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Intensivmediziner in Frankfurt wegen Corona völlig überlastet: „Das geht an die Substanz“

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Von: Brigitte Degelmann

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Schläuche, überall Schläuche: Corona-Patienten auf der Intensivstation von Gerhard Cieslinski am Krankenhaus Nordwest werden über ein ganzes Schlauchsystem am Leben gehalten. Seit Januar haben 71 Covid-Kranke den Kampf gegen das Virus dennoch verloren. Die körperliche und seelische Belastung für Pflegekräfte und Ärzte ist enorm.
Schläuche, überall Schläuche: Corona-Patienten auf der Intensivstation von Gerhard Cieslinski am Krankenhaus Nordwest werden über ein ganzes Schlauchsystem am Leben gehalten. Seit Januar haben 71 Covid-Kranke den Kampf gegen das Virus dennoch verloren. Die körperliche und seelische Belastung für Pflegekräfte und Ärzte ist enorm. © Krankenhaus Nordwest

Corona-Pandemie: Seit beinahe zwei Jahre arbeitet Intensivmediziner Gerhard Cieslinski in Frankfurt im Ausnahmezustand.

Frankfurt – Es ist kein normales Krankenhauszimmer, von dem Gerhard Cieslinski gerade ein Foto zeigt. Dass in dem Spezialpflegebett, das nach links und rechts rotieren kann, tatsächlich ein Mensch liegt, ist auf dem Bild nicht sofort zu erkennen. Stattdessen fällt der Blick des Betrachters auf etliche Monitore und Geräte sowie eine Unmenge von Schläuchen, Infusionen und Kabeln. Das Foto wurde im vergangenen Mai auf der Intensivstation des Krankenhauses Nordwest in Praunheim aufgenommen, wo gerade ein Corona-Patient um sein Leben rang. Cieslinski, Intensivmediziner und Leiter der Zentralen Notaufnahme der Klinik, holt es während eines Video-Interviews auf den Bildschirm, um zu illustrieren, wie es damals und auch momentan auf Intensivstationen aussieht.

Zehn Betten stehen auf der medizinischen Intensivstation des Nordwestkrankenhauses zur Verfügung, fünf Patienten mit Covid-19 werden dort an diesem Tag Mitte November betreut. Für den Laien klingt das wenig. Doch für die Mitarbeiter der Station ist das eine gewaltige Aufgabe. Die Versorgung der Corona-Kranken sei viel aufwendiger als diejenige anderer Patienten, sagt der Intensivmediziner: „Da haben wir teilweise Eins-zu-eins-Betreuung, weil man die Menschen zum Teil keine Minute aus dem Blick lassen kann.“ Mal ertönt ein Warnton des Beatmungsgeräts. Oder der Monitor, der Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung anzeigt, piepst Alarm. Oder die künstliche Lunge.

Arbeit auf der Intensivstation während Corona: Drei Minuten Zeit, wenn künstliche Lunge Alarm auslöst

Vor allem deren Signal löst bei Ärzten und Pflegenden regelmäßig Stress aus. „Da hat man nur zwei oder drei Minuten, um das wieder in Gang zu kriegen, weil der Patient sonst keinen Sauerstoff bekommt“, sagt Cieslinski. „Hochkomplexe, hoch störanfällige Geräte“ seien das, die die Menschen am Leben hielten: „Irgendeines hupt immer.“ Ganz zu schweigen von all den anderen Systemen. Knapp ein Dutzend Infusionspumpen seien es etwa bei dem Patienten auf dem Foto gewesen, sagt der Mediziner: für Schmerztherapie, für Sedierung, für Flüssigkeitsversorgung, für Nährstoffe, für sonstige Medikamente.

Dazu Katheter und ein Ableitsystem für den Darminhalt. Nicht zu vergessen die gut fingerdicke Kanüle, die das Blut aus der Leistenvene in die künstliche Lunge leitet, um das Kohlendioxid herauszufiltern und es nach Anreicherung mit Sauerstoff über eine weitere, ebenso dicke Kanüle wieder in die Halsvene zurückzuführen. Entsprechend kompliziert gestaltet sich das Drehen der Betroffenen, die regelmäßig für mehrere Stunden auf dem Bauch gelagert werden müssen. Vier, manchmal sogar sechs Pfleger und Schwestern müssten dabei anpacken, berichtet Cieslinski - immer in der Sorge, dass sich in diesem Wirrwarr nichts verheddert und dass nur ja kein lebensnotwendiger Schlauch herausrutscht. „Das sind maximal aufwendige Patienten“, sagt der Mediziner.

Hinzu kommt, dass Ärzte und Pflegende jedes Mal, bevor sie sich einem Covid-Kranken widmen, in eine Schutzausrüstung schlüpfen müssen: mit Kittel, FFP3-Maske, Augenschutz, Haube, Handschuhen. Um sich selbst vor Ansteckung zu schützen und um das Virus nicht weiterzutragen. Eine Montur, unter der man schnell ins Schwitzen gerate, sagt Cieslinski: „Sie können kaum genug trinken, um das auszugleichen.“

Arbeit auf der Intensivstation in Frankfurt während Corona: Einige müssen Job aufgeben

Schon rein körperlich sei der Dienst auf der Intensivstation mit Corona-Patienten unglaublich anstrengend. Dazu gesellt sich die psychische Belastung. Der Dauerstress seit eindreiviertel Jahren. Die permanente Sorge, sich selbst und womöglich auch andere anzustecken. Und die Tatsache, dass immer noch mehr als 40 Prozent der Corona-Intensivpatienten sterben, im vergangenen Jahr sogar rund 60 Prozent. Trotz aller Geräte und Therapien, trotz aufopferungsvollster Pflege. „Das geht an die Substanz“, sagt der Intensivmediziner. Mehrere Schwestern und Pfleger, auch erfahrene, seien inzwischen so ausgebrannt, dass sie ihren Dienst auf der Intensivstation aufgeben mussten.

„Das ist nicht nur bei uns, sondern deutschlandweit zu beobachten“, sagt Cieslinski. „Und es führt auch dazu, dass wir im Rhein-Main-Gebiet nicht alle aufgestellten Intensivbetten betreiben können.“ Im Unterschied zu vielen Kliniken in Bayern und Sachsen reichen die Kapazitäten der Kliniken noch aus. „Im Moment können trotz Einschränkungen noch alle Versorgungen erfolgen“, erklärt der Mediziner, „aber es ist keine Reserve mehr da. Der Spielraum wird deutlich dünner.“ Wenn der Strom der Corona-Patienten weiter anschwelle, was aufgrund der Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu befürchten sei, „dann kann das ohne zusätzliche Ressourcen nicht mehr bewältigt werden.“

Frankfurt: Arbeit auf der Intensivstation während Corona – 71 Patienten verloren seit Jahresbeginn

Im Krankenhaus Nordwest gibt es drei Intensivstationen mit insgesamt 30 Betten: die operative, die neurologische und die innere. In letzterer wurden Mitte November fünf Corona-Kranke betreut, weitere 17 auf Normalstation versorgt. Von Anfang Januar bis Mitte November habe man auf Intensiv- und Normalstation insgesamt rund 400 Covid-Patienten behandelt, sagt Intensivmediziner Gerhard Cieslinski. 71 von ihnen seien gestorben. Auffällig sind die Unterschiede zwischen geimpften und ungeimpften Corona-Kranken: Laut einer Statistik, die seit September in der Klinik erhoben wird, sind erstere im Durchschnitt 74 Jahre alt, letztere hingegen 57 Jahre, also deutlich jünger. Und, so Cieslinski, vereinzelt habe man auch erleben müssen, dass 40- oder gar 30-Jährige ohne Impfung an dem Virus gestorben seien.

Noch etwas macht Cieslinski deutlich: Es sind fast nur Ungeimpfte, die auf der Intensivstation des Nordwestkrankenhauses behandelt werden mussten und müssen. Auch deshalb wirbt er dringend für weitere Impfungen sowie für Auffrischungen, die sogenannten Booster-Impfungen. Wie groß sein Frust über die ungeimpften Patienten sei? „Schwieriges Thema“, sagt er. Natürlich sei es anstrengend, wenn ihn auf den ersten Blick ganz normale Patienten plötzlich mit irrationalen Ängsten vor der Impfung konfrontierten - etwa mit angeblich fehlenden Langzeitstudien. Aber da gebe es schließlich auch die Herzinfarktpatienten oder die Lungenkranken, die sich mit jahrelangem Zigarettenkonsum zugrunde gerichtet hätten. Oder die Alkoholkranken. „Wenn man sagen würde, man behandelt keine Ungeimpften mehr, dann dürfte man diese Menschen konsequenterweise auch nicht mehr behandeln“, sagt der Mediziner. „Und das ist wider jegliche ärztliche Ethik und Moralvorstellung.“ (Brigitte Degelmann)

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