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Eine Postkarte von der Niederräder Kerb aus dem Jahr 1903.

Historie

In Niederrad wurde genäht und gefeiert

  • vonStefanie Wehr
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Der neue Stadtteilkalender des Heimatvereins ist gedruckt. 400 Exemplare.

Frankfurt – Der Kalender mit zwölf Fotografien aus Niederrads reicher Historie ist erschienen. Werner Hardt, der Erste Vorsitzende des Heimat- und Bezirksvereins, präsentiert stolz das neue Werk. Er sagt aber gleich dazu: "Das war der letzte Kalender, den ich gemacht habe. Nächstes Jahr müssen da andere ran."

Der 79-Jährige möchte kürzer treten, auch wenn der Heimatverein noch immer seine größte Leidenschaft ist. Werner Hardt fällt es leicht, die Fotos für den Kalender auszuwählen, schließlich hat er tausende Postkarten, Fotos und Abbildungen selbst gesammelt und das Archiv erweitert. Als er vor 14 Jahren als Vorsitzender anfing, gab es darin nur rund 600 Bilder. "Heute haben wir mehr als 3000", sagt Hardt.

Der Kalender für 2021 zeigt als Aufschlagsbild das alte Niederräder Postgebäude, das Kaiserliche Postamt von 1910. Es steht noch an der Ecke Triftstraße und Rennbahnstraße. Auch die Nachbargebäude von der alten Postkarte sind noch vorhanden. Nur das Ticket-Häuschen steht nicht mehr auf der Kreuzung. Heute braust dort der Autoverkehr und die Straßenbahnlinien kreuzen sich hier. Und was natürlich auch nicht mehr da ist, ist die Galopprennbahn, die man im Hintergrund des Bildes sieht.

Ein weiteres Motiv: Arbeiterinnen der "Färberei und Reinigungsanstalt Gebrüder Röver", die 1900 an der Hahnstraße 22/Ecke Goldsteinstraße ihr großes Werk eröffnete. Dutzende Frauen sitzen dicht an dich nebeneinander am Nähtisch, die Köpfe über ihre Arbeit mit der Nadel und Zwirn gebeugt. Das alte Foto stammt aus einer Reihe Wandbilder, die Hardt von einer ehemaligen Sekretärin bei Röver für seine Sammlung geschenkt bekam.

In Niederrad wurde schon immer gern gefeiert und getanzt. Etliche Tanzsäle gab es entlang der Kelsterbacher Straße und der Frauenhofstraße. Einer davon befand sich in der Gaststätte "Schwarze Katze" in der Kelsterbacher Straße 28. Dort, wo kürzlich das Vorderhaus aus dem 17. Jahrhundert mit Genehmigung der Stadt dem Erdboden gleich gemacht wurde. Von dem mutmaßlich ältesten Gebäude im Stadtteil ist nur noch in Schutthaufen übrig. Grund genug, um die "Schwarze Katze" mit ihrem schönen Biergarten unter jungen Kastanienbäumen noch einmal im Kalender zu verewigen - mit einem Bild von anno 1898.

Gefeiert wurde auch auf der Niederräder Kerb, wovon eine bunte Postkarte von 1903 zeugt. Wie auf einem Wimmelbild tanzen, schwofen und küssen sich die Feiernden, fahren Karussell oder drehen das Glücksrad. Jahrzehntelang war nicht der Wäldchestag angesagt, sondern der Kerbeplatz nahe des Galgenfelds. 14 Tage nach Pfingsten lockte die Kerb, ab 1962 wurde sie im August gefeiert. Aber immer weniger Menschen hatten Interesse, so dass es sie heute nicht mehr gibt. Auch neuere Abbildungen sind dabei, darunter zwei Luftbilder, die den Stadtteil im schönsten Grün vor dem Bau der Uferstraße zeigen. Und den Obst- und Gemüselieferant Lothar, der in den 50er Jahren mit Pferd Bella und dem reich bestückten Karren durch die Straßen zog. Einige werden ihn noch kennen. Stefanie Wehr

Stadtteilkalender

Wer ein Exemplar (9,50 Euro) ergattern will, wird in der Buchhandlung Erhardt & Kotitschke, Schwarzwaldstraße 42, fündig.

Die Schwarze Katze im Jahr 1898.

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