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In dieser Familie wird man Landwirt - seit 500 Jahren

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Von: Michelle Spillner

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Drei Generationen und ein Pony: Der 20 Jahre alte Niklas Cornel (Mitte) studiert Agrarwissenschaften und wird den landwirtschaftlichen Hof seines Vaters Stephan (links) weiterführen, der ihn seinerseits bereits von Großvater Richard übernommen hat.
Drei Generationen und ein Pony: Der 20 Jahre alte Niklas Cornel (Mitte) studiert Agrarwissenschaften und wird den landwirtschaftlichen Hof seines Vaters Stephan (links) weiterführen, der ihn seinerseits bereits von Großvater Richard übernommen hat. © Michelle Spillner

Aber Enkel und Sohn Niklas Cornel empfindet das nicht als Verpflichtung, sondern als Privileg.

Frankfurt -Niklas Cornel hätte auch Banker werden können, Architekt oder Tierarzt, er hätte jeden beliebigen Beruf erlernen können. Dies zu betonen, ist ihm und seinem Vater sehr wichtig. Jetzt wird Niklas Cornel Landwirt. Dabei ist ihm bewusst, dass es für seinen Berufsstand in der Zukunft nicht einfacher werden wird - gerade im Ballungsraum. Landwirtschaftliche Flächen im Rhein-Main-Gebiet werden immer rarer. Die Stadt rückt immer näher an die Höfe heran oder die Höfe müssen aus ihr herausziehen. Gleichzeitig ist des Großstädters Toleranz gegenüber Dunggeruch, Kuh-, Schweine- und Hühnerhaltung und langsam fahrenden Landmaschinen vor sich überschaubar.

Schon als Baby aufm Traktor mitgefahren

Die Schwierigkeiten der Landwirtschaft im Ballungsraum sind nicht die einzigen Hürden, die es zu überwinden gilt, um die Nachfolge eines Hofes zu sichern. Es muss auch jemanden in der Nachfolge geben, der bereit ist, sich diesen und allen Unwägbarkeiten zu stellen. Im Falle dieses Familienbetriebs ist der Generationenwechsel gelungen. Damit gehört die Familie zu den letzten ihrer Art. Niklas Cornel wird von seinem Vater den Hof am Riedberg übernehmen. Der wiederum hatte ihn vom Großvater übernommen, und der wieder von seinem Vater ... über Generationen hinweg. Wie lange die Familie schon Landwirtschaft betreibt, ist gar nicht ganz klar. "Eigentlich einfach schon immer, vielleicht 500 Jahre?", früher in Kalbach, so Niklas Cornel.

Dabei hat sich das "Geschäft" gewandelt. Schon der Großvater hatte begonnen, vom Milchviehbetrieb auf Pferde umzustellen. Als der Hof 2003 vom Zentrum des Riedbergs wegziehen musste, weil es zu eng wurde, ging damit auch eine Modernisierung einher. Da war noch gar nicht klar, ob der Hof in Familienbesitz bleiben würde: Niklas hat da gerade angefangen zu laufen.

Er sei von Anfang an dabei gewesen. "Mein Vater hat mich überall mit hingenommen, auf den Traktor, die Wickeltasche immer dabei", erzählt er. So sei er als Kind schon in den Hof hineingewachsen, und "mein Vater ist mein größtes Vorbild". Die Fläche des Ackerlandes mit Grünland habe sich im Laufe der Jahre auf 60 Hektar halbiert. Nun fußt der Hof zur Hälfte auf Ackerbau - Hafer, Dinkel, Gerste, Raps - und zur Hälfte auf Pferdehaltung. Man müsse schon die Sorge haben, dass es irgendwann nicht aufgehe und man dazu kaufen müssen - ob sich das dann noch rechne? Am neuen Standort des Kautenhofs entstand eine Reitsportanlage mit komfortablen Pferdeboxen, zwei Reithallen, zwei Reitplätzen, großer Longierhalle und Führanlage, die die Pferde in Bewegung hält. Den halben Tag sind ein bis zwei Personen damit befasst, die Führanlage mit den Pferden zu bestücken. Danach ist man selbst gut und gerne 20 000 Schritte gegangen.

Im Büro würde er sich nicht wohlfühlen

Niklas arbeitet zurzeit übergangsweise auf einem anderen Hof, dem Burghof. Im vierten Semester seines Studiums der Agrarwissenschaft an der Uni Hohenheim absolviert er ein 26-wöchiges Praktikum beim Nachbarn. Nach sechs Semestern endet das Studium mit dem Bachelor. Mit seiner etwas jüngeren Schwester Lena werde er den Hof übernehmen - sie mehr die Pferde. Ihm sei klar, dass es keine 100-prozentige Sicherheit gebe, dass es sein ganzes Leben mit dem Hof immer so weitergehen werde, so Niklas Cornel. Aber er werde immer im Agrarsektor bleiben, sagt er. Ein Büromensch sei er ganz gewiss nicht.

Sind sie alle drei nicht, auch der Vater Stephan (59 Jahre) und Großvater Richard (89 Jahre) würden sich im Büro kaum wohlfühlen. Sie sind Naturmenschen, lieben die frische Luft, das Anpacken und den Pragmatismus - bei Sonne und bei Regen, das gehöre eben dazu: Stallarbeit, Boxen putzen, Futter geben, Hallen und Außenplätze "fahren", säen, düngen, ernten ... Und zwischendurch den beiden Shetlandponys an der Holzhütte einen Besuch abstatten und kurz die Hofkatzen kraulen.

Unabhängigkeit - gerade in Krisenzeiten

Gegen 6 Uhr am Morgen geht es los. Zwischendurch Mittagessen mit der ganzen Familie an einem Tisch. Ins Bett geht es häufig um 22 oder 22.30 Uhr, "oder auch später". Niklas kennt es nicht anders. Und er ist stolz darauf. Die Klassenkameraden seien immer schon ganz beeindruckt gewesen, wenn er mit dem Traktor zur Schule gefahren worden sei.

Die meisten von ihnen sitzen jetzt im Büro, einigermaßen sicher und sicher auch einigermaßen glücklich, während Niklas und seine Familie mehr als jeder Festangestellte und viele Selbstständige mit Vorschriften und Unwägbarkeiten umgehen müssen, mit denen nicht zu rechnen war. Aktuell die enormen Preissteigerungen, nicht nur für Diesel.

Durch den Ukraine-Krieg erleben die Landwirte eine Vervielfachung der Kosten, allein etwa 240 Prozent und mehr Aufschlag bei den Düngerpreisen. Und dann fällt Niklas Cornel direkt das Stichwort "Unabhängigkeit" ein - die eigene Unabhängigkeit und die Unabhängigkeit hinsichtlich Energie, aber auch Lebensmittelversorgung. Dass die Ukraine als Kornkammer der Welt nun erstmal auszufallen drohe, das werde man eher in Afrika als hierzulande zu spüren bekommen, aber man werde es zu spüren bekommen. Die Überlegung, dass wertvolles, fruchtbares Ackerland ein Wert an sich ist, bekommt da noch mal einen ganz neuen Ansatz. Michelle Spillner

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