1. Startseite
  2. Frankfurt

In Sankt Georgen strahlen gleich zwei Sonnen

Erstellt:

Von: Gernot Gottwals

Kommentare

So klein der Mensch im Universum, so am Rande steht hier (links) der Künstler Lukas Sünder. Er hat die beiden Sonnen-Zwillinge geschaffen, die bis Ende Juli den runden Lichthof des Vorlesungs- und Seminarhauses der Hochschule dominieren.
So klein der Mensch im Universum, so am Rande steht hier (links) der Künstler Lukas Sünder. Er hat die beiden Sonnen-Zwillinge geschaffen, die bis Ende Juli den runden Lichthof des Vorlesungs- und Seminarhauses der Hochschule dominieren. © Michael Faust

Kunstobjekt füllt Lichthof der Philosophisch Theologischen Hochschule

Für Lukas Sünder (32) ist das Hörsaal- und Institutsgebäude der Philosophisch Theologischen Hochschule Sankt Georgen wie ein kleines Universum. "Die oberen, lichtdurchfluteten Stockwerke verlaufen in runden Bahnen, auf denen Lernende und Lehrende ihre Runden drehen", stellt er fest. Doch wo ist der Bezugspunkt, der dem Ganzen Halt gibt?

Das fragt sich auch der Installationskünstler, der seit 2020 als Theologiestudent dort ein- und ausgeht. Inzwischen hat er die Antwort gefunden: "Solar Siblings" - Sonnen-Zwillinge - heißt seine neue Installation mit zwei geschwisterlichen, im Lichthof aufgespannten Flächen aus Chiffon und Fallschirmseide, die heute Abend um 18.30 Uhr durch den Kunstbeauftragten der Hochschulleitung Niccolo Steiner mit einer elektronisch-sphärischen Performance eröffnet wird.

Pfeile wie Lavaströme

Während die untere Sonne mit hellweißen Lichtstrahlen wie ein Regenschirm den ersten und zweiten Stock umspannt, faltet sich die obere über dem zweiten und dritten Stock aus sechs ineinander genähten gelb-orangeroten Achtecken mit Punkten und Pfeilen auf. "Die Punkte stehen für Sonnenflecken, die Pfeile für die Richtung von Sonnenwinden und Lavaströmen", sagt Sünder.

Wichtig ist dabei, dass die untere Sonne eine Scheibe bleibt, während die obere Sonne dank ihrer ineinander vernähten Einzelteile eine dreidimensionale Wirkung entfaltet. "Denn die untere ist eine theologische Sonne, die obere hingegen eine astronomische Sonne", erklärt der Künstler mit Verweis auf Robert Fludd (1574-1637) und Athanasius Kircher (1602-1680).

Zwei Universalgelehrte, die in ihren astronomischen Büchern Vorlagen und Inspirationen für Sünders Installation liefern. Darin findet man etwa Zeichnungen des Universums mit zwei Sonnen: Die eine mit Strahlen und Gesicht, die auf den ersten Blick eher etwas kindlich wirkt. Und die andere, die sie eher räumlich wie einen astronomischen Himmelskörper abbildet.

Während diese astronomische Sonne den damaligen Stand der Wissenschaft veranschaulicht, knüpft die flächige Sonne mit Strahlen und Gesicht an die Kirchenkunst des Mittelalters an, die noch heute in orthodoxen Ikonen weiterlebt: "Hier geht es um die Sonne am göttlichen Himmel, die keine dreidimensionale Darstellung braucht", sagt Sünder. Denn wo Gott gegenwärtig ist, sind Zeit und Ort aufgehoben.

Zeit und Raum inspirieren Sünder seit jeher- wo er eine geeignete Örtlichkeit erblickt, denkt er darüber nach, wie er sie mit einer passenden Installation füllen könnte. Er studierte von 2010 bis 2016 visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, schloss von 2017 bis 2020 ein Studium für performative Künste an der Fachhochschule Frankfurt (University of Applied Sciences) an.

Doch immer wieder inspirieren ihn Kirchen: "Denn hier bekommt die Kunst eine spirituelle Kommunikation und stützt sich auf ein kunsthistorisches Fundament." So gestaltete er in der Heiligkreuzkirche in Münster eine Stoffinstallation mit riesigen Galgen und plant demnächst eine Tanzperformance in der Frankfurter Kunst-Kulturkirche Allerheiligen. Und nun studiert er in Sankt Georgen sogar Theologie, um sich den Themen Glaube, Kirche und Christentum aus künstlerischer Sicht zu nähern.

Die beiden Geschwistersonnen sind nun während des Sommersemesters bis Ende Juli zu bewundern. "Und ich habe bereits erste Reaktionen bekommen, wie die Anordnung der beiden Himmelskörper zu verstehen ist", berichtet Sünder. Etwa die, dass die theologische Sonne wie ein Rettungsschirm aufgespannt sei, um die astronomische Sonne aufzufangen, falls sie sich im unendlichen Weltall doch mal verlieren sollte. Für Sünder sind solche Interpretationen durchaus in Ordnung - zeigen sie doch, dass man im Leben immer wieder nach Halt sucht und sich dabei auch fragt, wer sich in den Weiten des Universums um was dreht. Und wie wichtig wir Menschen dabei wirklich sind. Gernot Gottwals

Auch interessant

Kommentare