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Immer weniger Durst auf Bier

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Von: Sören Rabe

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Das Sudhaus der Binding-Brauerei in der Darmstädter Landstraße. Mittlerweile gehört die traditionsreiche Frankfurter Marke zur Radeberger Gruppe.
Das Sudhaus der Binding-Brauerei in der Darmstädter Landstraße. Mittlerweile gehört die traditionsreiche Frankfurter Marke zur Radeberger Gruppe. © Leonhard Hamerski

Die Brauereien der Stadt klagen besonders unter Corona über starke Umsatzverluste - ihre Onlineshops bauen sie umso stärker aus.

Frankfurt. Deutschland gilt noch immer als das Bierland. Doch der deutsche Biermarkt ist seit Jahren rückläufig. Die Pandemie hat den Trend noch forciert. Der Branchenprimus, die Radeberger Gruppe, zu der unter anderen die Frankfurter Marken wie Binding oder Henninger gehören, ist davon genauso betroffen wie Frankfurts kleinere Brauereien.

Birte Kleppien, Sprecherin der Radeberger Gruppe, verweist auf Branchenbeobachter, die davon ausgehen, dass der Inlandsabsatz allein in den Corona-Jahren 2020 und 2021 um 6,6 Millionen Hektoliter nachgegeben hat. "Unsere Gruppe ist von den Rahmenbedingungen und Entwicklungen leider nicht ausgenommen - so viel können wir bereits sagen, selbst, wenn unser Jahresabschluss 2021 noch nicht abschließend erstellt ist." Detailangaben zu den Frankfurter Marken können nicht gemacht werden.

Der Fassbierabsatz war insbesondere während der Lockdowns infolge abgesagter Veranstaltungen sowie der Beschränkung des Gastgewerbes auf den Außer-Haus-Markt praktisch zum Erliegen gekommen. Auch die Radeberger Gruppe habe Fassbiermengen zurückgeholt, so die Sprecherin weiter. "Seither haben wir unsere Produktionsplanung jedoch angepasst, so dass unser Fassbiergeschäft zwar leidet, wir aber anders disponieren als zu Beginn der seinerzeit noch unbekannten pandemischen Lage."

Auch in einem rückläufigen Biermarkt könnten aber noch Erfolgsgeschichten geschrieben werden. Dabei verweist Birte Kleppien auf die Marke Schöfferhofer Grapefruit. Dies habe beispielsweise ein ganz eigenes Segment eröffnet. "Und mit Radeberger Alkoholfrei erweitern wir unser Portfolio in diesem Jahr um ein weiteres vielversprechendes Neuprodukt, denn kein anderes Segment hat so stark zugelegt wie die Alkoholfreien." Fast 700 Millionen Liter würden nach Angaben der Radeberger Gruppe hierzulande inzwischen pro Jahr gebraut und damit doppelt so viel Alkoholfreies wie noch vor zehn Jahren.

Radeberger Gruppe steuert nach

Was viele Frankfurter nicht wissen: Mit Braufactum hat Radeberger in der Mainmetropole ein eigenes Craft-Bier-Segment. Seit gut zehn Jahren auf dem Markt ist es bisher allerdings nicht über ein Nischen-Dasein hinausgekommen. Mittlerweile hat die Gruppe den Vertrieb übernommen, wie die Unternehmenssprecherin bestätigt.

"Da wir mit Braufactum dauerhaft und deutschlandweit eine relevant große Anzahl an Kunden und Konsumenten gewinnen wollen, unterstützen wir Braufactum mit unserer Vertriebspower." Dabei habe sich die Gruppe auf die drei beliebtesten Sorten Progusta, German Pale Ale und The Brale fokussiert, die in der Flasche über den Handel oder auch im Fass in der Gastronomie vertrieben würden.

Auch wenn die übrigen Mitbewerber in der Mainmetropole nur in kleinen Mengen ihr Gebrautes an die Leute bringen, es gibt sie. So wie die Brauerei Flügge in Goldstein. 2017 gegründet, wollten die beiden Macher 2020 so richtig durchstarten - dann kam Corona. "Dass es uns noch gibt, haben wir unseren Gesellschaftern zu verdanken", gibt Joachim Amrhein, zusammen mit Dominik Pietsch, Geschäftsführer der kleinen Brauerei in der Goldsteinstraße 254, unumwunden zu. Während 2019 noch 200 Hektoliter Bier abgesetzt werden konnten, waren es 2021 nur noch rund 120 Hektoliter.

Nicht nur die Gastronomie, die für Flügge keine Rolle spielt, leidet seit Beginn der Pandemie unter den Auswirkungen. Für ihren eigenen Vertrieb sind 80 Prozent des Auslandsmarktes und 50 Prozent des innerdeutschen Marktes weggebrochen. "Wir haben praktisch nur noch im Rhein-Main-Gebiet Partner", sagt Amrhein. Auf Hilfen vom Bund oder Land könne man nicht hoffen. Einmal gab es im März 2020 eine Sofort-Hilfe in Höhe von 10 000 Euro. Bei monatlichen Kosten in Höhe von 16 000 Euro war das noch nicht einmal der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.

Mit neuen Konzepten erfolgreich am Markt

Ein anderes Bild bietet sich bei Braustil im Nordend. Die Mikrobrauerei, die Anfang 2014 gegründet wurde, hat die Pandemie relativ unbeschadet überstanden. "Freud und Leid haben sich abgewechselt", heiß es da vom Operations Manger. Einerseits hatte auch Braustil gerade zu Beginn des Lockdowns im März 2020 Absatzprobleme, so dass auch geringe Menge des bereits abgefüllten Bieres abliefen und somit unverkäuflich wurden. Aber andererseits habe man auch neue Geschäftsfelder erschlossen, die Website relauncht, das Online-Geschäft neu aufgestellt. Das Weihnachtsgeschäft lief hervorragend.

Die Frankfurter Brauunion, seit 2018 auf dem Markt, hat ein ganz anderes Konzept. "Wir sind das Mainstream-Gegenstück zur Craft-Bier-Welle", sagt Geschäftsführer und Mitgründer Sven Weisbrich. Das Unternehmen, das mit dem Frankfurter Gründerpreis ausgezeichnet wurde, konzentriert sich auf ihr Helles, dazu gibt es noch ein alkoholfreies Radler und Sondereditionen. Bekannt geworden ist die Marke mit dem Logo FXXXXFXXXXR. "Da wir noch nicht in Frankfurt brauen, haben wir Frankfurter eben verfremdet", erklärt der Geschäftsführer. Mittlerweile ist der Name so gut angekommen, dass sie das nicht mehr ändern wollen.

Auch die Brauunion hat der erste Lockdown "kalt erwischt". Damals war das Lager am Standort Danzig am Platz voll. "Die Gaststätten mussten schließen und wir standen da mit unseren abgefüllten Flaschen", erinnert sich Weisbrich. Über Nacht sei ein Online-Shop entstanden, die Bierliebhaber konnten ihre Bestellungen direkt am Lager abholen. "Kontaktlos", wie Weisbrich betont.

Mittlerweile habe man die Vertriebswege überarbeitet, Kioske und kleinere Läden werden beliefert. Der Umsatz habe sich von 2020 auf 2021 verdoppelt. Das Konzept, auf regionale Produkte zu setzen, kommt in Frankfurt an. Sören Rabe

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