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Ärztliche Direktor der Uniklinik

Interview: Hygiene bleibt die Herausforderung

Sechs Jahre lang hat Prof. Dr. Jürgen Schölmerich die Geschicke der Frankfurter Universitätsklinik als deren Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender gelenkt. Am heutigen Montag wird sein Nachfolger, Prof. Dr. Jürgen Graf, vorgestellt. Zeit für eine Bilanz. FNP-Redakteurin Stefanie Liedtke hat mit Schölmerich über Erreichtes und Nicht-Erreichtes gesprochen.

Sechs Jahre lang haben Sie der Uniklinik als deren Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender Ihren Stempel aufgedrückt. Haben Sie alles geschafft, was Sie sich vorgenommen hatten?

PROF. DR. JÜRGEN SCHÖLMERICH (lacht): Nein. Ich hätte zum Beispiel während meiner Amtszeit gerne noch den zweiten Teil unseres großen Neubaus eingeweiht, aber es war recht schnell klar, dass das nicht klappen wird. Es gibt immer Dinge, die man nicht fertig bekommt, aber dafür habe ich ja auch einen Nachfolger. . .

Apropos: Sind Sie mit der Wahl Ihres Nachfolgers eigentlich einverstanden?

PROF. SCHÖLMERICH: In Nachfolgeregelungen habe ich mich noch nie eingemischt. Prof. Graf wird das sicher gut machen. Er hat viel Erfahrung.

Drei Monate lang bleiben Sie dem Klinikum ja auch noch in beratender Funktion erhalten. Was haben Sie sich für diese Zeit vorgenommen?

PROF. SCHÖLMERICH: Wir müssen die Zentrenbildung noch fertig bekommen. Die Bildung thematischer Zentren – etwa für Seltene Erkrankungen – und deren Zertifizierung sind für die Vergütung enorm wichtig. Da sind wir noch nicht bei allen am Ziel. Was ich noch vorantreiben möchte, ist die bauliche Entwicklung so weit es geht, denn jede Verzögerung kostet Geld.

Wenn Sie die sechs Jahre Ihrer Amtszeit Revue passieren lassen, was ist Ihnen als schönste Erinnerung im Gedächtnis geblieben?

PROF. SCHÖLMERICH: Eine schönste Erinnerung in dem Sinne gibt es nicht, aber einiges, worauf ich stolz bin. Zum Beispiel darauf, dass es uns gelungen ist, die Modulbauten zu realisieren, die 2012 fertig geworden sind und die es uns ermöglicht haben, zwei Jahre früher als vorgesehen die Baugrube für das Hauptgebäude auszuheben. Zum Glück, denn so können wir mit den Verzögerungen, die dann später aufgetreten sind, besser leben.

Sie haben auch manch’ andere Baustelle im Klinikum angepackt. . .

PROF. SCHÖLMERICH: Das kann man sagen. Wir haben es beispielsweise geschafft, als erstes Krankenhaus in Deutschland eine Zertifizierung für die gesamte Klinik zu erreichen. Auch dass wir den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst hier ans Haus geholt haben, war eine wichtige Weichenstellung für die Zukunft. Aber was mich am meisten freut ist, dass es uns gelungen ist, sechs Jahre lang ohne Hygieneprobleme zu arbeiten.

Sollte das nicht selbstverständlich sein?

PROF. SCHÖLMERICH: Natürlich muss das unser Anspruch sein, aber in Zeiten, in denen immer mehr Patienten multiresistente Keime in sich tragen, ist das alles andere als selbstverständlich. Sie glauben gar nicht, wie viele schlaflose Nächte mir das bereitet hat. Wenn Sie dann lesen, dass den Kollegen in Leipzig und Kiel massenhaft Patienten sterben – das verfolgt Sie bis in Ihre Träume. . . Deshalb bin ich unseren Mitarbeitern sehr dankbar, dass wir hier nie derartige Probleme hatten.

Es überrascht mich, dass Sie das Thema Finanzen gar nicht ansprechen, schließlich schreibt die Uniklinik neuerdings schwarze Zahlen – 2013 lag das Defizit ja noch bei 16,3 Millionen Euro. . .

PROF. SCHÖLMERICH: Das ist richtig, aber ich bin derjenige, der am wenigsten dafür kann. Das ist vor allem das Verdienst unserer Kaufmännischen Direktorin, Roland Bergers und nicht zuletzt unserer Mitarbeiter. Und schon jetzt ist absehbar, dass es schwer werden wird, 2016 ein ähnlich gutes Ergebnis zu erreichen.

Weshalb?

PROF. SCHÖLMERICH: Wir hatten im vergangenen Jahr sehr viele Überlieger, also Patienten, die noch im alten Jahr eingeliefert und abgerechnet werden, die aber über den Jahreswechsel in der Klinik bleiben und Kosten verursachen. Da fehlt uns von vornherein einiges an Geld.

Trotzdem: Sie haben sich gemeinsam mit den Unternehmensberatern von Roland Berger die Prozesse im Klinikum vorgeknöpft und neu aufgesetzt. Das hat zur finanziellen Gesundung des Hauses beigetragen. An welchen Stellschrauben haben Sie gedreht?

PROF. SCHÖLMERICH: An sehr vielen. Wir haben beispielsweise die Zeit von der Entlassung bis zur Abrechnung extrem verkürzt und die Verweildauer gesenkt. Außerdem haben wir die Zahl der unnötigen Laboruntersuchungen reduziert, indem wir Profile erstellt haben, welche Laborwerte bei welcher Erkrankung standardmäßig abgefragt werden. Wir haben den Verwurf von Blutkonserven von drei Prozent auf unter ein Prozent gesenkt und vieles mehr. Nicht zuletzt haben wir ein Qualitäts- und Risikomanagement etabliert.

Hat auch die Krankenhausreform eine finanzielle Entlastung gebracht? Sie sollte die Uniklinika ja besser stellen als bisher. . .

PROF. SCHÖLMERICH: Davon merken die Uniklinika leider nichts. Ich frage mich immer, wo die 265 Millionen Euro sind, von denen immer die Rede war. Um rentabel zu arbeiten, müsste ein Krankenhaus seine Leistungen jedes Jahr um zwei Prozent steigern. Das geht überhaupt nicht, sonst kommt gleich der nächste, der einem sagt, man operiere zu viel!

Wie sehen Sie die Zukunft der Uniklinika? Irgendwann wird der Punkt kommen, an dem sie nicht mehr weiter sparen können. . .

PROF. SCHÖLMERICH: Das stimmt. Bei uns wird der Neubau noch mal Entlastung bringen, weil die Wege dann kürzer sind und zusätzliche OP- und Intensivkapazitäten zur Verfügung stehen, aber dann haben wir getan, was wir können. Ich sehe jedoch noch ein ganz anderes Problem.

Nämlich?

PROF. SCHÖLMERICH: Die Medizin kann immer mehr. Wir können heute mit speziellen Untersuchungen zwischen mehr als 100 verschiedenen Arten von Hirntumoren unterscheiden. Und erst wenn wir wissen, um was für einen Tumor es sich handelt, können wir die optimale Therapie wählen. Aber die Kosten für diese Untersuchungen sind höher als das, was die Krankenkassen den Kliniken erstatten. Die Medizin wird nicht billiger werden. . .

Was ist die Konsequenz? Werden wir uns eine personalisierte Medizin nicht mehr leisten können?

PROF. SCHÖLMERICH: Die Konsequenz wird sein, dass die Uniklinika nicht mehr überall Maximalversorgung werden bieten können. Es kann doch nicht sein, dass wir Hochleistungsmedizin mit Geldern finanzieren sollen, die der Wissenschaft und Forschung vorbehalten sein sollten. Wir sind die letzte Wiese!

Sie meinen, dass sich die Universitätsklinika künftig auf einzelne Fachgebiete konzentrieren werden?

PROF. SCHÖLMERICH: Ja. Es wird auf eine Spezialisierung hinauslaufen.

Trennen Sie sich deshalb von Ihrer Orthopädie?

PROF. SCHÖLMERICH: Das ist nicht vorgesehen.

Wie sehen Sie das Frankfurter Universitätsklinikum personell aufgestellt?

PROF. SCHÖLMERICH: Sehr gut! Es ist uns gelungen, etliche Professoren hier zu halten: Unseren Hämatologen Prof. Hubert Serve etwa, unseren Strahlentherapeuten Prof. Claus Rödel und unsere Psychiaterin Prof. Christine Freitag. Und wir haben neue Kollegen geholt, die gut reinpassen, den Psychiater Prof. Andreas Reif beispielsweise.

Sie haben aber auch Aushängeschilder verloren – den Virologen Prof. Oliver Keppler beispielsweise oder den Urologen Prof. Axel Haferkamp. . .

PROF. SCHÖLMERICH: Das ist richtig, aber Sie müssen auch schauen, an wen wir die Kollegen verloren haben. Die Mainzer Urologie, an die Prof. Haferkamp gewechselt ist, ist doppelt so groß wie unsere. Und Prof. Keppler hat einen Ruf an das bekannteste virologische Instituts Deutschlands in München bekommen. Dort hat er jedes Jahr zwei Millionen Euro Forschungsmittel zur Verfügung. Da können wir nicht mithalten. Die wichtigen Leute haben wir hier gehalten.

Dennoch zählt Ihr Haus gemäß dem renommierten Klinikranking des Nachrichtenmagazins Focus nicht mehr zur Top Ten in Deutschland. . .

PROF. SCHÖLMERICH: Ob Platz 7 oder Platz 13 – bei 1700 Krankenhäusern macht das doch keinen großen Unterschied. . .

Ihr Nachfolger, Prof. Dr. Jürgen Graf, hat bei seiner Vorstellung gesagt, er wolle erreichen, dass die Uniklinik in der Bundesrepublik als der Leuchtturm wahrgenommen wird, der sie ist. Warum ist das aktuell nicht so?

PROF. SCHÖLMERICH: Das ist doch schon so! Wir sind sowohl in der Forschung als auch in der Lehre exzellent aufgestellt.

In einem Atemzug mit der Charité in Berlin oder der Ludwig-Maximilian-Universität in München wird Frankfurt selten genannt. . .

PROF. SCHÖLMERICH: Das stimmt nicht. In der Wissenschaft schon!. Die Charité ist drei mal so groß wie wir. Auch München ist groß. Aber Frankfurt ist schon sehr beachtlich. Ich bin stolz auf Frankfurt. Dazu hat auch die stetige Personalpolitik des Fachbereichs Medizin beigetragen, der über Jahre sehr gute Leute berufen hat. Es ist auch nicht alles messbar, was am Ende die wirkliche Qualität eines Klinikums ausmacht. Bei uns ist beispielsweise die Atmosphäre gut.

Sind Sie mit den Forschungsmitteln, die Sie vom Land Hessen erhalten, zufrieden?

PROF. SCHÖLMERICH: Natürlich bekommen wir, verglichen mit Uniklinika in anderen Bundesländern, relativ wenig. Dafür investiert das Land enorme Summen in die bauliche Infrastruktur des Klinikums. Wenn das mal fertig ist, haben wir hier eine der schönsten Unikliniken der Republik. Und auf lange Sicht ist das vermutlich nachhaltiger investiertes Geld.

Was werden Sie denn so gar nicht vermissen an Ihrer Arbeit?

PROF. SCHÖLMERICH: Die Verhandlungen mit den Krankenkassen. Das war mit das Unangenehmste an meiner Arbeit überhaupt. Das habe ich in anderen Bundesländern ganz anders erlebt.

Welche Herausforderungen wird Ihr Nachfolger bewältigen müssen?

PROF. SCHÖLMERICH: Er muss die Hygiene im Blick behalten, denn multiresistente Keime sind ein zunehmendes Problem. Und er muss schauen, dass sich die Bauvorhaben nicht weiter verzögern. Auch die Personalbeschaffung wird eine Herausforderung sein – das gilt für Ärzte wie für Pflegekräfte gleichermaßen. Sie können kein ganzes Krankenhaus nur mit ausländischen Ärzten und Pflegekräften betreiben. Da stoßen Sie irgendwann an Grenzen.

Haben Sie einen Rat für Herrn Graf?

PROF. SCHÖLMERICH: Mit den Leuten reden, Probleme angehen und die Lasten gleichmäßig verteilen, wenn Probleme sich nicht lösen lassen.

Bisher war Ihr Terminkalender immer voll. Was machen Sie jetzt mit so viel freier Zeit?

PROF. SCHÖLMERICH: Da fällt mir mehr als genug ein: Ich habe fünf Enkelkinder, das sechste ist unterwegs. Dann sind da einige Bücher, die ich herausgebe, und natürlich mein Engagement in der Politikberatung für die Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina.

Was machen Sie bei der Leopoldina?

PROF. SCHÖLMERICH: Wir haben Beiträge zum G7-Gipfel geleistet zu Themen wie vernachlässigte Tropenkrankheiten oder Antibiotika-Resistenzen. Und auch beim bevorstehenden G20-Gipfel werden wir uns wieder beteiligen.

In Ihrer Zeit in Regensburg waren Sie auch in der Lokalpolitik aktiv. Werden wir Sie künftig im Hofheimer Stadtparlament erleben?

PROF. SCHÖLMERICH (lacht): Das glaube ich nicht. Meine Zeit in der Lokalpolitik liegt hinter mir. Jetzt mache ich lieber Wissenschaftspolitik, und das geht hervorragend mit der Leopoldina.

Gibt es etwas, worauf Sie sich besonders freuen in Ihrem Un-Ruhestand?

PROF. SCHÖLMERICH: Ganz ehrlich? Auf mehr Schlaf. Ich bin jetzt fast 68 und ein bisschen müde. Ich möchte wirklich gerne mal etwas länger schlafen.

Und was werden Sie am meisten vermissen?

PROF. SCHÖLMERICH: Die netten Leute, die Mitarbeiter, die ich alle sehr mag.

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