1. Startseite
  2. Frankfurt

Eine Nacht mit den Frankfurter Rettern: „Es muss immer schnell gehen“

Erstellt:

Von: Sabine Schramek

Kommentare

Was Rettungssanitäter leisten, wird unterschätzt. Die Arbeit ist hart und kräftezehrend. Und Rettungskräfte wissen nie genau, was sie erwartet. Eine Nacht in Frankfurt.

Frankfurt - Noch ist es hell, als der Alarm schrillt. Zehn Minuten vor Dienstbeginn beim Arbeiter Samariter Bund (ASB). Sofort springen Notfallsanitäter Chris Grüne (43) und Ahmad Fraz (26), der bald seine dreijährige Ausbildung als Notfallsanitäter beendet, in den Rettungswagen (RTW).

Der Mann an der Hauptwache, zu dem sie gerufen werden, ist kreidebleich und zittrig. „Der kann nicht mehr stehen“, sagt ein Security-Mann, der den Notruf gewählt und den schwachen Mann auf einen Stuhl gesetzt hat. „Mir kann keiner helfen. In drei Monaten ist es vorbei“, sagt der Mann schwach und fährt mit der Hand an seiner Kehle lang. Er hat Pflaster am Arm und am Kopf und eine Plastiktüte dabei.

Rettungssanitäter in Frankfurt: „Man wird sich um Sie kümmern“

Die Rettungssanitäter reden leise und sanft mit ihm, überprüfen den schwachen Puls, der bei 90/50 liegt und beruhigen den weinenden Mann, der einen Arztbrief mit vielen schlimmen Diagnosen dabei hat . Er wurde erst vor einem Tag aus einem Krankenhaus entlassen. Unter anderem hat er streuenden Krebs. Weil er obdachlos ist, bekommt er keine Chemotherapie, steht in dem Schreiben. Grüne und Fraz sind entsetzt. „Das haben wir noch nie gesehen“, sagt Grüne.

Sie bringen den Mann in den Rettungswagen, geben ihm eine Kochsalz-Infusion, damit er nicht noch weiter dehydriert. Der Mann lächelt schwach, zeigt wieder die Bewegung am Hals. Mit Blaulicht fahren sie in eine Klinik. Er ist zu schwach, um draußen zu bleiben, oder um in eine Unterkunft zu gehen. „Man wird sich um Sie kümmern“, tröstet ihn Fraz und streicht ihm über den Kopf. Der Mann wird sofort aufgenommen. Die Rettungssanitäter atmen auf.

Eine Nacht in Frankfurt: Oft geht es um Leben und Tod

Wieder ein Notruf. Eine hilflose Person soll in einem Hauseingang liegen. Niemand ist dort. Kein Patient, niemand, der die 112 gewählt hat. Die Fahrt war vergeblich. „Wir sehen alles auf der Straße, was es gibt“, sagt Grüne. „Menschlichkeit, Unmenschlichkeit, Freude und blankes Elend. Was uns erwartet, wissen wir nicht. Bei jedem Notruf ist es eine andere Situation, auf die wir uns einstellen müssen. Oft geht es um Leben und Tod. Zwischen 19 und 7 Uhr sind sie unterwegs. „Wir sind viel zu wenige. Es fehlt so sehr an Rettungskräften“, erzählen beide immer wieder. „Wenn wir dann irgendwohin gerufen werden, wo gar nichts ist, ärgern wir uns. Das können wir auch nicht nachvollziehen.“

Sie helfen dort, wo medizinische Not herrscht. Ohne Pause, um Leben zu retten. Eine ältere Dame ist zu Hause gestürzt, hat Knochenbrüche. Eine Wendeltreppe führt zur Wohnung. Fraz ruft den Notarzt hinzu, weil er stärkere Schmerzmedikamente verabreichen kann - und weil das Duo die Patientin nicht ohne Gefahr die enge Treppe hinuntertragen kann. Wie immer sind die meisten Notaufnahmen voll. Nur zwei Kliniken können gerade Patienten aufnehmen.

Notfallsanitäter aus Frankfurt: „Helfen ist etwas Wunderschönes“

Thomas Müller-Witte hat Dienst als Notfallsanitäter. Er ist auch der Geschäftsführer des ASB Frankfurt. Gemeinsam mit einer Kollegin untersucht er die verängstigte Frau noch einmal. Er ist genauso freundlich, hilfsbereit, geduldig und routiniert wie Grüne und Fraz. Behutsam tragen sie die Frau mit einem Tragetuch die Treppe hinunter und betten sie auf die Liege, die in den RTW gefahren wird. Dass ein Geschäftsführer als Notfallsanitäter unterwegs ist, findet Müller-Witte „selbstverständlich. Wer auch im Außendienst ist, weiß, was los ist. Und helfen ist etwas Wunderschönes“.

Mit Blaulicht geht es in die Klinik. Längst ist es tiefe Nacht. Müdigkeit keimt auf. Limonade hilft. Im Bahnhofsviertel liegt ein Mann voller Blut. Zivilpolizisten haben ihn gefunden. Am Kopf klafft eine Wunde. Der Mann spricht kein Deutsch, ist schwer angetrunken oder high. In seiner Tasche sind Psychopharmaka. Die Retter säubern im Rettungswagen die Platzwunde, rasen mit Blaulicht ins Krankenhaus. Der Mann ist Corona-positiv, stellt sich später heraus. Grüne und Fraz tragen wegen des vielen Blutes zum Glück Brillen über den Masken. „Es kann viel passieren. Auch bei uns“, sagt Grüne. „Es muss immer schnell gehen. Wir wissen nicht, was die Patienten noch alles haben außer der Akut-Situation. Da heißt es aufpassen, damit wir nicht angesteckt werden.“

Notarzt Thomas Müller-Witte, Ahmad Fraz und Chris Grüne (v. l.). FOTO: Sabine Schramek
Notfallsanitäter Thomas Müller-Witte, Ahmad Fraz und Chris Grüne (v. l.). © Sabine Schramek

Frankfurt: Manche „Patienten“ gehen torkelnd nach Hause

Im Westend liegt ein gut gekleideter Mann vor einem Lokal. Ein Mann, der um 5 Uhr zur Arbeit fahren will, hat ihn gefunden und winkt. Der Patient atmet. Fraz schüttelt ihn sanft an der Schulter. Der Mann lallt und grinst. „Ich habe gefeiert“, sagt er, steht auf und geht torkelnd nach Hause. Grüne und Fraz beobachten ihn bis zur Haustür. „Nicht, dass ihm doch noch etwas anderes fehlt“, erklären sie müde. „Es ist gut, wenn wir gerufen werden. Noch besser ist es, wenn man Leute anspricht, die auf der Straße liegen. Oft ist der Einsatz des Rettungsdienstes dann gar nicht notwendig.“

Wie immer ist der Nachtdienst voller Stress und Adrenalin. Die Sanitäter bewahren Ruhe und Geduld. Nach zwölf Stunden parken sie den Wagen in der Halle. Der Funk schnarrt. Der nächste Notruf für die nächste Schicht läuft bereits ein. (Sabine Schramek)

Auch interessant

Kommentare