"Diese Schilder kann man doch wirklich nicht übersehen", ärgert sich Heidi Wieduwilt über die Ignoranz vieler Menschen. foto: reuss
+
„Diese Schilder kann man doch wirklich nicht übersehen“, ärgert sich Heidi Wieduwilt über die Ignoranz vieler Menschen.

Naturschutz

Frankfurt: Ignoranz vieler Besucher sorgt für Ärger im Naturschutzgebiet Schwanheimer Düne

  • vonSabine Schramek
    schließen

Im Naturschutzgebiet Schwanheimer Düne bei Frankfurt halten sich viele Menschen nicht an Sperrungen und Hinweise. Die BUND-Beauftragte fordert mehr Rücksicht.

Frankfurt-Schwanheim – Auf den Wiesen grillen, quer im Naturschutzgebiet über die Freiflächen laufen und radeln oder unter Bäumen ein Picknick mit der Großfamilie machen: Das alles ist pures Gift für die wunderbaren Schwanheimer Dünen. Doch weder Schilder noch Hinweise oder Wege schaffen es offenbar, die Leute zur Vernunft zu bringen. Und ein schlechtes Gewissen haben die wenigsten von ihnen.

Dennoch eine gute Nachricht zuerst: An der anhaltenden Dürre sterben in den sandigen Schwanheimer Dünen weder Kiefern noch Eichen. Vielleicht könnten ihre Samen auch den Stadtwald retten. Die uralten Bäume sind ein karges Leben gewohnt und haben sich an Trockenheit angepasst. Nicht nur in den vergangenen beiden Jahren. Es sind die vermeintlich kleinen Pflanzen und Tiere, die zugrunde gehen. Nicht wegen des Klimawandels, sondern wegen der Unachtsamkeit der Menschen. Heidi Wieduwilt fasst es kurz zusammen. „Die Leute suchen nach Ruhe und auf der Suche danach zerstören sie genau die Ruhe, die sie eigentlich suchen.“

Naturschutzgebiet Schwanheimer Düne: BUND-Kreisverband Frankfurt setzt sich ein

Seit 1983 ist sie beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und Beisitzerin des Kreisverbands Frankfurt. Zusätzlich ist sie die Frau, die jedes Pflänzchen beim Namen kennt und jedes noch so kleine Insekt entdeckt. Ist sie doch die Schutzgebietsbeauftragte der Schwanheimer Dünen.

Auf mehr als 58 Hektar entstand das Paradies vor 10 000 Jahren nach der zweiten Eiszeit, als sich Quarzsand vom Main verlagert hat. Seit 1984 hat das Land Hessen die rare Landschaft als Naturschutzgebiet ausgewiesen, 2003 wurden die Dünen von der EU zum Schutzgebiet FFH2 erklärt. „Wenn man bedenkt, was hier alles überlebt hat und wie fein das Naturgebilde ist, kann ich nur weinen, wenn ich sehe, wie Leute alles ignorieren, was zum Schutz des fragilen Ökosystems beiträgt“, sagt Wieduwilt und zeigt auf einen Mann, der quer über eine Wiese läuft. Genau dort, wo er gedankenlos rumtrampelt, wächst Sand-Zwerggras. Es ist besonders selten und stark gefährdet. Die Pflänzchen, die bis zur Blüte im März nur zwei bis drei Zentimeter hoch werden, stehen auf der Roten Liste. „Warum gehen Leute in die Natur, wenn sie sie nicht respektieren“, fragt sie kopfschüttelnd.

Ärger über Ignoranz: Sperrungen im Naturschutzgebiet bei Frankfurt werden abgebaut

„Wenn das Regierungspräsidium Sperren aufstellt, baut sie irgendwer einfach ab. An jedem Eingang, an jeder Wegkreuzung hängen Schilder, die darauf hinweisen, dass hier ein Naturschutzgebiet ist, man die Wege nicht verlassen und auch keine Hunde frei laufen lassen darf.“ Das werde regelmäßig schlichtweg ignoriert, sagt Wieduwilt.

„Vor kurzem hat jemand sogar ein einen Nistkasten für den Wiedehopf gestohlen.“ Der putzige Vogel mit braunschwarzen, langen Kopffedern wurde vor zwei Jahren hier wiederentdeckt, nachdem er lange verschwunden war. „Wenn der Wiedehopf in den Dünen wieder brütet, höre ich auf“, sagt Wieduwilt. Sie hat sich das schon vor sehr langer Zeit vorgenommen.

Schwanheimer Düne: Naturschutzgebiet bei Frankfurt besticht mit beeindruckende Flora und Fauna

Zwischen Bauernsenf und winzigen Ackerstiefmütterchen summen Blutbienen mit knallrotem Hinterteil. „Das sind parasitäre Bienen. Sie bauen keine Nester, sondern legen ihre Eier in fremde Bienennester, wenn diese auf Pollensuche sind“, erklärt sie. „Wenn man die Blutbienenart bestimmen kann, kann man auch die Sandbienenart bestimmen. Das ist genial“, sagt sie.

Immer wieder staunt auch sie über Fauna und Flora. Auf ausgewiesenen Sandwegen sind Hunderte kleine Hügel, die wie Mini-Maulwurfshügel aussehen. Auch das sind Bienennester. „So leben die meisten Bienen. Denen hilft kein Nistkasten“, erklärt sie voller Enthusiasmus.

Hinweisschilder werden ignoriert: BUND-Beauftrage aus Frankfurt hofft auf das Ordnungsamt

Wildobstbäume stehen in voller Blüte, es summt und brummt. An den Hecken schwirren unzählige Bienenmännchen auf der Patrouille nach Weibchen. Ein Specht klopft laut. Unter einer großen Kiefer hat es sich eine Familie mit Decken und Baby bequem gemacht. Die Beauftragte schüttelt wieder den Kopf. Drei Meter entfernt stehen die Hinweisschilder.

„So verschwinden nicht nur die Bodenbrüter, sondern auch Gräser und Flechten, die absolut einzigartig sind. Nicht erst seit Corona sind die Besucher unachtsam und zerstören die Natur. „Was hilft es dem Naturschutzgebiet, wenn Schulklassen hier Fußball spielen oder gegrillt wird. Die Leute antworten frech, dass sie ja mit dem Fahrrad gekommen sind“, sagt sie. „Das Ordnungsamt sollte öfter Leute hier durchschicken. Das würde helfen.“ Seit Corona fällt ihr auf, dass Besucher es noch weniger akzeptieren, wenn sie irgendwo nicht hindürfen. Wenn es nach Heidi Wieduwilt ginge, würde sie alles schließen und kostenfrei Führungen anbieten. „Dann müsste die Natur hier nicht mehr leiden.“ (Sabine Schramek)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare