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"Was wird mit dem Palmengarten, wenn es wärmer wird?", fragt sich dessen neue Chefin Dr. Katja Heubach, "pflanzen wir dann Oliven"?

Klimawandel

Montagsinterview: Chefin des Palmengartens spricht über Klimawandel und ihre Lieblingspflanze

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Dr. Katja Heubach (36) ist seit mehr als drei Monaten Chefin des Palmengartens. FNP-Redakteur Thomas J. Schmidt hat mit ihr über die Zukunft des Pflanzenparadieses gesprochen – und über die Zukunft der Stadt im Klimawandel.

Frau Heubach, Sie sind jetzt seit mehr als drei Monaten Chefin des Palmengartens. Was ist Ihnen aufgefallen?

DR. KATJA HEUBACH: Mir ist aufgefallen, wie groß das ist! Es sind 22 Hektar Palmengarten plus acht Hektar Botanischer Garten...

Stimmt, der gehört ja auch zu Ihnen?

HEUBACH: Seit 2012 ist der Botanische Garten Bestandteil des Palmengartens...

Weil die Universität einen neuen Garten am Riedberg hat.

HEUBACH: Da habe ich damals meine Lichtmeter-Messungen gemacht und ähnliches in dem Areal. Alles, was sich im Studium um Botanik drehte, habe ich im Botanischen Garten gemacht. Und dass er so groß ist, das habe ich gar nicht gewusst. Das hat mich alles schier begeistert. Und jetzt habe ich ja Zugang zu Räumen, die sonst verschlossen sind.

Das ist der Vorteil, wenn man Chefin ist.

HEUBACH: Es ist faszinierend, sich vorzustellen, wie dieser Organismus funktioniert. Wie wird die Planung gemacht? Welche Lebensräume stellen wir dar? Woher kommen die Pflanzen, wie werden sie vermehrt? Mein botanisches Studium ist ja schon ein paar Tage her. Es ist spannend zu sehen, wie das funktioniert.

Palmengartenchefin Heubach: "Führung bedeutet, Dienstleistung anzubieten"

Und dann gehört die Kasse dazu, die Reinigung und so weiter?

HEUBACH: Ja, es ist ein Kosmos. Dann muss ja auch alles verwaltet werden, man muss wissen, wer wo ist, und so weiter.

Sind Sie eine gute Chefin?

Führung bedeutet für mich, Dienstleistung anzubieten. Sie kommt nicht mit dem Anspruch, es besser zu können. Arbeitnehmer, die ihr Arbeitsleben hier verbracht haben, wissen es viel besser als ich. Meine Aufgabe ist, diese Energien zusammenzuführen.

Mal die große Frage: Der Palmengarten ist 150 Jahre alt. Wie wird er in 150 Jahren sein? Könnten Sie sich etwa vorstellen, dass jemand auf die Idee kommt, zu sagen: Prima, 30 Hektar, da bauen wir Wohnhochhäuser und den Palmengarten pflanzen wir neu dort, wo die Josefstadt hinsollte?

HEUBACH: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Drei Monate sind nicht viel Zeit, um 150 Jahre zu verstehen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ja auch unter jedem Direktor etwas verändert. Es gab hier mal Tennisanlagen. Der Palmengarten ist eine der ersten Bürgerinitiativen. Also, dass der an den Stadtrand versetzt wird, kann ich mir nicht vorstellen.

Die Geschichte ist bewegt und bewegend. Zwei Weltkriege hat der Palmengarten überstanden.

HEUBACH: Es gab ja schon im 19. Jahrhundert einen Brand, danach erhielten wir Elsässer-Fassaden. Es hat sich gestalterisch viel geändert. Das Eingangsschauhaus ist um 180 Grad gedreht worden.

Redakteur Thomas J. Schmidt im Gespräch mit Dr. Katja Heubach

Was wollen Sie wie gestalten, was wie entwickeln? Baustellen haben Sie ja genug.

HEUBACH: Das sind Instandhaltungsarbeiten. Es sind Bewässerungsanlagen, die neu gemacht werden. Die Bauarbeiten können ja auch nicht immer stattfinden, denn wir haben ja viele Ausstellungen.

Philosophie des Gartens: Zugänge zur Natur schaffen

Sie haben pro Jahr 600 000 Besucher. Ist das viel oder wenig? Haben Sie eine Vorgabe, im kommenden Jahr 700 000 Besucher zu haben?

HEUBACH: Nein. Es ist in erster Linie ein Garten. Wir haben Pflanzen, eine tolle Vielfalt, viele Pflanzen, die nur wir haben. Für mich ist klar: Wenn es eine Philosophie des Gartens geben muss, dann nur in der Frage: Wie schaffen wir Zugänge zur Natur. Jede Veranstaltung, die wir haben, ob Kleinkunst oder Musik . . .

...ist nur der Speck, mit dem man Mäuse fängt?

HEUBACH: Ja, man geht ja aus verschiedenen Gründen in den Garten. Der eine sagt: Mir gefällt die Färbung der Herbstblätter. Der andere mag das Zusammenspiel von Flora und Fauna. Der andere schaut sich hier Felsspaltengesellschaften an – das ist eines meiner Lieblingsterritorien. Der andere mag vielleicht besonders die Geräusche, die Vögel, die man hier hören kann. Und da ist die Frage: Über welche Sinne erfahre ich Natur?

Wer kommt denn her? Ist das die Mittelschicht? Sind das Leute mit Frankfurt-Pass?

HEUBACH: Es ist ganz unterschiedlich. Wir sind für groß und klein, jung und alt, Frankfurter und Gäste. Grundsätzlich ist es so, dass viele Hobbygärtner kommen, Leute, die sich für das Grün interessieren, und ich würde sagen: Es sind viele typische Gartentäter – also Menschen der Generation 50 plus. Viele sehen es als eine Attraktion im Rahmen des Stadtmarketings. Viele sind drei Tage hier, als Touristen, und kommen auch in den Palmengarten. Wir haben auch Gruppen, die aus anderen Gärten kommen, zuletzt aus Korea. Daneben haben wir einen großen pädagogischen Bereich, die Grüne Schule.

Das ist doch schon ein weites Feld...

HEUBACH: Ich bin sehr zielgruppenorientiert. Wir leben von öffentlichen Geldern und müssen etwas machen für die Besucher, die wir haben. Vor diesem Hintergrund werden wir 2019 eine Besucherumfrage starten. Im langjährigen Mittel haben wir 600 000 Besucher pro Jahr. Es gibt auch keine Vorgaben, dies zu steigern. Aber wir erwarten im Rahmen der Jubiläumsfeiern 2021 einen Besucherzuwachs. Da werden wir viele spannende neue Sachen anbieten. Je besser wir unsere Zielgruppen kennen, umso mehr können wir auf sie eingehen.

Über Apps Jugendliche in den Palmengarten locken

Wo wollen Sie jetzt Schwerpunkte setzen?

HEUBACH: Wir erreichen zu wenige Jugendliche, die außerhalb der Schule kommen. Sie fehlen. Weil Garten auch ein wenig von Patina geprägt ist. Also fragen wir uns, wie wir die Jugendlichen kriegen können. Mit Apps, in denen die Pflanzen erklärt werden. Eine Idee ist der Hörwald – wo Bäume erzählen. Über sich selbst oder über den Garten. Oder aber man orientiert sich mit GPS im Garten.

Haben Sie eine Lieblingspflanze hier?

HEUBACH: Ich finde dieses Pampasgras sehr schön.

Sie waren ja unterwegs in der Welt. Haben Sie etwas mitgebracht?

HEUBACH: Nein, das geht ja nicht. Unsere Pflanzen sind ja alle registriert, haben eine Nummer. Die Pflanzen, über die ich geforscht habe, haben wir auch im Palmengarten.

Haben Sie ein Beispiel?

HEUBACH: Zum Beispiel den Affenbrotbaum, über den ich in der westafrikanischen Savanne geforscht habe. Man kann hier auch richtig große Bäume sehen. Aber wir haben ein Höhenproblem.

Weil das Palmenhaus zu niedrig ist?

HEUBACH: Ja, die tropischen Pflanzen schießen in die Höhe. Da müssen wir schneiden.

Wie ist denn die Situation bei Ihnen nach diesem trockenen Sommer? Er war vorbei, und ihre Zisternen waren leer. Wie wässern Sie denn jetzt? Mit normalem Trinkwasser?

HEUBACH: Wir haben Tiefbrunnen. Trotzdem sind die Bewässerungskosten bislang doppelt so hoch gewesen wie sonst, und trotzdem sind uns viele Pflanzen wegen der Trockenheit gestorben.

Was sind Ihre Beobachtungen in Frankfurt außerhalb des Gartens?

HEUBACH: Es gibt Trockenschäden, Sturmschäden, Bäume, die es trotz Bewässerung nicht geschafft haben. Und man sah schon im Sommer Blätter, die sich verfärben. Ein von der Trockenheit gestresster Baum hat wenig Abwehrkräfte gegen Pilze, Bakterien und anderes.

Wie wird sich das entwickeln?

HEUBACH: Es kommt auf die Arten an. Woher kommen die Arten ursprünglich? Straßenbäume sind in einer besonderen Situation. Sie haben die Luftschadstoffe, und die Trockenheit, die Bodenverdichtung . . . Eiche und Buche haben es schwer, auch die Robinie ist sehr am schwächeln.

Was würden Sie denn pflanzen, wenn Sie einen Garten hätten?

HEUBACH: Mediterrane Eiche. Die spannende Frage ist aber schon, was mit dem Palmengarten wird, wenn es wärmer wird. Pflanzen wir dann Oliven? Was ist mit dem Rhododendron, der es gerne kälter hat? Wie lange überleben die Rosen das alles? Es wird sich ändern. Wie sollen wir es gestalten? Denn wir gestalten ja heute den Palmengarten von 2040. Vielleicht werden wir unser Palmenhaus im Sommer kühlen und im Winter nicht mehr heizen. Unsere Sommersukkulenten stehen im Sommer draußen und kommen im Winter ins Gewächshaus. Vielleicht wird sich in Zukunft die Sommersaison verlängern?

Sie stellen sich auf den Klimawandel ein?

HEUBACH: Ja. Ich lebe nach dem Motto: Klimawandel, mach was daraus. Ich bin pragmatisch. Wir haben die Situation, wir haben einen bestimmten Handlungsspielraum. Wir müssen reagieren. Und wir müssen sicherstellen, dass der Palmengarten auch in den kommenden Jahrzehnten gut dasteht. Wir müssen Entscheidungen treffen, die in Jahrzehnten Bestand haben. Ich bin visionär. Man kann auch was Schönes daraus machen. Aber ich will nicht die Ernsthaftigkeit aus dem Thema nehmen.

Sie sind 36. Sehen Sie ihre Zukunft hier im Palmengarten?

HEUBACH: Jetzt bin ich mal drei Monate hier. Es freut mich unendlich, dass ich endlich mal einen unbefristeten Vertrag habe. Diese Projektlaufzeiten von drei Jahren – und danach zieht man wieder um – verursachen hohe soziale Kosten. Ich kann jetzt sehr viel leichter persönlich planen. Und jetzt kann ich im Palmengarten ganz langfristig planen.

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