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Chefchirurg Plamen Staikov und seine Patientin Conny Grunert werden am 6. Mai gemeinsam mit Adipositas-Betroffenen auf dem Jakobsweg wandern.

Adipositaszentrum

Interview mit Chirurg Plamen Staikov: „Übergewicht ist eine Krankheit“

Das Adipositaszentrum am Krankenhaus Sachsenhausen behandelt Menschen, die so übergewichtig sind, dass ihre Gesundheit gefährdet ist. Es drohen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schlaganfall und Tumorerkrankungen. Besonders leiden dicke Menschen darunter, sozial ausgegrenzt zu werden. Um auf die Krankheit Adipositas (Fettleibigkeit) aufmerksam zu machen, pilgern ab 6. Mai elf Betroffene auf dem Jakobsweg in Spanien. Reporterin Stefanie Wehr sprach mit dem Chefchirurgen Plamen Staikov und der Patientin Conny Grunert (54).

Frau Grunert, Herr Staikov, warum ist es so wichtig, auf Adipositas aufmerksam zu machen?

CONNY GRUNERT: Die meisten Betroffenen wissen gar nicht, dass sie krank sind. Ich wusste es auch nicht, selbst als ich 101 Kilo schwer war und nicht mehr laufen konnte, weil meine Bandscheiben nicht mitmachten.

PLAMEN STAIKOV: Wir wollen für das Thema Übergewicht sensibilisieren, das einen sehr großen Teil der Bevölkerung betrifft. Ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland sind hochgradig übergewichtig. Wir möchten auch aufzeigen, dass die Betroffenen durchaus Interesse haben, etwas gegen das Übergewicht zu tun. Es ist schlichtweg eine Unterstellung und ein Vorurteil, dass übergewichtige Menschen sich nicht bewegen wollen, kein normales Leben führen und nicht gesund sein wollen.

Die Wanderung soll also das Gegenteil zeigen?

GRUNERT: Richtig. Es wird aber eine riesige Herausforderung, wir haben großen Respekt davor. Bei mir ist es mein Knie, das mir Sorgen macht. Andere fürchten, nicht genug Ausdauer zu haben. Aber wir freuen uns darauf. Das Fernsehen begleitet uns, und wir posten auf Facebook unsere Erfahrungen.

Wie kommt es dazu, dass so viele stark übergewichtig werden?

STAIKOV: Es hat auf jeden Fall nichts damit zu tun, dass die Betroffenen zu faul seien. Adipositas gründet sich vor allem auf genetische Veranlagung. Dazu kommt, dass es in unserer westlichen Welt ein dauerhaftes Überangebot an Kalorien gibt. Die Menschen bewegen sich weniger. Die Prävention in Deutschland zeigt keine Wirkung, und die Zahl der übergewichtigen Kinder steigt, und das ist beängstigend, weil viele von ihnen später schwer krank sein werden.

GRUNERT: Bei mir war es Veranlagung und dass ich einfach dachte: Meine Mutter ist dick, meine Verwandten sind fast alle dick, es ist halt so. Ich habe eine Diät nach der anderen gemacht, aber durch den Jojo-Effekt kamen die Kilos kurze Zeit später doppelt zurück. Irgendwann ist der Körper durcheinander und der Stoffwechsel gestört.

STAIKOV: Diäten helfen nicht, sie schaden eher, das ist erwiesen. Der Körper will wieder sein ursprüngliches Gewicht herstellen. Diäten funktionieren nur, solange man sie macht, und man kann sie nicht lebenslang durchhalten.

Gibt es wirkungsvolle Strategien gegen Übergewicht?

STAIKOV: Zum einen muss mehr Prävention geleistet werden, also verständliche Informationen darüber verbreitet werden, wie Adipositas entsteht. Und zum anderen müssen die Betroffenen gezielt behandelt werden. Die Krankheit Adipositas wird in Deutschland nur verwaltet. Es fehlt meist die klare Empfehlung des Hausarztes, frühzeitig eine Behandlung zu beginnen. Je eher der Betroffene anfängt, sich behandeln zu lassen, desto besser.

Wie sieht so eine Behandlung aus?

STAIKOV: Die meisten, die zu Übergewicht neigen, brauchen Unterstützung in Form von kompetenter medizinischer Begleitung. Denn das Einzige, was hilft, ist eine dauerhafte Umstellung der Ernährung und mehr Bewegung im Alltag. Die dritte Säule ist die Verhaltenstherapie beim Psychologen. Dabei wird dem Patienten klargemacht, in welcher Form er nicht richtig isst. Manche essen zu viel, können nicht aufhören, weil die Sättigung sich nicht einstellt. Manche essen nachts, manche zu oft. Das alles sind Essstörungen, die behandelt werden können.

Bis man sich zu alledem durchringt, muss einiges passieren, man muss dazu gebracht werden, etwas zu unternehmen.

STAIKOV: Ja, die Hausärzte tun noch zu wenig, sie können aber oft auch nichts empfehlen, weil es schlicht zu wenige Angebote für eine umfassende Begleitung gibt, vor allem auf dem Land. Sehr selten wird von ihnen eine operative Behandlung empfohlen, die oft aber dringend nötig wäre.

GRUNERT: Bei mir war es so, dass mein Rückenchirurg, der meine Wirbelsäule operiert hat, mich auf den Weg zur Adipositasbehandlung gebracht hat. Meine Krankenkasse hat mich dann zur Reha geschickt. Da gab es Kochkurse, Bewegungsprogramm, Gespräche beim Psychologen. Mit 101 Kilo kam ich ins Krankenhaus und habe eine Magenbypass-Operation bekommen.

Ab wann ist eine solche Operation nötig?

STAIKOV: Es gibt Leitlinien zur Behandlung, also Empfehlungen. In Deutschland beginnen wir die operative Behandlung viel zu spät. Mit einem BMI (Body Mass Index) von 50 kann man nach der Empfehlung direkt operieren. Aus medizinischer Sicht ist es jedoch schon ab einem BMI von 40, manchmal von 35, sinnvoll und notwendig, sich intensiv mit dem Thema Operation zu beschäftigten.

Die Krankenkassen sind offenbar nicht der Meinung, dass man operativ eingreifen sollte?

STAIKOV: Viele Krankenkassen sind sehr restriktiv, die Leidtragenden sind die Patienten.

Was genau wird bei der Operation gemacht?

STAIKOV: Bei der Schlauchmagenoperation wird der Magen verkleinert, das Magenvolumen wird um 75-80 Prozent verringert. Das bewirkt, dass man früher satt wird und dadurch weniger Kalorien zu sich nimmt. Die zweite Methode ist der Magenbypass. Der Magen wird auf ein Volumen von 20 bis 30 Milliliter gebracht, etwa auf die Größe einer Espressotasse. Der Dünndarm wird verkürzt und an den Magen angenäht. Dadurch findet die eigentliche Verdauung erst im Darm statt und wird dadurch verändert.

Was hat sich für Sie seit der Operation verbessert, Frau Grunert?

GRUNERT: Nach der Operation hat für mich ein neues Leben angefangen. Ich habe seither 41 Kilo verloren und esse weniger und viel gesünder. Ich nehme auch keine Schmerzmittel für den Rücken mehr und keine anderen Medikamente. Ich gehe viel mit Freunden aus, unternehme viel, was mir sehr guttut. Aber der Weg dahin hat Jahre gedauert und war schlimm. Ich verlor meine Arbeitsstelle, wurde berentet. Ich wollte zeitweise nicht mehr leben. Schlimm war auch, dass es so lange gedauert hat, bis die Krankenkasse ein Einsehen hatte und mir die Operation zugestanden hat.

Wie geht es jetzt weiter?

GRUNERT: Jetzt kommt die Nachbehandlung, bei der die überschüssige Haut entfernt werden muss. Denn es ist sehr unangenehm, man schwitzt unter den Falten, hat ständig Entzündungen, und sie sehen nicht schön aus. Und ich gehe regelmäßig zur Selbsthilfegruppe, die mich auf meinem Weg sehr unterstützt hat.

STAIKOV: Die Behandlung ist mit der Operation nicht abgeschlossen. Adipositas ist nicht heilbar. Umso wichtiger ist es, dass früh etwas unternommen wird.

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