+
Eine Schülerin im Rollstuhl steht im Flur eines Schulgebäudes. Ihre Schulwahl ist stark eingeschränkt, denn noch längst nicht alle Schulen sind barrierefrei.

Keine Regelschule für Kinder mit besonderem Förderbedarf

Inklusion in Frankfurt: Zu wenig Plätze

  • schließen

Einmal mehr laufen Eltern in Frankfurt Sturm. Anlass diesmal: Kinder mit Förderbedarf finden keinen Platz an weiterführenden Regelschulen und landen gegen ihren Willen auf den Förderschulen.

Der Vorwurf, den die Eltern erheben, wiegt schwer: Obwohl sie ein Recht darauf haben, werde Kindern mit besonderem Förderbedarf ein Platz an der Regelschule verwehrt. Das bekämen derzeit Familien zu spüren, für deren Söhne und Töchter der Übergang von der vierten in die fünfte Klasse ansteht. Sie erhielten von ihren Wunschschulen Absagen, weil deren Kapazität an Sonderpädagogen nicht ausreichten, um alle Bewerber aufzunehmen. Diese Auskunft erteilten dann aber auch alle übrigen Schulen. „Die Eltern sind verzweifelt und rennen als Bittsteller von Schule zu Schule“, schildert ein Brief, den die Initiativen „Gemeinsam leben“, „Netzwerk Inklusion“ und der Stadtelternbeirat gemeinsam veröffentlicht haben.

Darin erheben die Verfasser noch einen weiteren schweren Vorwurf: Der Wunsch der Eltern, ihr Kind inklusiv beschulen zu lassen, werde übergangen und sogar aktiv torpediert – und zwar von Pädagogen und Schulleitern der bestehenden Förderschulen. Betroffene berichteten darüber, dass in den Förderausschüssen, also den Treffen mit Vertretern von Schulen, dem regionalen „Beratungs- und Förderzentrum“ (BFZ) sowie den Eltern, gar nicht ernstlich darüber beraten worden sei, welche Schule für das jeweilige Kind die geeignete sei. „Die Eltern werden einfach nicht ernstgenommen“, bekräftigt Dorothea Terpitz vom Bündnis „Gemeinsam leben Hessen“, eine der Mitverfasserinnen des Protestbriefes. In diesem steht dazu: „Wir beobachten, dass der Ausgang nicht selten bereits im Vorfeld zwischen den Schulen abgestimmt ist – ohne dass mit den Eltern gesprochen wurde.“

Die Inklusionsbefürworter glauben zu wissen, wie es zu solchen Situationen kommen kann: Die Beratungs- und Förderzentren sind zugleich selbst Förderschulen, die an Lehrkräften und Größe verlieren sollen, je größer der Anteil von Förderkindern auf Regelschulen wird. „Da ist ein Interessenkonflikt systemimmanent“, heißt es im Schreiben der Eltern. Deshalb gehe die Idee, dass immer mehr Lehrer von den Förder- auf die Regelschulen wechseln, nicht auf. Stattdessen versuche man, die Kinder in die Förderschulen zu bringen.

Solche Vorwürfe kann das zuständige Kultusministerium in Wiesbaden nicht unerwidert lassen. „In den Förderausschüssen sitzen Fachleute, und sie halten sich an die Vorgaben“, betont Philipp Bender, Sprecher des Ministeriums. „Aber natürlich gehen die Entscheidungen nicht immer so aus, wie es sich die Eltern wünschen.“ Aus Wiesbadener Sicht „läuft es mit der Inklusion im Großen und Ganzen so, wie wir uns das vorgestellt haben“. Allerdings werde es noch einige Zeit brauchen, bis sich alle Akteure aufeinander eingespielt haben. „An den Ressourcen wird es aber nicht scheitern, wir haben genug Stellen zugewiesen“, versichert Bender. Wobei er einräumt, dass es sehr schwer sei, diese Stellen auch zu besetzen. „Die Gewinnung von Grund- und Förderschullehrern ist unsere vorrangige Aufgabe.“

Dafür sagte er die Prüfung aller Fälle zu, in denen die Eltern die Entscheidung der Förderausschüsse beanstanden. „Das hätten wir auch getan, wenn die Eltern ihre Beschwerden etwas geräuschloser an uns herangetragen hätten“, versichert Bender, der nicht zum ersten Mal darauf hinweist, dass die Eltern in Frankfurt stets deutlich lauter und schneller auf die Barrikaden gingen als anderswo in Hessen.

Insgesamt stehen in Frankfurt 419 Schüler mit speziellem Förderbedarf vor dem Wechsel in die fünfte Klasse, 242 davon suchen einen Platz an einer weiterführenden Schule mit inklusivem Angebot. Erst für jedes zweite ist bereits entschieden, welche Schule es künftig besuchen wird.

Auch wenn grundsätzlich alle Schulen angehalten sind, inklusiv zu arbeiten, zeigen sich Schwerpunkte. So sind die Integrierten Gesamtschulen besonders gefragt. „Wir hatten in diesem Jahr mehr Bewerber, als wir Schüler aufnehmen können“, bestätigt Uwe Gehrmann, Leiter der IGS Nordend. Zwölf Förderkinder pro Jahrgang, das passe gut ins pädagogische Konzept, und dafür habe er ausreichend Pädagogen. „Diesmal nehmen wir 13 Kinder auf, aber wir mussten auch zwei Absagen erteilen.“ Darüber habe man die Eltern aber rechtzeitig beraten und ihnen gute Alternativen anbieten können. Die Carlo-Mierendorff-Schule hatte 16 Bewerbungen für ihre zwölf Plätze. „Wir haben einhundert Schüler pro Jahrgang. Da ist das die Grenze des Machbaren“, begründet Direktorin Nicole Schiffer-Brahms die Grenze bei zwölf. Auch sie konnte die Familien, die sie nicht aufnimmt, an andere Schulen vermitteln. „In einem Fall auch auf eine Förderschule, für manche Kinder sind diese kleinen Systeme besser geeignet.“

Daran glaubt auch Ministeriumssprecher Bender und gibt zu bedenken, dass die Eltern das nicht in jedem Falle überblicken könnten. „Man muss darüber nachdenken, wie weit der Elternwille geht, wo er sinnvoll ist“, sagt er. Dorothea Terpitz hält diese Frage für beantwortet: „Wir fordern einhundert Prozent Inklusion, so wie es die UN-Behindertenrechtskonvention vorschreibt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare