Filmdokumentation

Interview: So brutal ging man in Frankfurt in den 50er Jahren gegen Schwule vor

  • Rebecca Röhrich
    vonRebecca Röhrich
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„Das Ende des Schweigens“. So heißt die Dokumentation von Filmemacher van-Tien Hoang, die Ende des Jahres bei uns in die Kinos kommt. Hoang erzählt darin ein düsteres Kapitel in der Frankfurter Geschichte. Denn die Dokumentation beschäftigt sich mit den Homosexuellenprozessen, die in den Jahren 1950 und 1951 bundesweit für Schlagzeilen sorgten.

„Das Ende des Schweigens“. So heißt die Dokumentation von Filmemacher van-Tien Hoang, die Ende des Jahres bei uns in die Kinos kommt. Hoang erzählt darin ein düsteres Kapitel in der Frankfurter Geschichte. Denn die Dokumentation beschäftigt sich mit den Homosexuellenprozessen, die in den Jahren 1950 und 1951 bundesweit für Schlagzeilen sorgten.

Sie drehen eine Dokumentation über die Homosexuellenprozesse in Frankfurt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Das war tatsächlich Zufall. Auf Facebook entdeckte ich 2015 einen Post, der an den Selbstmord eines 18-Jährigen im Jahr 1950 erinnerte. Der junge Mann sprang damals hier in Frankfurt vom Goetheturm. Ich habe dann ein bisschen weiterrecherchiert und bin dann auf die Schwulenprozesse in Frankfurt gestoßen. Theodor Wilhelm Stenger hieß der Mann und hatte sich das Leben genommen, weil er im Kontext dieser Prozesse als Homosexueller geoutet wurde. Ja und es gibt natürlich viele weitere traurige Geschichten, die damit zusammenhängen. All das hat mich sehr berührt und ich wollte etwas tun, damit diese Geschichten nicht vergessen werden. So  hat das angefangen eigentlich.

Was ist denn damals in Frankfurt  genau passiert?

Homosexualität war schon seit der Gründung des Deutschen Reichs, 1871, eine Straftat. Die Nazis verschärften das Gesetz. Man konnte seit 1935 für gleichgeschlechtlichen Sex für bis zu zehn Jahre ins Gefängnis kommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Bundesrepublik  diese verschärfte Form des  sogenannten Schwulen-Paragrafen. Als er dann 1950 in Kraft trat, begann hier in Frankfurt eine bundesweit beispiellose Verfolgung Homosexueller. 75 Männer kamen ins Gefängnis. Sehr viel mehr Männer wurden unfreiwillig geoutet und damit wurden ihre bürgerlichen Existenzen zerstört. Einige brachten sich um – so wie auch der junge Mann, der vom Goetheturm sprang.

Wie muss man sich die Stimmung die in der Stadt vorherrschte vorstellen?

Das war ein bisschen wie eine Hexenjagd.  Die Leute haben sich gegenseitig verleumdet. Menschen sind zur Polizei gegangen und haben ihre Nachbarn angeschwärzt. Das hat richtig überhandgenommen. Die Beschuldigten wurden bewusst an ihrer Arbeitsstelle festgenommen, um sie gesellschaftlich zu diskreditieren. Irgendwann hat sogar die Oberstaatsanwaltschaft gesagt, dass sie mit den ganzen Anzeigen überfordert sei. Es gab einfach zu viele.

Was macht es mit einem, sich mit solchen Ereignissen  auseinanderzusetzen? Lässt einen das anders auf die aktuelle Gesellschaft blicken?

Mich haben die persönlichen Geschichten sehr berührt. So habe ich zum Beispiel das große Glück gehabt, 2015 Wolfgang Lauinger kennenlernen zu dürfen. Er saß acht Monate in U-Haft, damals noch im Klapperfeld. Der hatte den Zweiten Weltkrieg miterlebt, die Nazi-Herrschaft. Und trotzdem steht da ein 97-jähriger Mann vor einem, der sagt: „Wenn ich wiedergeboren werde, möchte ich wieder als schwuler Mann geboren werden.“  Das hat mich sehr beeindruckt. Ich war sehr traurig, als er dann zwei Jahre später gestorben ist.

Mit geht es vor allem auch darum, der heutigen Gesellschaft, die heute so viel freier ist, vorzuführen, dass es in diesem Land auch mal anders war – auch nach dem Ende der Nazi-Zeit. Das sollte nicht vergessen werden. Denn gerade heute gibt es, zum Beispiel mit der AfD, wieder Kräfte in diesem Land, die unsere Freiheit beschneiden wollen, die Randgruppen diskriminieren.

Interessant war vor allem, dass nicht viele etwas über die Verfolgungen wussten. Zum Beispiel im hessischen Staatsarchiv in Wiesbaden. Der Mitarbeiter musste erst mal das Thema googeln, weil er noch nie davon gehört hatte.

Und ich habe viele Rückschläge während der Recherche und Finanzierung erlebt. Und es gab auch Menschen, die mir Steine in den Weg gelegt haben. Einige waren sogar richtig bösartig. Aber ich habe mich nicht von meinem Vorhaben abbringen lassen, diesen Film zu machen. Dabei habe ich mir Wolfgang Lauinger zum Vorbild genommen – der hat ja auch gekämpft.

Wann kommt die Dokumentation in die Kinos?

Ich habe 85 Prozent der Filmszenen im Kasten. Ich brauche nur drei oder vier Drehtage. Frühestens im Spätsommer wird er dann fertig sein. Ich habe schon den Rohschnitt verfasst und die Postproduktion ist auch schon bereit.

Du hast berufliche Erfahrungen in der Filmproduktion, der Film hat einen professionellen Anspruch - trotzdem ist es  vor allem ein ehrenamtliche Projekt. Wie finanzierst du Ausrüstung, Schauspieler und Mitarbeiter?

Zum Großteil finanziere ich den Film aus eigener Tasche. Dafür habe ich einen Privatkredit von über 25.000 Euro aufgenommen – die Arbeitsstunden sind da natürlich nicht mit eingerechnet. Aber ich will dafür auch nicht bezahlt werden. Mir ist es wichtig, dass die Mitarbeiter, also die Kameramänner, die Regieassistenz und die Postproduktion dafür bezahlt werden.

Aber ein paar kleine Förderungen habe ich bisher bekommen: Von der Deutschen Aidshilfe Hessen und einem privaten Förderer aus Hamburg, der Betroffene selbst noch gekannt hat. Aktuell habe ich eine Crowdfunding Kampagne gestartet. Ich freue mich also auch sehr über kleinere Spenden.

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