung auf den Besucher“, sagt Wangenheim. Beeindruckt seien wohl alle Reiseteilnehmer gewesen. Die Faszination eines Kulturbaus am Wasser würde Thomas Dürbeck, kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion und mit von der Partie beim Skandinavien-Trip, auch gern in Frankfurt realisiert sehen, während von Wangenheim auch im Falle eines Neubaus eine Doppelanlage am bewährten Standort Willy-Brand-Platz als beste Option ansieht. Die Anekdote vom Treffen zwischen Ignaz Bubis und dem amerikanischen Architekten Jerry Spyer gibt er noch rasch zum Besten. Die beiden Herren trafen sich, nachdem die Oper im November 1987 nach einem Brand in Schutt und Asche lag, so erzählt er. Spyer habe ein besonderes Angebot vorgetragen: Überlasst mir das Grundstück für 99 Jahre zur Erbpacht. Ich baue ein Hochhaus und für die Stadt in Unter- und Erdgeschoss Schauspiel und Oper. Es kam bekanntermaßen anders. Heute, sagt Stefan von Wangenheim, würde eine solche Lösung sicherlich nicht mehr kostenfrei für die Stadt sein, aber gewiss erschwinglicher als jeder Neubau. Wie viel Charme hätten Opern- und Schauspielhaus in einem Hochhaus mit Büros und Wohnungen? „In Amerika gehen die Leute auch ins Theater“, sagt er lakonisch. Mit Charme-Fragen will er sich derzeit nicht aufhalten.

Der Idee mit der Verwertung des Areals am Willy-Brand-Platz und dem Bau eines Hochhauses kann auch Thomas Dürbeck viel abgewinnen. Weil es einen Teil der für den Neubau von Schauspiel und Oper erforderlichen Summe einbrächte. Weil in Unter- und Erdgeschoss des gedachten Nutzturms Kultur einziehen könnte. Freilich nicht Schauspiel und Oper, sondern das Museum für Moderne Kunst und womöglich das Weltkulturen Museum. Schauspiel und Oper indessen will Dürbeck ans Wasser rücken: Osthafen, Mayfarthstraße 14. Die Liegenschaft, derzeit genutzt von einem Baustoffhandel, dessen Pachtvertrag in wenigen Jahren ausläuft, gehöre den Hafenbetrieben, sei also städtischer Eigenbetrieb. Das macht es aus Dürbecks Sicht leicht, das rund 14 000 Quadratmeter große Grundstück für den Neubau von Kulturneubauten zu nutzen. Der Platz sei so reichlich, dass sich dort leicht Opernhaus und Schauspiel samt Werkstätten und Probebühnen unterbringen ließen. Der Forderung einer innenstadtnahen Lage der Kulturstätten hält Dürbeck für nicht mehr zeitgemäß. „Alle neuen Opern- und Schauspielhäuser in aller Welt sind nicht mehr in der Innenstadt“, stellt er fest. Natürlich habe der Spott von Skeptikern, die meinten, Dürbeck wolle eine Art Elbphilharmonie am Main, also eine Mainphilharmonie bauen lassen, sein Ohr erreicht, sagt der CDU-Politiker und lacht. Ihm gehe es aber nicht darum, etwas zu kopieren, sondern Anregungen zu geben für eine Lösung, die dem zugedachten Zweck und der Stadt Frankfurt gerecht würden.

von SYLVIA A. MENZDORF

Kommentar

Opernintendant Bernd Loebe hat die Erörterung der Zukunftsideen für Schauspiel und Oper beherzt in Schwung gebracht, hat die Debatte gleichsam vom gemäßigten Adagio zum munteren Allegro geführt. Getrennte Häuser, dezentrale Lage – alles hat er ins Spiel gebracht. Das ist nicht schädlich, auch wenn Michael Guntersdorf mit seinem Team gerade erst begonnen hat, Möglichkeiten und Wirtschaftlichkeit einer Bestandssanierung zu prüfen. Ideensammlungen und Planspiele sabotieren nicht den Auftrag der Prüfer. Vielmehr zeigt eine lebhafte Diskussion um Standorte und Ausführungsmöglichkeiten, wird sie unverdruckst und offen geführt, welch hohen Stellenwert die Kultur in der Stadtgesellschaft hat, wie groß das Potenzial im vermeintlich an charmanten Lagen armen Frankfurt ist. Dass Schauspiel und Oper unabdingbar, siamesischen Zwillingen gleich, zusammengehören, ist ein nicht mehr zeitgemäßes Dogma. Die Wiederauferstehung des Seeling-Baus mag angesichts der Anziehungskraft, die die neue Altstadt entfaltet, verlockend erscheinen, ist aber rückwärts gewandt und erscheint vor allem vordergründig auf den Effekt, den ein Prachtbau im Stadtbild entfaltet, gerichtet zu sein. Faszinierend indessen ist die Idee eines Neubaus im Osthafen. Weil Wassernähe per se bezaubert. Weil der Hafen eine unglaubliche Aufwertung erführe. Weil ein moderner Kulturbau in Mainnähe ein ganz neues Lebensgefühl in der Stadt zur Entfaltung brächte.

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