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Interesse an assistierten Suiziden wächst

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Von: Sarah Bernhard

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Schwermut, wie sie dieses Symbolbild vermittelt, ist in den allerwenigsten Fällen der Grund, warum Menschen Suizidbeihilfe erbitten. Meist leiden die Menschen am Ende einer schweren Krankengeschichte unter unerträglichen und nicht mehr zu lindernden Schmerzen. FOTO: dpa
Schwermut, wie sie dieses Symbolbild vermittelt, ist in den allerwenigsten Fällen der Grund, warum Menschen Suizidbeihilfe erbitten. Meist leiden die Menschen am Ende einer schweren Krankengeschichte unter unerträglichen und nicht mehr zu lindernden Schmerzen. © picture alliance / dpa

Seit eineinhalb Jahren bieten Sterbehilfevereine auch in Frankfurt ihre Dienste an. Eine Gesetzeslücke ist noch nicht geschlossen.

In Frankfurt waren zwei Eheleute die ersten, die gemeinsam mit Hilfe eines Vereins aus dem Leben schieden: Nachdem das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 das Gesetz zum Verbot der "geschäftsmäßigen Suizidassistenz" für verfassungswidrig erklärt hatte, nahm das Paar im vergangenen Jahr die Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) in Anspruch. Zwölf weitere Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet taten es ihnen seitdem nach; 2021 halfen die drei Vereine, die in Deutschland Suizidbeihilfe anbieten, 350 Menschen auf ihrem Weg in den Freitod. Und die Zahl werde wohl weiter steigen, sagt Wega Wetzel, Sprecherin der DGHS.

Eigentlich sollte das Gesetz, das 2015 in Kraft trat, schnell nachgebessert werden, um die Gesetzeslücke wieder zu schließen. Schon länger liegen dazu drei Gesetzesentwürfe auf dem Tisch, doch bisher fand keiner eine Mehrheit.

Helga Liedtke stört das kein bisschen. "Endlich können wir sterben, wann und wie wir wollen, und keiner kann es uns verbieten", sagt die 80-Jährige, die um Jahrzehnte jünger wirkt. Seit sie diese Aufgabe vor 18 Jahren von ihrem Mann übernahm, ist sie das Gesicht der DGHS in Frankfurt und berät zu den Themen Patientenverfügung und Sterbebegleitung. "Die größte Angst vieler Menschen ist, dass am Ende jemand kommt und sagt: ,Nein, das darfst du nicht.' Das ist doch kein Zustand!"

Vier Personen, die ihr bei der Beratung ans Herz gewachsen sind, hat Liedtke bis in den Tod begleitet. In Deutschland wird dem Sterbewilligen dazu ein Zugang gelegt, da das trinkbare Narkosemittel, das in der Schweiz verwendet wird, für diesen Zweck nicht zugelassen ist. "In der Regel sind Angehörige anwesend, weil es ja gerade darum geht, sich in Ruhe und Einvernehmen zu verabschieden", sagt Wetzel. "Das war jedes Mal sehr schön und beruhigend. Es wurde gelacht oder auch geweint bis zum Schluss", sagt Liedtke.

Zunächst wird mit Kochsalzlösung überprüft, ob alles passt, dann wird der Beutel mit Narkosemittel angehängt. Immer wieder werde der Sterbewillige gefragt, ob er wirklich möchte, wenn ja, muss er den Zugang ohne Hilfe selbst öffnen, denn Tötung auf Verlangen ist in Deutschland weiterhin verboten. "Dann schläft man innerhalb von wenigen Minuten ein, kurz darauf setzt das Herz-Kreislauf-System aus", sagt Wetzel. "Die Gesichter waren am Ende nicht traurig oder ängstlich, sondern nur entspannt, mit einem feinen Lächeln auf dem Gesicht. Das muss ein schöner Tod sein", sagt Liedtke. "Na ja, so schön der eben sein kann", schiebt sie hinterher und lacht. Die Schwere, mit der viele das Thema Sterben behandeln, sucht man bei ihr vergebens. "Über den eigenen Tod bestimmen zu können, macht das Leben irgendwie leichter."

Bis es so weit ist, ist es allerdings trotz Gesetzeslücke ein langer Weg. Etwa einmal pro Tag klingelt bei Liedtke das Telefon. Viele wollen erst einmal reden, "manche sind schon dankbar, dass ihnen einfach mal jemand zuhört". Das sind jene, die eigentlich keine Hilfe beim Sterben wollen, sondern bei der Bewältigung ihrer Probleme - und die oft als Argument gegen die Suizidassistenz ins Feld geführt werden. "Ich konnte bisher allen Menschen mit Suizidwunsch, die in meine Praxis kamen, helfen, wieder aus der Situation herauszufinden", sagt etwa der Preungesheimer Allgemeinarzt Jürgen Burdenski.

Der freie Wille muss klar erkennbar sein

Um diese Menschen gehe es aber gar nicht, sagt DGHS-Sprecherin Wetzel. Sondern um jene, die bereits alle Lösungsmöglichkeiten durchdacht haben und dennoch keinen anderen Ausweg mehr für sich sehen, weil die Zukunft nur noch eine Verschlechterung ihres Zustands oder unerträgliche Schmerzen bereithält - und die nicht bereit sind, diesen Zustand auf unabsehbare Zeit zu ertragen. Durchschnittlich sind die DGHS-Mitglieder, wenn sie den Freitod vollziehen, 78 Jahre alt. Die Hauptgründe seien austherapierte Krebserkrankungen und neurologische Krankheiten wie etwa Multiple Sklerose. "Etwas kleiner ist die Zahl der Menschen mit Lebenssattheit, bei denen nicht wirklich eine körperliche Erkrankung vorliegt. Das sind in der Regel hochaltrige Mitglieder", sagt Wetzel.

Für die Entscheidung, wen die DGHS beim Suizid begleitet, sind ähnliche Kriterien wie in den drei Gesetzesentwürfen ausschlaggebend: Der Todeswunsch muss dauerhaft sein und dem freien Willen entspringen. Und hier liegt für viele Kritiker des assistierten Suizids der Knackpunkt: Wie beweisen, dass der Wille frei ist? Bei der DGHS müssen die Mitglieder dafür einen mit eigenen Worten formulierten Antrag vorlegen, Krankheitsunterlagen einreichen, Fragen beantworten, sowohl ein Jurist als auch ein Arzt prüfen unabhängig voneinander den Fall. "Immer wieder werden auch Fälle abgelehnt." Ein halbes Jahr Bedenkzeit zwischen Vereinseintritt und Antragstellung ist - sofern kein Härtefall vorliegt - absolutes Minimum. "Junge Menschen mit psychischen Erkrankungen sind nicht unsere Klientel", sagt Wetzel. "Wenn sie bei uns anrufen, versuchen wir eher, sie zum Leben hin zu orientieren."

Von den Zweifeln vieler Ärzte

Susanne Johna, der stellvertretenden Vorsitzenden des Marburger Bunds Hessen, reicht das nicht. Sie fürchtet, dass sich Patienten, wenn Freitodbegleitung zum Normalfall wird, irgendwann nur deshalb dafür entscheiden, weil sie anderen nicht zur Last fallen wollen. "Aber Suizid darf für die Patienten genauso wenig zu einer unter mehreren Optionen werden wie Suizidbeihilfe für Ärzte." Zumal viele Ärzte, wie etwa der Preungesheimer Allgemeinmediziner Jürgen Burdenski, Freitodbegleitung als nicht mit ihrem Berufsbild vereinbar sehen.

"Ich sehe es als meine Aufgabe, Leben zu erhalten und nicht, es zu beenden", sagt der Arzt, der Bezirksvorsitzender des Hausärzteverbands Hessen ist, in diesem Fall aber nur für sich selbst sprechen möchte. Trotz großer Zweifel hat nach der Deutschen auch die Hessische Ärztekammer im November 2021 das Verbot der Hilfe zur Selbsttötung aus der Hessischen Berufsordnung gestrichen, um nicht mit der geltenden Rechtsprechung in Konflikt zu kommen.

Dass Susanne Johnas Bedenken berechtigt sind, dass künftig also mehr Menschen aufgrund des gesellschaftlichen oder sogar familiären Drucks Suizidbeihilfe nutzen werden, glaubt DGHS-Sprecherin Wetzel nicht. "Wir sehen eher, dass die Angehörigen die Menschen zurückhalten wollen." Und auch Helga Liedtke in Frankfurt ist noch kein Fall untergekommen, in dem jemand zum Freitod gedrängt wurde. Dass die Zahl der Suizide in den Ländern, in denen Sterbehilfe legalisiert wurde, einige Jahre nach der Legalisierung steigt, wie bereits mehrere Studien gezeigt haben, liege eher daran, dass die Menschen, die selbstbestimmt sterben wollen, diese Möglichkeit nach der gebotenen Bedenkzeit auch nutzen. Die Zahl der Suizide in Frankfurt hat sich trotz der Gesetzesänderungen seit 1998 nicht signifikant verändert und liegt im Mittel bei 80 Selbsttötungen pro Jahr.

Christliche Ideale von Leben und Sinn

Judith Christanz und Marcus Meinhardt sprechen sich noch aus einem anderen Grund gegen jede Form der Sterbehilfe aus. Rund 120 Menschen begleiten die Leiterin des Hospizes Sankt Katharina in Bornheim und ihr Pflegedienstleiter pro Jahr beim Sterben. Durchschnittlich kommen die Menschen mit knapp 70 Jahren ins Hospiz und bleiben fünf Wochen, 95 Prozent von ihnen haben Krebs. "Es kommt immer wieder vor, dass jemand sagt: ,Geben Sie mir doch die Spritze!'", sagt Meinhardt. Das sei aber in der Regel eher ein Hilfeschrei als ein ernsthafter Wunsch. "Irgendetwas ist dann nicht in Ordnung. Vielleicht leiden die Menschen an Übelkeit, Erbrechen, Atemnot oder Schmerzen. Oder sie sind einsam oder haben Angst." Mit all dem könne man im Hospiz umgehen, mit Medikamenten, Gesprächen, Zuwendung.

Für Christanz muss das Ende des Lebens nicht von düsteren Gedanken bestimmt sein, sagt er. "Die Menschen sind hier, um noch einmal zu leben, sie bekommen Aufmerksamkeit, Geborgenheit und Fürsorge." Mit dem Bett in der Sonne stehen, Erdbeeren mit Schlagsahne essen - oft seien es solche Kleinigkeiten, die für die Gäste das Leben wieder lebenswert machten. "Jeder Mensch hängt am Leben", sagt Meinhardt. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand es freiwillig aufgibt, wenn er sicher sein kann, dass er bis zum Ende gut betreut ist." In Frankfurt gibt es - neben Palliativstationen in Krankenhäusern und ambulanten Palliativ-Teams - 24 Hospiz-Plätze.

Helga Liedtke schüttelt darüber nur den Kopf. Die Vorstellung, dass das Leben über allem steht, egal wie qualvoll es ist, und egal ob der Betroffene es noch leben möchte oder nicht, "das ist der immer noch sehr große Einfluss der Kirche", sagt sie. "Aber mal ehrlich: Jemandem den Sterbewunsch einfach zu verweigern, was ist das für eine Menschlichkeit?"

So sehen das auch einige Ärzte in Frankfurt. Öffentlich zum Thema äußern will sich keiner, zu groß ist die Angst vor der Ablehnung der Kollegen. Stattdessen werde einfach gemacht - oder unterlassen, was medizinethisch noch angezeigt wäre, um den Tod zu beschleunigen. "Natürlich hat jeder Arzt das Recht, zu sagen, dass er Menschen nicht beim Suizid unterstützen möchte", sagt Helga Liedtke. Auch deshalb seien die Sterbehilfevereine, die den Kontakt zu andersdenkenden Ärzten herstellten, ja so wichtig.

Hier finden Sie Hilfe

Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder einer akuten Depression leiden, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter den Nummern 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22 (beide rund um die Uhr besetzt) oder den Psychosozialen Krisendienst Frankfurt unter Telefon (0 69) 61 13 75 (Montag bis Freitag von 17 bis 1 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen von 9 bis 1 Uhr). Hilfe bei Depressionen und anderen psychischen Problemen und weitere Informationen gibt es außerdem online unter frans-hilft.de, bsf-frankfurt.de und deutsche-depressionshilfe.de

Die Rechtslage und die Debatte im Bundestag

Bei der Suizidbeihilfe prallen zwei grundlegende Prinzipien des Rechtsstaats aufeinander: die Pflicht des Staates, Leben zu schützen (Artikel 1 des Grundgesetzes) und das Recht des Einzelnen auf freie Entfaltung (Artikel 2). Auf letzteren berief sich das Bundesverfassungsgericht, als es 2020 das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Sterbehilfe kippte. Seitdem bieten mit der DGHS, Dignitas und dem "Verein Sterbehilfe" drei Vereine die Möglichkeit für einen assistierten Suizid.

Zur Neuregelung des Gesetzes aus dem Jahr 2015 wurden bisher drei Gesetzesentwürfe vorgelegt. Ein Entwurf von Abgeordneten von SPD, FDP und der Linken billigt jedem das Recht auf Suizidbeihilfe zu - sofern er vorher eine staatliche Beratungsstelle besucht hat. Ein Entwurf, der vor allem von Grünen vertreten wird, sieht den zweimaligen Besuch einer privaten Beratungsstelle plus ein ärztliches Gutachten vor. Ein neuerer, fraktionsübergreifender Entwurf will geschäftsmäßige Suizidassistenz unter Strafe stellen und sie nur nach zwei psychiatrischen Untersuchungen und einem Beratungsgespräch ermöglichen.

Eine Entscheidung will der Bundestag im Herbst treffen.

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