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In diesen Schachteln wohnt die Zukunft

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Von: Michelle Spillner

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Gastprofessor Niklas Maak (links) und Student Hormazd Vakharia blicken durch die Streben eines dreidimensionalen Gedankenspiels des "Frankfurt Prototypes", das an der Städelschule entwickelt wird und in Frankfurt realisiert werden soll. FOTO: michelle spillner
Gastprofessor Niklas Maak (links) und Student Hormazd Vakharia blicken durch die Streben eines dreidimensionalen Gedankenspiels des "Frankfurt Prototypes", das an der Städelschule entwickelt wird und in Frankfurt realisiert werden soll. © Michelle Spillner

Ideal für Gemeinschaften und nachhaltig: Ein Hochschulprojekt sucht in der Architektur weitreichende Lösungen

Frankfurt -Ja, man braucht ein wenig Abstraktionsvermögen, und gestandene Architekten werden vielleicht nur müde lächeln angesichts der dreidimensionalen Skizzen aus den Ateliers der Städelschule, aber die kleine Schachtelkonstruktion und das gebaute Gerippe gehören zu den aktuellen spannendsten Forschungsprojekten in Hessen. "The Frankfurt Prototype" macht die Stadt zu einem Innovationslabor für ökologische und soziale Architekturkonzepte für die Metropolregion der Zukunft.

Niklas Maak und der Student Hormazd Vakharia stehen vor ihren gebauten Skizzen, und ihre Phantasie scheint Flügel zu bekommen. Vor seinem inneren Auge sieht Maak, Journalist, Architekturkritiker und Gastprofessor an der Hochschule für Bildende Kunst, das Leben in dem Gebäude: "Hier oben haben Sie vielleicht ein kleines Schlafzimmer, dann gehen Sie ein Modul weiter in ein Bad, im nächsten Abschnitt trinken Sie Ihren Kaffee, und dann geht es noch eine Ebene weiter, und dort müssen Sie dann vielleicht einen Pullover überziehen."

Mit Genügsamkeit mehr gewinnen

Jeder Abschnitt ist ein eigener kleiner Kubus, erfüllt eine spezifische Aufgabe und ist individuell gestalt- und "bewirtschaftbar": "Man wird sich fragen müssen, ob man künftig überall im Haus in gemütlicher Wärme im Schlafanzug sitzen können muss", sagt Maak auch mit Blick auf steigende Energiekosten. Man müsse sich insgesamt überlegen, wie man leben wolle und müsse, was man brauche und worauf man vielleicht verzichten könne - um dafür anderes zu gewinnen. Der Ansatz des "Frankfurt Prototypes" ist es, mit einer modularen Bauweise den kommenden unterschiedlichen Fragestellungen gerecht zu.

Gemeinsam mit Studierenden der Städelschule aus den Bereichen Architektur und Bildende Kunst, Gaststudierenden hessischer Hochschulen sowie externen Spezialisten arbeitet er an einer neuen Form des Wohnens: anders wohnen hinsichtlich Gemeinschaftlichkeit, Ökologie, Ökonomie und Nachhaltigkeit. Dabei soll der Hausbau nicht teurer sein als ein Einfamilienhaus in Oberursel. 15 Personen sollen darin wohnen.

Der Prototyp wird in Frankfurt gebaut

Die Versatzstruktur der Kuben bietet jedem Bewohner einen eigenen Bereich. Wobei jeder dieselbe Privatsphäre genieße, wie in alleinigen vier Wänden. In den einzelnen Wohnbereichen gibt es nur kleine Teeküchen für das Nötigste, dafür aber eine große Küche für alle, die auch der zentrale Treffpunkt aller ist. Es muss ja nicht jeder seine Riesenküche haben. Der wirklich private Bereich fällt insgesamt relativ klein aus, zugunsten großer gemeinsamer Räume.

Gebaut wird aus recycelten Materialien rückgebauter Häuser - und das Gebäude selbst soll so konstruiert werden, dass es zum sehr großen Teil wiederum für den Bau neuer Objekte wiederverwendet werden kann: die Kuben an sich, aber auch die Einzelbestandteile vom Stahlträger bis zum Wasserhahn. Wenn diese Form der Wiederverwertung gelingt, hat das einen enormen Effekt, denn man muss wissen: "Die Zementherstellung ist weltweit für sieben Prozent der CO2-Emmissionen verantwortlich." Das Bauen insgesamt ist ursächlich für 40 Prozent des CO2-Ausstoßes. "Das Bauen ist der größte Klimatreiber", betont Maak. Das gesamte Konstrukt steht auf fünf Meter hohen Stelzen. Das versiegelt zum einen den Boden unter dem Gebäude nicht, zum anderen befindet sich zwischen den Stelzen das Wohnzimmer der Hausgemeinschaft, mit flexiblen Schiebewänden oder -vorhängen an allen vier Seiten, je nach Wetterlage verschließbar oder offen. Dahinter gibt es mehrere Überlegungen: Je weniger Boden versiegelt wird, desto besser. Wer Häuser direkt auf den Boden setzt, verliert wichtigen Grund und muss sich bei den heutigen Grundstückspreisen trotz großen Grundstücks oftmals mit einem kärglichen Grünstreifen rund um sein Zuhause begnügen. Das offene Wohnzimmer soll als bewusste Verbindung zum Draußen die Natur mit ihren Wetterlagen spürbar machen. Und das Wohnzimmer soll eine Art "Marktplatz" sein, ein Ort der Begegnung, an dem auch Veranstaltungen stattfinden, der Menschen unterschiedlichster Lebenswelten, Glaubensrichtungen und Couleur zusammenbringt - wie auf einem Markt, wo auch alle irgendwie "gleich" sind.

Dieser "Marktplatz" soll auch bei der Entwicklung des "Prototypes" eine große Rolle spielen. Denn das Gebäude ist beileibe kein Hirngespinst. Aktuell läuft die Suche nach einem geeigneten Grundstück in Frankfurt. Maak hofft, dass noch in diesem Jahr mit dem Bau begonnen werden kann. Und dann wollen die Studierenden auf dem "Marktplatz" mit Nachbarn, Passanten und allen, die Lust haben, bei kostenlosem Tee zu dem Projekt ins Gespräch kommen und aus den Gesprächen wiederum Inspiration für ihren "Prototype" ziehen. Das Land Hessen unterstützt dieses Innovationslabor mit rund 280 000 Euro aus dem Fördertopf der Loewe-Exploration.

Michelle Spillner

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