Pfarrerin Kathrin Fuch und Rabbiner Andrew Steiman enthüllen Gedenktafel in der Bergen-Enkheimer Conrad-Weil-Gasse
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Gedenktafel in Bergen-Enkheim

Ein Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit

  • Friedrich Reinhardt
    VonFriedrich Reinhardt
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Mit einer neuen Tafel erinnert die „Initiative Stolpersteine Bergen-Enkheim“ an die Selbstverständlichkeit mit der Juden und Nicht-Juden vor der Nazi-Zeit in Bergen-Enkheim zusammenlebten.

So recht will das Wort „Gedenktafel“ zum neuen Schild der „Initiative Stolpersteine Bergen-Enkheim“ nicht passen. Zu viel „Leben“ stecke in den drei Bildern auf der weißen Tafel, meint Rabbiner Andrew Steiman. Das Schild erinnert eben nicht, wie die Bergen-Enkheimer Juden ab 1933 und besonders massiv ab 1938 von den Nazis entrechtet, enteignet und vom Bahnhof Mainkur am 30. Mai 1942 ins Vernichtungslager Sobibor und 5. September 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wurden. Nicht das Leid und der Tod der jüdischen Bergen-Enkheimer stehen im Fokus der Tafel, die die Initiative am Sonntagabend in der Conrad-Weil-Gasse enthüllt hat. Sie blickt weiter zurück, auf die Zeit vor dem Zivilisationsbruch, bevor den jüdischen Mitmenschen ihr Mitmensch-Sein abgesprochen wurde, als Juden und Nicht-Juden in der damals noch eigenständigen Stadt völlig selbstverständlich zusammenlebten.

Auf dem ersten der drei Bilder sitzen vier ältere Männer in einem Garten in Bergen, alle mit Jacket, Hemd und Mütze gekleidet. „Jüdische und christliche Nachbarn in Bergen“, steht unter dem Bild. Wer Jude und wer Christ ist, wird nicht erklärt, spielt keine Rolle. „Das ist der Punkt“, sagt Edith Haase von der Initiative.

Alltag und Katastrophe

Auf dem zweiten Bild steht Familie Ehrmann lässig vor ihrem Haus (heute Röhrborngasse 28). Es ist ein entspanntes Bild und strahlt so viel Alltäglichkeit aus, dass man sich fragt, wie haben jene, die die Familie entrechteten und in den Tod schickten, wie haben sich ihre Mörder in den Ehrmanns nicht selbst erkennen müssen? Henny und Leopold Ehrmann wurden beide in Sobibor ermordet. Im Kontrast zu den Alltagsschnappschüssen steht das dritte Bild, eine Innenansicht der am 10. und 11. November zerstörten Synagoge in Bergen.

Trotz der alten Fotos blickt die Tafel nicht (nur) zurück. „Jüdisches Leben in Bergen-Enkheim ...was bleibt?“, steht auf der Tafel. Eine Frage, die in die Gegenwart und in die Zukunft schauen lässt. „Die Tafel mahnt uns, dass wir aufstehen müssen gegen Rassismus und Antisemitismus in unseren Reihen“, sagte Kathrin Fuchs, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Bergen-Enkheim, bei der Enthüllung vor rund 70 Teilnehmern.

Wie dringend es dieser Mahnung in der heutigen Zeit bedarf, verdeutlichte Steinman, Rabbiner in der Henry-und-Emma Budge-Stiftung. „Wir leben in einer Zeit des Umbruchs.“ Der Mord an Walter Lübcke (1. Juni 2019), der Anschlag von Halle auf eine Synagoge (9. Oktober 2019), das Attentat von Hanau (19. Februar 2020), alle Taten begangen von Rechtsextremen. „Der Attentäter von Hanau hat hier im Schützenverein trainiert“, sagte Steiman. In dieser Liste stehe nun auch der verhinderte mutmaßliche Anschlagsplan eines 16-Jährigen auf die Synagoge in Hagen, der vor wenigen Tagen bekannt wurde. „Die Einschläge kommen näher.“

„Wir leben in einer Zeit des Umbruchs“

In all diesen Fällen habe er keine tiefgreifende Entrüstung in der Bevölkerung wahrgenommen. Warum nicht, wenn Mitmenschen verfolgt und ermordet werden? „Etwas verändert sich im gesellschaftlichen Klima in Deutschland“, sagt Steiman.

Mit der Erinnerung an das selbstverständliche Zusammenleben vor der Nazi-Zeit soll „etwas Licht in dieses Dunkel“ gebracht werden. Außerdem soll die Tafel ein Ausgangspunkt für Jugendliche sein, sich mit dem Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden in der Schule auseinanderzusetzen, sagte Haase von der Initiative. Mit der Schule am Ried sei die Initiative bereits im Gespräch.

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