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Reportage

In Deutschland sterben die Schwimmer aus

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr: In Deutschland gibt es immer mehr Nichtschwimmer. Schwimmvereine schlagen Alarm: In den Schwimmbädern mangelt es an Platz für Schwimmkurse. Und auch der wirtschaftliche Aspekt wird ein zunehmendes Problem.

Chlorgeruch zieht mir in die Nase, die Luft ist feucht. Leise spielt ein Radio im Hintergrund, um mich herum rauscht und plätschert es. Ganz klar, ich bin im Schwimmbad. Es ist 14.45 Uhr, ich befinde mich in der Schwimmhalle des Landes-Sport-Bundes in Frankfurt. Mein erster Blick fällt auf das große 50 Meter-Becken vor mir. Vier Kinder, alle nicht älter als sechs, tummeln sich im Wasser. Es wird gelacht und alle haben sichtlich Freude an der Bewegung. Was nach Spaß aussieht, ist im Zweifel überlebenswichtig. Denn die Kinder lernen schwimmen. Das ist in Deutschland mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr.

In Schulen gibt es immer weniger Schwimmunterricht

Immer mehr Kinder in Deutschland sind Nichtschwimmer. So können laut einer aktuellen Forsa-Umfrage der Deutschen-Lebensrettung-Gesellschaft 59 Prozent der Zehnjährigen nicht mehr richtig schwimmen. Ein sicherer Schwimmer ist, wer mindestens eine Strecke von 200 Metern alleine zurücklegen kann. Gerade einmal 40 Prozent der sechs-bis zehnjährigen haben überhaupt ein Jugendschwimmabzeichen und nur noch 36 Prozent lernen in der Grundschule schwimmen. Zum Vergleich: Bei den über 60-Jährigen waren es noch 56 Prozent, die durch die Schule schwimmen lernten. Der Grund für den rapiden Rückgang der Schwimmkompetenz ist schnell ausgemacht: Es gibt in Deutschland schlicht zu wenig Platz zum Schwimmen. Jährlich werden 80 Bäder geschlossen und nicht ansatzweise genug neue eröffnet oder restauriert. 25 Prozent der Schulen in Deutschland können auf gar kein Schwimmbad in der Nähe zurückgreifen. Auch für die Vereine wird´s eng in den deutschen Schwimmbecken.

Ordentlich aufgereiht: Die Handtücher sind abgelegt und jetzt geht's ins kühle Nass

Viele Kinder, zu wenig Kurse

„So, wer von euch kann mir noch mal die Froschbeine zeigen?“, fragt Trainer Benjamin Busch in die Runde. Er ist von großer Statur, hat braune Haare und trägt eine rote Badehose. Der ehemalige Leistungsschwimmer leitet den heutigen Seepferdchen-Kurs. Ziel ist es, dass seine Sprösslinge am Ende der zehn Stunden 25 Meter ohne Hilfsmittel schwimmen, alleine ins Becken springen und tauchen können. Es ist bereits der zweite Kurs an diesem Tag. Alle vier Kinder sitzen neben dem Becken auf ihren Schwimmbrettern; sie üben Arm-und Beinbewegungen. Es ist die Aufwärmrunde, bevor es ins Wasser geht. „Wir könnten noch mehr Kurse anbieten, wenn wir den Platz hätten, die Nachfrage ist sehr hoch," erklärt Busch, während er die Kinder nicht aus den Augen lässt. Aber durch die gerade einmal vier Bahnen in dem Becken, die dem Verein zur Verfügung stehen, müssten oft Kompromisse mit anderen Trainingsgruppen eingegangen werden. Manchmal könne ein Kinderschwimmkurs das Becken gar nicht benutzen. „Das ist schon sehr traurig“, sagt Busch. Er vermutet, dass die Nachfrage bei Schwimmkursen auch in den nächsten Jahren sehr hoch bleiben wird. Der Bau neuer und besserer Bäder müsse unterstützt werden, um mehr Möglichkeiten zur Förderung zu bieten. Durch den mangelnden Platz und die dadurch resultierenden Kursüberbuchungen sei das Schwimmen lernen „eine finanzielle Frage“ geworden. Einen Kurs, der üblicherweise über 100 Euro kostet, können sich schlicht und einfach nicht mehr alle leisten.

Hohe Nachfrage lässt die Preise steigen

Im Nichtschwimmerbecken üben die Kinder das Tauchen. Benjamin Busch nimmt jeweils zwei Kinder in den Arm und bei drei wird tief Luft geholt. Zusammen „verstecken“ sie sich unter Wasser. Die Kinder lachen ausgelassen und lernen gleichzeitig, den Kopf unter Wasser zu halten. Nur ein Mädchen mit braunen, kurzen Haaren traut sich noch nicht. Sie wirkt schon älter als die anderen und viel zurückhaltender. Ihre Mutter auf einer Bank am Beckenrand. Ihr Kind ist Autistin. „Ich finde es super wichtig, dass Kinder schwimmen können“, sagt die Mutter. Allerdings sei es gar nicht so einfach gewesen, einen Kursplatz zu bekommen, besonders mit einem behinderten Kind, erklärt sie mir. Zwei Monate habe sie gesucht, bis sie einen Platz in Frankfurt gefunden hat. Sie habe den Unterricht für ihre Tochter der Schwimmschule überlassen, da Fremde besser seien zum Lernen. Die Kinder würden weniger Blödsinn machen und hätten gleichzeitig mehr Spaß in der Gruppe, findet sie.

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Die Schwimmkompetenz nimmt immer mehr ab

Dass die Eltern immer öfter ihre Kinder in die Hand der Schwimmtrainer geben, kann auch Christian Hildebrandt bestätigen, Schulschwimmlehrer in Darmstadt und Frankfurt. Entweder ein Schwimmkurs, oder sie lernen es gar nicht, so seine These. Denn das institutionalisierte Lernen finde an den Schulen immer weniger statt. Es gebe teils Klassen, in denen 15 Kinder nicht schwimmen können, erzählt Hildebrandt. Es mangele an Vorbildung durch die Eltern beim Schwimmen und erschwere das Unterrichtskonzept in der ohnehin schon knappen Zeit. Die individuellen Fähigkeiten innerhalb einer Schulklasse seien zu unterschiedlich, als dass man sie unter einen Hut bringen könne. „Das System ist nicht so, wie die Regierung beschreibt.“, so Hildebrandt. Es bedürfe mehr ausgebildeten Lehrkräften für die hohe Anzahl an Schülern. Oft hätten Erstere nur einen temporären Vertrag an den Schulen. Generell sei mehr individuelle Förderung, besonders in den Schulen, nötig.

Es ist mittlerweile 15.30 Uhr und die Schwimmstunde neigt sich dem Ende zu. Alle Kinder müssen aus dem Wasser und gemeinsam laufen sie mit Benjamin Busch zu den Duschen. Dort warten bereits die Eltern. Sie sind sichtlich stolz auf den Fortschritt ihrer Sprösslinge. Und darauf, einen der so begehrten Plätze im Schwimmkurs ergattert zu haben.

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