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Infraserv-Chef Jürgen Vormann geht Ende des Jahres

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Von: Holger Vonhof

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Jürgen Vormann verlässt die Standortbetreibergesellschaft Infraserv Höchst zum Jahresende. FOTO: Salome Roessler
Jürgen Vormann verlässt die Standortbetreibergesellschaft Infraserv Höchst zum Jahresende. © Salome Roessler

Der Vorsitzende der Geschäftsführung verlässt die Frankfurter Industriepark-Betreibergesellschaft, bestreitet aber einen Zusammenhang mit den Verkaufsgerüchten.

Frankfurt -Jürgen Vormann ist kein typischer Industriemanager. Er ist kein aalglatter Geschäftsmann, kein Mensch, der sich nicht hinter die Fassade schauen lässt. Und: Jürgen Vormanns Engagement für den Standort endete nie an der Werksmauer. Er war in der Nachbarschaft präsent, nahm die Menschen ernst, engagierte sich für und in Vereinen. Gestern hat er angekündigt, das Betreiberunternehmen Infraserv bis zum Jahresende zu verlassen.

Wasser auf die Mühlen derer, die über einen bevorstehenden Verkauf der Infraserv seitens ihrer drei Hauptkommanditisten Celanese, Clariant und Sanofi orakeln? Vormann schüttelt den Kopf. "Ich habe die Entscheidung bereits zu Beginn des vergangenen Jahres getroffen", sagt er. Die Gerüchte über einen bevorstehenden Verkauf von Infraserv sind erst im vergangenen November aufgekommen. Dazu kann Vormann nichts Neues beisteuern: "Es bleibt dabei, was wir dazu gesagt haben: Uns ist kein Verkaufsprojekt bekannt." Gesellschafter der Infraserv GmbH & Co. Höchst KG, der Betreibergesellschaft des Industrieparks Höchst, sind die drei Standortgesellschaften Sanofi, Clariant und Celanese, die zusammen mehr als 90 Prozent der Anteile halten. Die Infraserv Verwaltungs-GmbH ist eine Tochtergesellschaft der Celanese GmbH.

Frankfurter Unternehmensgruppe: Rekord-Umsatz zum Firmenjubiläum

Die Infraserv-Höchst-Gruppe, zu der auch die Infraserv Logistics GmbH, die Provadis-Gruppe, die Infraserv Höchst Prozesstechnik GmbH und die Thermal Conversion Compound GmbH gehören, beschäftigt rund 2700 Mitarbeiter sowie 178 Auszubildende. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Infraserv-Höchst-Gruppe rund 1,3 Milliarden Euro Umsatz - ein Rekordwert in der Unternehmensgeschichte, die nunmehr auf ein Vierteljahrhundert zurückblickt, denn Infraserv feiert dieses Jahr 25-Jähriges, also ihr erstes Firmenjubiläum.

Warum geht er dann? Vormann hat seinen Vertrag als Vorsitzender der Geschäftsführung der Infraserv Verwaltungs-GmbH und der Infraserv GmbH & Co. Höchst KG im vergangenen Jahr auf eigenen Wunsch nur bis Ende 2022 verlängert. "Ich habe mich nach langer, reiflicher Überlegung Anfang des vergangenen Jahres entschieden, diesen Schritt zu gehen. Das Jahr 2022 ist ein guter Zeitpunkt - für das Unternehmen und auch für mich persönlich", erklärt Vormann. Dabei zählt nicht nur das Firmenjubiläum, denn: Vormann wird dieses Jahr 60.

"Nach 18 Jahren an der Spitze eines Unternehmens läuft man Gefahr, sich selbst und die eigenen Entscheidungen nicht mehr so intensiv wie nötig zu hinterfragen, erforderliche Weichenstellungen zunehmend auf der Basis eigener Erfahrungen zu treffen und dadurch Trends und neuen Entwicklungen nicht mehr mit der Aufgeschlossenheit zu begegnen, die notwendig wäre", begründet er seine Entscheidung. "Diese Gefahr ist nicht zu unterschätzen, zumal wir im Führungsteam von Infraserv Höchst in den zurückliegenden Jahren viele richtige Entscheidungen getroffen haben und das Unternehmen ausgezeichnet aufgestellt ist."

Frankfurter Industriemanager der Herzen geht mit gutem Gefühl

Deshalb sieht Vormann einen guten Zeitpunkt gekommen, mit dem Wechsel an der Unternehmensspitze neue Impulse von außen für die Infraserv Höchst zu ermöglichen. Gleichzeitig gewährleiste Dr. Joachim Kreysing, sein Kollege in der Geschäftsführung, das notwendige Maß an Kontinuität und Stabilität. "Die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Joachim Kreysing gibt mir die Sicherheit, das Unternehmen mit einem guten Gefühl verlassen zu können", sagt Vormann.

Und was kommt jetzt? "Ich werde nicht zum 1. 1. 2023 Geschäftsführer einer anderen Firma mit wieder 60 oder 70 Wochenarbeitsstunden", sagt er. Zeitliche Souveränität wolle er wiedererlangen, sich nicht den Terminplan vollstopfen. Seine Frau habe den Verdacht, er wolle die Dissertation nachholen, die er 1990 wegen der Stelle bei Hoechst nicht geschrieben habe, sagt er und grinst; er selbst spricht davon, zu beraten und vielleicht auch Vorlesungen zu gestalten. Und er hat Pläne, die er umsetzen möchte, solange es die Gesundheit zulässt, etwa die Panamericana von Alaska bis Feuerland fahren oder auf dem Landweg nach China zu reisen. "Das macht man besser mit 60 als mit 70", sagt er.

"Er hat das Unternehmen wesentlich geprägt"

Rita Bürger, als Geschäftsführerin der Celanese Service GmbH auch Mitglied der Geschäftsführung der Infraserv Verwaltungs-GmbH, bedauert die Entscheidung: "Jürgen Vormann hat großen Anteil an der Erfolgsgeschichte von Infraserv Höchst. Er hat das Unternehmen wesentlich geprägt und zu einem hocheffizienten, innovativen Industrie-Dienstleister gemacht." Damit habe er auch die erfolgreiche Entwicklung des Industrieparks Höchst maßgeblich beeinflusst, der im internationalen Vergleich eine Spitzenposition einnimmt. Wer glaubt, das fortsetzen zu können, kann sich jetzt bewerben: Die Infraserv Verwaltungs-GmbH wird die zum Jahreswechsel vakante Geschäftsführer-Position neu besetzen.

Zur Person: Sein Blick reichte über die Werksmauer hinaus

Jürgen Vormann stammt aus dem westfälischen Münster und lebt mit seiner Familie - Frau und zwei Töchter (20 und 15) - in Friedrichsdorf. Nach der Ausbildung zum Industriekaufmann und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster begann er seine berufliche Laufbahn 1990 in der damaligen Hoechst AG, nach deren Umstrukturierung er 1997 bei der Celanese Chemicals Europe GmbH kaufmännischer Geschäftsführer und Arbeitsdirektor wurde. Zum 1. September 2004 übernahm er den Vorsitz der Geschäftsführung der Infraserv GmbH & Co. Höchst KG sowie der Infraserv Verwaltungs-GmbH, der auch die Infraserv-Gesellschaften in Wiesbaden und Gendorf sowie die Yncoris, Betreibergesellschaft des Industrieparks Knapsack, zugeordnet sind. Vormann ist Vorstandsmitglied des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie (BAVC), des Hessischen Chemie-Arbeitgeberverbandes Hessen Chemie und Vorsitzender der Fachvereinigung Chemieparks im Verband der Chemischen Industrie (VCI). Er gehört der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Frankfurt an und ist Vorsitzender des dortigen Industrieausschusses.

Unter anderem hat er mit der Stadt Frankfurt in ausgedehnten Sitzungen ausgehandelt, wie die europäische Seveso-III-Richtlinie, die den Abstand der Wohnbebauung zu potenziell gefährlichen Industrieanlagen vorgibt, in Frankfurt praktisch umgesetzt werden kann, um weder die Entwicklung der Industriestandorte noch die der Wohnquartiere zu blockieren. In dem italienischen Ort Seveso ereignete sich 1976 ein Chemieunfall mit dramatischen Folgen, weshalb die Europäische Union recht schwammig vorgab, dass es aus Sicherheitsgründen einen "angemessenen Abstand" zwischen Chemieanlagen und der umgrenzenden Wohnbebauung geben müsse.

In seiner Freizeit engagiert sich der Jazz-Fan in der Stiftergemeinschaft Justinuskirche, die er derzeit interimistisch als Vorsitzender führt, als stellvertretender Vorsitzender der Initiative Pro Höchst sowie als Schirmherr des Höchster Schlossfests. Unter seiner Ägide wurde das Spendenkonzept für die Stadtteile rund um die Standorte Höchst und Griesheim entwickelt sowie zuletzt eine Corona-Spendenaktion für gebeutelte Vereine.

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