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In Frankfurt fehlen 150 Sirenen

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Von: Manfred Becht

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Krachmacher, die Leben retten können: Früher gab es auch in Frankfurt zahlreiche Sirenen, um die Bevölkerung im Ernstfall warnen zu können. Heute finden sie sich in der Mainmetropole vor allem noch rund um den Höchster Industriepark, um die Anwohner im Fall eines Chemieunfalls warnen zu können.
Krachmacher, die Leben retten können: Früher gab es auch in Frankfurt zahlreiche Sirenen, um die Bevölkerung im Ernstfall warnen zu können. Heute finden sie sich in der Mainmetropole vor allem noch rund um den Höchster Industriepark, um die Anwohner im Fall eines Chemieunfalls warnen zu können. © picture alliance/dpa

Die bestehenden Anlagen werden zwar digitalisiert - doch sie reichen nicht, um im Ernstfall alle Bürger zu warnen.

Frankfurt. Die Aufarbeitung der Flutkatastrophe an der Ahr hat es gezeigt: Wären alle Betroffenen rechtzeitig gewarnt worden, hätte es weniger Todesopfer gegeben. Die Feuerwehrleute lassen sich natürlich per Funk alarmieren, das ist nicht das Problem. Aber Warn-Apps erreichen nicht jeden: Einige haben diese Programme nicht, andere hören im Schlaf nicht, wenn das Smartphone sich meldet. Das kann also die Lösung nicht sein. In vielen Kommunen hat sich daher die Erkenntnis breitgemacht, dass es ein Fehler war, die herkömmlichen Alarmsirenen zu demontieren. Auch in Frankfurt sind diese Geräte schon vor langer Zeit weitestgehend von den Dächern verschwunden. Jetzt kommt die fällige Kehrtwende, auch am Main steht die Sirene vor dem Comeback. Ganz billig wird das nicht.

Geld soll im Haushalt 2023 eingestellt werden

Was ist der Stand der Dinge? "Der politische Wille besteht", sagt Stefan von Wangenheim, Pressesprecher des zuständigen Dezernats für Ordnung, Sicherheit und Brandschutz. Momentan gehe es darum, dafür zu sorgen, dass die notwendigen finanziellen Mittel im Haushaltsplan 2023 eingestellt werden - dafür muss sich Ordnungsdezernentin Annette Rinn (FDP) einsetzen, wenn es nötig werden sollte. In einer Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2017 wurden die Kosten auf 2,3 Millionen Euro kalkuliert. Rainer Heisterkamp, Sprecher der Feuerwehr Frankfurt, schätzt allerdings, dass die Kosten um rund 20 Prozent höher liegen. Einen Teil trägt dazu die allgemeine Inflation bei. Dazu kommt aber, dass jetzt überall im Land wieder Sirenen aufgebaut werden sollen. Das führe zu langen Lieferzeiten und auch zu höheren Preisen. Mit anderen Worten: Alleine die Investition wird von der Drei-Millionen-Marke nicht weit entfernt sein.

Dass unlängst öffentlich eine Zahl von fünf Millionen Euro genannt wurde, ist kein Widerspruch. Die stammt ebenfalls aus der Machbarkeitsstudie von 2017, schließt aber die Wartungs- und Betriebskosten der Sirenen für deren gesamte Lebensdauer von 25 Jahren ein. Zu einem seriösen Entscheidungsprozess gehört eine solche Einbeziehung der Folgekosten. Gut vorstellbar ist, dass auch diese Zahl wegen der Teuerungen nicht mehr ganz der Realität entspricht.

Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, muss die Stadt das Geld alleine aufbringen. Das Land Hessen hat zwar 2,1 Millionen Euro für die Sirenen zur Verfügung gestellt - aber eben nur für das ganze Land. Pro Kommune werden nicht mehr als 15 000 Euro ausgezahlt. Die Stadt Frankfurt will den entsprechenden Antrag noch bis zum Ende der Frist am 30. April abgeben.

Und sie will das Geld auch nicht für neue Sirenen verwenden. Einige alte Anlagen gibt es noch, vor allem rund um den Industriepark Höchst. Die werden genutzt, wenn es gilt, die Bevölkerung bei Chemieunfällen zu warnen. Sie sollen mit dem Geld aus Wiesbaden auf Digitalfunk umgestellt werden, wie es dem heute gängigen Standard entspricht.

Standorte müssen noch festgelegt werden

Das kann in absehbarer Zeit passieren. Für den Neubau von Sirenen im Stadtgebiet dagegen müsse zunächst ein Konzept erstellt werden, sagt Feuerwehrsprecher Heisterkamp. Derzeit wird damit gerechnet, dass rund 150 Sirenen gebraucht werden, aber das wäre noch genau zu prüfen, ebenso wie die Standorte. Auch weil bauliche Besonderheiten berücksichtigt werden müssten, könnten nicht einfach die Standorte der früheren Sirenen verwendet werden. Entscheidend sei, dass überall ein Schalldruckpegel von 75 Dezibel erreicht werde.

Wenn das Konzept einschließlich einer Prioritätenliste fertig sei, könne es nach dieser Liste an die Umsetzung gehen. Das werde sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, sagt auch Dezernatssprecher von Wangenheim. Erleichtert wird dies sicher dadurch, dass zwar eine Stromversorgung gebraucht wird, aber keine weiteren Kabel zum Auslösen der Sirenen. Das passiert heutzutage über Digitalfunk.

Dass die Sirenen notwendig sind, daran haben weder Feuerwehr noch Brandschutzdezernat Zweifel - mit keinem anderen Medium könne man so spontan die Aufmerksamkeit der Bevölkerung wecken. "Alle müssen aber auch wissen, was dann zu tun ist", sagt Feuerwehrsprecher Heisterkamp. Jüngeren Leuten sei dies vielfach gar nicht klar, weshalb auch eine ausgedehnte Informationskampagne notwendig sei, einschließlich mehrerer Wiederholungen zu späteren Zeitpunkten. Immerhin - in den Gesamtkosten von fünf Millionen sind die Ausgaben dafür bereits enthalten. Manfred Becht

Kommentar von mark obert: Die wichtigste Sirene sitzt im Kopf

Wenn die Katastrophe über uns kommt, ganz analog, offenbart sich die digitale Hybris. Wer hört nachts schon die App im Smartphone Alarm schlagen, wenn ein Sturm im Anflug ist oder sich der Bach zu einer Flut zu verwandeln droht. Wir brauchen also wieder Sirenen - und nicht nur Frankfurt grübelt jetzt über Kosten und Standorte nach, um die altbewährte Methode wiederzubeleben, den öffentlichen Raum und damit alle zu warnen. Noch eine bewährte Methode: Von anderen lernen. Als der Bund nach dem Kalten Krieg die Sirenen abschaffte, machten die Pinneberger nicht mit. Sie haben für den Notfall ein weites Netz an Sirenen, viele auf Schuldächern, was mehrere Vorteile mit sich bringt. Das wiederum haben die Pinneberger womöglich von den Japanern gelernt. Wir wollen wohlwollend mal davon ausgehen, dass sich die Frankfurter umschauen und umhören, um an guten Beispielen andernorts schnell schlauer und dann initiativ zu werden. Wie die Hochwasserkatastrophe und auch Corona leidvoll gezeigt haben, müssen wir dann nur noch lernen, nahende Katastrophen auch zu erkennen. Die wichtigste Sirene sitzt im Kopf.

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