Initiative-Sprecher Fritz Brakhage am Eingangstor zum Quartier. Dieses müsste seiner Meinung nach aufgewertet werden.
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Initiative-Sprecher Fritz Brakhage am Eingangstor zum Quartier. Dieses müsste seiner Meinung nach aufgewertet werden.

Arbeit ruht erst einmal

Der Industriehof, das unterschätzte Quartier

  • Judith Dietermann
    vonJudith Dietermann
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Der Industriehof hat in den vergangenen sechs Jahren einen Aufschwung erlebt. Der Leerstand der Büroflächen ist von 50 auf 15 Prozent gesunken – ein Erfolg für die Standortinitiative. Für sie ist die Arbeit getan. Erst einmal, denn in einem Jahr will sie neu angreifen.

Fritz Brakhage ist zufrieden. Zufrieden und glücklich. Mit dem, was die Standortinitiative in den vergangenen sechs Jahren im Industriehof alles geleistet hat. „Es hat sich sehr viel verändert. Wir haben einen deutlich geringeren Leerstand als damals. Zudem wandelt sich das Quartier immer mehr in einen Wohnstandort“, erklärt der Sprecher der Standortinitiative, warum er und seine Kollegen sich entschlossen haben, diese erst einmal ruhen zu lassen. „Es handelt sich um eine Wirtschaftsinitiative. Die Lage hat sich entschärft, unsere Arbeit wurde kaum noch gebraucht“, so der 57-Jährige. Die Internetseite der Standortinitiative ist online nicht mehr erreichbar.

Für den langen und sehr hohen Leerstand sei 2010 der Wegzug der Neuen Börse aus den Lateral Towers mit verantwortlich gewesen. Zehn Jahre war sie dort beheimatet, von einem auf den anderen Tag standen plötzlich 50 000 Quadratmeter Bürofläche leer. Dieses Loch wurde vor zwei Jahren „gestopft“, als die Commerzbank dem Gebäude wieder Leben einhauchte. „Damit war eines unserer großen Ziele erreicht: die Belegung der Büroräume zu optimieren“, so Brakhage. Immer mehr sei das Interesse an der Standortinitiative gesunken, weil es schlichtweg immer weniger zu tun gab. Deswegen fiel die Entscheidung, die Arbeit ruhen zu lassen nicht schwer. Um das Konzept zu überarbeiten und noch einmal von vorne anzufangen.

Denn alle Probleme sind im Industriehof noch längst nicht behoben. Da ist Fritz Brakhage sicher. Zumal der Wandel zum Wohnstandort das Quartier in ein ganz anderes Licht rücke. Erst kürzlich war bekannt geworden, dass das „R&L-Gebäude“ an der Ludwig-Landmann-Straße abgerissen wird und einem Komplex mit 180 Wohnungen weicht. 10 000 Quadratmeter Bürofläche fallen damit weg. Sie lassen den Leerstand weiter sinken, stellen das Quartier aber vor ganz neue, völlig andere Aufgaben.

„Die komplette Struktur wird sich verändern. Alleine das macht den Namen ,Industriehof‘ immer absurder“, spricht Fritz Brakhage einen Punkt an, der ihn schon immer stört. Denn wirkliche Industrie gebe es in dem Viertel schon lange nicht mehr. Der Name „Brentanoviertel“ ist deswegen nach wie vor sein Favorit.

2000 Menschen leben derzeit im Industriehof, mit den neuen Wohnungen werden bis zu 500 hinzukommen. Das wird für Druck sorgen – an mehreren Punkten, denkt Brakhage. So wird es in den ohnehin schon zugeparkten Straßen noch enger und voller. Auch wird der Ruf nach dem schon seit Jahren geforderten Supermarkt lauter werden. Den gibt es nämlich nach wie vor nicht, die nächste größere Einkaufsmöglichkeit ist der Rewe-Markt in Rödelheim.

„Es gibt nach wie vor keine guten Nachrichten. Nur der Standort steht so gut wie fest: Das Gelände, auf dem noch das THW beheimatet ist“, so Brakhage. Geht es nach ihm, dann müsste der gesamte Komplex an der Königsberger Straße, links neben dem Tor abgerissen und das Areal bebaut werden. Ebenso wie das Gebäude auf der anderen Seite der Einfahrt – in dem ehemaligen Druckereigebäude ist derzeit eine Kleidersammelstelle der Caritas untergebracht. „Wenn man das alles neu macht, dann wirkt der Industriehof schon bei der Einfahrt ganz anders. Denn 80 Prozent nutzen genau diese Route, um ins Quartier zu kommen“, ist das große Tor mit seinen Nebengebäuden für Brakhage „die Visitenkarte des Industriehofs“. Formvollendet werde diese allerdings nur, wenn der Kreisel an der Ecke Königsberger/Tilsiter Straße endlich schön gestaltet würde. „Derzeit ist er hässlich bepflanzt“, so Brakhage, „das kann leicht geändert werden. Die Standortinitiative hat sich immer für ein Kunstwerk eingesetzt. Jedoch ohne Erfolg. Unterstützung haben wir uns immer vom Ortsbeirat gewünscht und wurden immer wieder enttäuscht.“

Es gibt also noch viel zu tun in dem „völlig unter Wert verkauftem Viertel“ wie der Sprecher sagt. Deswegen, betont er, ruht die Standortinitiative auch nur. Für immer eingestellt werde die Arbeit sicher nicht. „Wir nehmen uns jetzt erst mal das eine Jahr Pause, sammeln neue Ideen und starten dann noch einmal richtig durch“, verspricht Brakhage.

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