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Impfen als Akt der Nächstenliebe

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Von: Michelle Spillner

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Dr. Pierre Tombou impft unter dem Kreuzrippengewölbe des Vorraums des Doms eine Frau gegen Covid-19.
Dr. Pierre Tombou impft unter dem Kreuzrippengewölbe des Vorraums des Doms eine Frau gegen Covid-19. © Michelle Spillner

Im Frankfurter Dom gab es an Heiligabend vor der Bescherung noch ein besonderes Geschenk.

Frankfurt. Die Menschen in der kleinen Schlange auf dem Vorplatz des Frankfurter Doms stehen am frühen Heiligabend nicht für Bethmännchen an oder Backwaren. Sie wollen sich vor der Bescherung noch eine Impfung gegen Covid-19 abholen - ein besonderes Geschenk zum Fest. Für die Sonderimpfaktion der Stadt Frankfurt haben drei Ärzteteams im Vorraum des Frankfurter Doms unter dem Gewölbe neben dem Weihwasserspender mit blauen Stellwänden drei kleine Abteile aufgebaut. Dahinter Tische, darauf Computer, Spritzen, Kanülen, Impfdosen, Einmalhandschuhe. Davor jeweils ein Stuhl, auf dem die "Impflinge" Platz nehmen können. Das Formale ist schnell geklärt. Schon bei der Online-Anmeldung zum Impfen konnte man angeben, die wievielte Impfung man nun möchte. Die meisten lassen sich boostern.

Es geht schnell: "Welcher Arm soll es denn sein", fragt Dr. Pierre Tombou. "Rechts bitte", antwortet die Dame, die sich gerade aus ihrem Mantel geschält hat. Ärmel hoch, ein Piks, Ärmel wieder runter, Jacke an. Drei Minuten hat es vielleicht gedauert. Auch in der Nachbarkabine der Leitenden Ärztin Elisabeth Köhler nimmt schon der nächste Gast Platz. 15 Minuten sollen die Geimpften noch bleiben, für den äußerst seltenen Fall, dass man die Impfung nicht verträgt. 15 Minuten, die an diesem besonderen Ort zu einem besonderen Moment der inneren Einkehr werden - und zwar für alle diejenigen, die die Wartezeit in der dreischiffigen Hallenkirche verbringen - im Angesicht von wertvollen Altären und Grabmalen der Spätgotik. Ein wenig Weihrauch hängt zwischen den erhabenen Sandsteinsäulen. Unter dem Kreuzrippengewölbe inmitten der Ostwest-Achse von 64 Metern Länge relativiert sich doch so manches - auch der kleine Schmerz am Oberarm.

Angestoßen wurde die Impfaktion von der katholischen Stadtkirche. Vor dem Hintergrund, dass es im Moment darum gehe, so viele Menschen zu impfen und zu boostern wie möglich, habe sie beim Frankfurter Gesundheitsamt nach der Möglichkeit einer Impfaktion im Dom nachgefragt, schildert Dr. Brigitte Sassin, Referentin der katholischen Stadtkirche. Einziger zeitnah verfügbarer Termin sei eben Heiligabend gewesen. Und da habe sie sich gedacht: Warum nicht? Mehr noch: Den Impftermin an Heiligabend findet sie "sehr stimmig". Es sei der Zeitpunkt, an dem Gott zum Menschen werde, und die Menschen müssten aufeinander und auf die Schöpfung achtgeben. Schnell nach ehrenamtlichen Helfern Ausschau gehalten. So steht nun ihre Nachbarin Dr. Ulrike Gerdiken an der Tür und regelt den Einlass, und am Ausgang gibt Claudia Rinck Weihnachtswünsche, Spekulatius und Schokoladen-Nikoläuse mit auf den Weg.

Seit dem 19. Jahrhundert gilt der größte Sakralbau der Stadt als Symbol der Einheit - und die Impfaktion an Heiligabend kann durchaus ganz in diesem Sinne verstanden werden. Die Katholische Stadtkirche Frankfurt gibt mit der Aktion unter der Überschrift "Die Impfung. Ein Geschenk Gottes" auch ein Statement ab. "Wir begreifen es im Kampf gegen die Pandemie als ein Geschenk Gottes, dass die Medizin mehrere gut getestete und sehr sichere Impfstoffe anbieten kann. Für dieses Geschenk sind wir dankbar und nehmen es gerne an", betont die Kirche. Als Christen habe man auch den Auftrag, aufeinander achtzugeben. Deshalb sei es wichtig, sich impfen zu lassen, um andere Menschen nicht zu gefährden. "Wir bitten Sie: Lassen Sie sich impfen, wenn dem keine dringenden medizinischen Gründe entgegenstehen - aus Nächstenliebe, aus Respekt vor der Welt, in der wir leben, für Ihre Kinder, Eltern, Großeltern und Freunde. Als ganz persönliches Hoffnungszeichen vor Weihnachten", so der Aufruf der katholischen Stadtkirche.

Dr. Brigitta Sassin findet es außerdem wichtig, dass Impfaktionen an vielen unterschiedlichen Orten der Stadt durchgeführt werden, damit eben auch ganz unterschiedliche Menschen erreicht und das Thema breit gestreut werde: eben auch in Gemeindezentren, Stadtvierteln und an ungewöhnlichen Orten, so wie es von der Stadtkirche bereits unzählige Male umgesetzt wurde. 176 Impfdosen standen für die vierstündige Aktion an Heiligabend zur Verfügung. In der Stimme von Dr. Sassin schwingt ihre große Freude über das Gelingen der Aktion mit. Jedem, der sich in die Schlange einreiht, ruft sie ein warmes "Frohe Weihnachten, frohes Impfen!" zu.

Michelle Spillner

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