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Rainer Erd. Im Hintergrund in der Tür zur Buchhandlung die Inhaberin Ulrike Osterhage mit seinem Buch in der Hand.

Bockenheim: Literatur

Inspiriert vom Flair seines Viertels

  • vonDetlef Kinsler
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Ex-Jurist als erfolgreicher Buchautor. Lesung fällt Corona zum Opfer.

Es wäre ein Leichtes, einfach zu behaupten, dass sich Rainer Erd erst als Rentner der Kultur verschrieben habe. Zwei Jahre nach seiner Pensionierung wurde der gebürtige Gladenbacher in den Vorstand der Peter Paul und Emmy Wagner-Heinz Stiftung berufen. Die hat sich der Förderung von Kunst und Kultur in der Fabrik in Sachsenhausen verschrieben. Im Mai 2017 wechselte der 1944 geborene Erd in den Vorstand des Fördervereins für die Bigband des Hessischen Rundfunks. "Meine zwei Interessen, Jura und Kultur, haben eine lange gemeinsame Geschichte", sagt Erd. Er hat sich beidem immer begeistert und parallel gewidmet. "Ich traue mich kaum, es zu sagen: Ich folge da ganz meinem Vater, mit dem ich zu seinen Lebzeiten kein gutes Verhältnis hatte. Er war Jurist und ein sehr begabter Laienmusiker. Der musikalischen Tradition in meinem Eltern- und Großelternhaus bin ich schon in frühen Jahren gefolgt." Mit 16 gründete er in Kassel eine Dixielandband, spielte bis zum Abitur Trompete, später Baritonhorn in einem Kirchenorchester.

Adorno war zu kompliziert

Studieren wollte er zunächst Soziologie, um dann "kleinlaut zu Jura" zu wechseln wie er bekennt. "Weil Adorno zu kompliziert war", lacht er. Nach Staatsexamen und Promotion hatte Erd 1975 seine erste Stelle als rechtswissenschaftlicher Mitarbeiter in einem großen Projekt - ausgerechnet am Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Dessen Geschichte war - Ironie des Schicksals - immer eng mit dem Namen Adorno verbunden.

Erd arbeitete als Unternehmensberater, wechselte ins Regierungspräsidium in Gießen, war Professor für Informationsrecht an der Hochschule in Darmstadt und wurde dort auch Datenschutzbeauftragter. "Aber die ersten Lebensjahre bestimmen halt entscheidend den weiteren Verlauf eines Lebens - zumindest bei mir war das so", erklärt der schaffensfreudige 75-Jährige, warum die alte Kulturleidenschaft bei ihm immer wieder hervorbricht. Schrieb er früher Bücher über "Die amerikanischen Gewerkschaften im New Deal" oder über das "Film- und Fernsehrecht", ist seine aktuelle Veröffentlichung durch seine Nähe zu den Musikern der hr-Bigband eine Biografie über den Jazz-Saxophonisten Tony Lakatos geworden.

Inspiriert fühlt sich Erd auch vom bunten Treiben in seinem Stadtteil. "Viele Nationalitäten, viele Sprachen und Kulturen, ein reiches Angebot an Cafés und Kneipen", so charakterisiert er das einzigartige Flair seines Viertels. "Meine Geschichte mit Bockenheim ist lang, währt seit 1965. Die schönste Zeit war das gemeinsame Leben mit Freunden in einem Haus, der damals bekannten Metzstraße 6, während des Studiums".

Handyläden und Dönershops

Nach Jahren im Ausland und später im Westend zog es ihn "voller Sehnsucht" aber wieder zurück nach Bockenheim. "Die Veränderungen sind zwar groß, was man schon an der Zunahme von Nagelstudios, Handyläden und Dönershops sieht", frotzelt Erd und favorisiert andere Adressen. "Frida's Café mag ich deshalb besonders gerne, weil es einen jugendlichen Charme versprüht, wie er in meiner Studentenzeit in Bockenheim sehr verbreitet war, heute aber nicht mehr selbstverständlich ist", schwärmt er von der Lokalität in der Leipziger Straße, Ecke Basaltstraße. "Hier trinke ich gerne abends mit meiner Frau einen Aperol Spritz und diskutiere über neue Projekte."

Sein absoluter Lieblingsort ist aber das "Libretto - Buch & Musik" in der Mühlgasse. "Weil ich ein großer Bücherliebhaber bin und es ganz großartig finde, dass der Stadtteil Bockenheim eine eigene kleine Buchhandlung hat, die von der rührigen Frau Osterhage umsichtig und engagiert betrieben wird", wirbt er für den gut sortierten Laden, in dem zur Freude der Bockenheimer auch regelmäßig Lesungen veranstaltet wurden. Bis Corona kam.

Ursprünglich sollte Rainer Erd gestern in der Romanfabrik im Frankfurter Ostend aus seinem Buch "Sagt nur nicht Künstler zu mir" lesen. Natürlich wäre der darin porträtierte Musiker mit von der Partie gewesen. Und der gerade mit dem Hessischen Jazzpreis ausgezeichnete Tony Lakatos hatte seinen alten hr-Bigband-Kollegen Thomas Heidepriem am Kontrabass eingeladen, um die vorgetragenen Kapitel wie ""Tony in jungen Jahren in Budapest" musikalisch zu illustrieren.

Aber auch dieser Termin musste aufgrund der Corona-Einschränkungen abgesagt werden.

DETLEF KINSLER

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