Ein Lächeln hat Dr. Christof Schenck immer übrig, wenn es um den Schutz der Tiere und des Planeten geht, denn als Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) hat er längst seinen Traumjob gefunden.
+
Ein Lächeln hat Dr. Christof Schenck immer übrig, wenn es um den Schutz der Tiere und des Planeten geht, denn als Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) hat er längst seinen Traumjob gefunden.

Montagsinterview

Interview mit dem Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt: "Das Conservation Center soll ein Leuchtturm werden"

MONTAGSINTERVIEW Dr. Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, zum geplanten Neubau

Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF), bekannt spätestens seit Prof. Bernhard Grzimeks Wirken, ist seit 1858 für Natur- und Tierschutz aktiv. Sie bewahrt Wildtiere und ihre Lebensräume weltweit. Doch nie gab es so viele Menschen wie jetzt, noch nie wurden Lebensräume so grundlegend verändert. Und während die Prognosen zum Bevölkerungswachstum, zum Verlust artenreicher Ökosysteme und den Veränderungen des Weltklimas auf die Verschärfung der Probleme hindeuten, versucht der Biologe und ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck Auswege zu finden. Und erklärt, wie das geplante "Conservation Center" im Zoo dazu beitragen kann. Redakteurin Ute Vetter sprach mit ihm in seinem Büro im Zoo - dort, wo einst Grzimek mit seinem zahmen Geparden gern Gäste erschreckte.

Herr Schenck, Sie sind sonst fast das ganze Jahr weltweit unterwegs. Wie läuft das jetzt in Corona-Zeiten?

Ich bin im Homeoffice wie so viele, arbeite zehn Stunden täglich am Computer. Es ist grad eine ganz andere Welt. Wir arbeiten international, von Frankfurt aus.

Was heißt das?

Die ZGF betreibt Projekte in 18 Ländern auf vier Kontinenten, überall hat Corona Konsequenzen, doch total unterschiedlich, in Afrika gibt's etwa keinen Lockdown. Alle Mitarbeiter, auch die internationalen, sind vor Ort im Einsatz, 70 bis 80 Prozent der Arbeiten laufen ganz normal.

Und der Rest?

Reduziert sind größere Meetings mit örtlichen Repräsentanten in den Schutzgebieten, die Treffen mit den Dorfgemeinschaften. Das ist bedauerlich. Die Umweltbildung dort ist eingeschränkt.

Afrika ist ein Schwerpunkt?

Schon immer. Die ZGF unterstützt Schutzgebiete im Kongo, in Tansania, Sambia, Simbabwe und Äthiopien. 60 Prozent unsrer globalen Mittel fließen dorthin.

Wie viel Geld ist das?

In den letzten fünf Jahren konnten wir die Summe jährlich steigern. Sie lag zuletzt bei circa 35 Millionen Euro für 2020/21. Das hat es in den 162 Jahren des Bestehens der ZGF noch nie gegeben. Zu Beginn meiner Tätigkeit als Geschäftsführer vor 20 Jahren waren es 4 Millionen gewesen.

Beachtlich! Wie haben Sie das geschafft?

Unser Team ist gut, es ist aber auch die Kombination aus verschiedenen Dingen. Mitglieder, Spender und Erblasser - sie alle tragen zu unserer Arbeit bei. Wir erben nicht von Milliardären, sondern von Menschen, die uns ihr Erspartes, ihre Einfamilienhäuser vererben, weil sie keine Kinder haben. Sie legen damit eine Spur in die Ewigkeit, leisten etwas für die Menschen, die Natur und damit die Zukunft weit über den Tod hinaus.

Wer spendet noch?

Die ZGF hat vor über zehn Jahren einen Ableger in den USA gegründet, der auch gemeinnützig ist. Und da gibt es große private Stiftungen, die den Naturschutz, vor allem in Afrika unterstützen.

In Deutschland fehlen große Spender und Stiftungen für den Tier- und Naturschutz?

Sagen wir mal so: Hierzulande gibt es über 200 Milliardäre. Doch bislang hat sich davon niemand so richtig als exklusiver Mäzen für den Naturschutz positioniert.

Wie wollen Sie das ändern?

Wir versuchen mit unserer Arbeit zu überzeugen. Und es gibt durchaus sehr gute Partnerschaften. Spender und Spenderinnen müssen überzeugt von der Sache sein und Vertrauen in die Arbeit vor Ort haben. Dann können sie es auch genießen, Mäzen zu sein, also der Gesellschaft, dem Planeten etwas zu geben.

Der Fokus der ZGF liegt auf großen Wildnisgebieten?

Ja, und wir bleiben vor allem lange an diesen Gebieten dran, über Jahrzehnte, haben uns professionalisiert und an Reputation gewonnen und viele Mittel akquiriert. Wir sind aber vorsichtig gewachsen. Wir wollen bei unseren Kernkompetenzen bleiben.

Wo sind Sie noch tätig?

In Südamerika. Dort sind die riesigen biodiversitätsreichen Regionen der Erde. Diese komplexen Tropenwälder sind unglaublich wichtig für die ganze Welt, und sie sind sehr stark bedroht.

Die ZGF arbeitet eng mit dem Zoo zusammen. Dessen Leiter Miguel Casares hat ein Zukunftskonzept für das teils arg ramponierte Areal vorgelegt. Wie sehen Sie das?

Wir arbeiten sehr gut mit Miguel Casares zusammen. Das Konzept ist beeindruckend, legt auch einen Fokus auf Umweltbildung und die Verbindung zu unseren Projektgebieten draußen, so dass Tiere Botschafter werden. Zoos müssen sich entwickeln.

Die Stadtverordnetenversammlung hat den Bau des Conservation Center auf dem Zoogelände beschlossen. Warum ist es nötig?

Nun, wir haben derzeit drei große Krisen: Den Klimawandel, den Verlust der biologischen Vielfalt, die Pandemien. Alles hängt zusammen: Wenn Sie Regenwälder roden, setzen diese sehr viel CO2 frei. Das beschleunigt den Klimawandel, der wiederum Regenwälder zerstört. Gleichzeitig erhöht sich die Pandemie-Gefahr. Das Center soll sich diesen Fragen annehmen. Und eine Verbindung schaffen zwischen Wissenschaft und angewandtem Naturschutz.

Gibt es große Partner?

Ja. Die Goethe-Universität, primär eine forschende und lehrende Einheit, Senckenberg als primär forschende Einheit, und wir, die ZGF, primär eine Organisation für angewandten Naturschutz.

Es gibt noch mehr Akteure?

Ja, wir suchen da auch die Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit und der Entwicklungsbank KfW, die ja auch in Frankfurt sitzt. Das sind weltweit mit die größten Geber für den Schutz der biologischen Vielfalt. Nicht zu vergessen die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), die in Eschborn ist. Dazu gibt es das Netzwerk Biofrankfurt, die Nature Trust Alliance - zur Unterstützung einzelner Schutzgebiete und weitere Akteure. Es gibt durchaus eine besondere Konstellation hier.

Ein besonderes Vernetzen?

Ja, diese Köpfe, diese Institutionen müssen wir mehr zusammenbringen, einen Think-Tank bilden. Doktoranden, Master-Studenten sollen hier sein, wir wollen Austausche, Konferenzen und vieles mehr. Wir wollen der Stadt einen neuen Leuchtturm geben.

Hat Frankfurt den nötig?

Nun, die Stadt steht für den Flughafen, die Finanzwelt, auch für die Kultur - aber wo ist die internationale Verantwortung? Sie ist ja Mittelpunkt der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main und als solche bedeutender als so manches Bundesland. Die Stadt ist ein wichtiger Puzzlestein innerhalb Deutschlands, das Land wiederum innerhalb der EU und die EU wiederum ein wichtiger Global Player, auch was Werte und Entwicklung angeht.

Werden Sie auch die Bürgerschaft erreichen?

Wir glauben, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit einen enormen Mehrwert schafft und dass man die Stadtgesellschaft mitnehmen kann, etwa mit Symposien, Ausstellungen, Vorträgen.

Das Center wäre ein Ansprechpartner für alle?

Ja, etwa bei Fragen zu Naturschutz, zu Biodiversität und vielem mehr. Ein Beispiel: Selbst im internationalen Bereich geht man heute mit Fragen zum Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, denn da sitzen die Klimatologen dieser Welt. Und diese Rolle könnten wir uns für Frankfurt beim Thema Biodiversität vorstellen.

Wie groß soll das Gebäude am Rande des Zoos werden?

Etwa fünf bis sechs Stockwerke, wir gehen von Platz für etwa 150 Personen aus, wobei wir neu denken müssen, weil Corona dieses Verhältnis von Homeoffice und Arbeitsplatzpräsenz verändert hat. Wir werden "Shared Desks" installieren, brauchen mehr Räume für Treffen, Konferenzen.

Und für Ausstellungen und Ähnliches mehr?

Ja, sicher. Damit werden wir auch den Zoo bespielen. Aber ich finde auch die "Keepers Talks" toll, also wenn Tierpfleger dem Publikum Geschichten von ihrer Arbeit erzählen. Da sind Emotionen dabei. Da ist großes Potenzial.

Sie bieten bereits Nachwuchs-Bildung?

Ja, etwa die "Frankfurt Spring School on Conservation Project Management". Es ist ein Intensivkurs für junge Akademiker im Bereich Projektmanagement. Wir haben in Deutschland nämlich sehr gute Wissenschaftler, die von den Unis kommen. Aber wir brauchen dringend gute Projektmanager und -managerinnen für unsere Naturschutz-Projekte da draußen. Die müssen Millionen-Budgets verwalten, Menschen leiten, Strategieplanung können.

Wie verflochten ist die ZGF mit dem Zoo?

Der Zoo entstand schon 1858, doch Grzimek hat viel verändert, er flog nach Afrika, sah die Bedrohung, engagierte sich, filmte und wurde berühmt. Er hat der ZGF den zweiten Zweck gegeben: den internationalen Naturschutz. Das ist das Besondere. Das haben wir in der Kombination und Historie weltweit nur noch in London und New York.

Das "Conservation Center" steht auch für die Fortentwicklung des Zoos und des Programms "Zookunft 30+"?

Ja, die Stadt gibt mit ihrer Unterstützung für das Center auch Rückendeckung für die neue Ausrichtung des Zoos. Dazu gehören moderne Anlagen und die Verbindung zum internationalen Naturschutz, auch finanziell, etwa durch einen Naturschutz-Euro beim Eintritt. Denn würde man einen Leuchtturm in einen zerfallenden Zoo stellen, wäre das nicht gut. Das muss alles zusammengehen.

Der Zoo hat eine grundlegende Sanierung nötig.

Ja, und man kann das eine nicht ohne das andere machen. Und wir glauben, dass man die Menschen emotional für den Tier- und Naturschutz nur über lebende Tiere erreichen kann, wenn sie echte Botschafter werden für die Tiere draußen.

Werden mehr Biologen gebraucht, je schlechter es der Natur geht?

Die Stellenlage für Biologen, Ökologen, Umweltforscher oder Klimatologen hat sich enorm verbessert. Senckenberg, aber auch andere Institutionen und Behörden brauchen überall Spezialisten. Es gibt den Spruch "Was man nicht im Boden hat, muss man im Kopf haben", und der gilt für Deutschland. D.h. ohne große Bodenschätze besteht das Kapital eines Landes aus dem Menschen, aus Wissen und Entwicklung. Diese Werte muss man mehren.

Auch das würde durch das neue "Conservation Center" deutlicher gemacht?

Ja, wir würden vor allem besser zeigen, was wir so auf der Welt treiben. Wie genau ein Nationalpark entsteht, was es alles dafür an Planung, Personal, Ausrüstung, Technik und Know-how braucht. Einen Zaun zu ziehen, genügt nicht. Tierbestände sind zu erfassen, mit Sendern auszustatten, in manchen Parks gibt es Tourismus, das muss organisiert werden. Ein Nationalpark ist ein komplexes Unternehmen. Dafür müssen wir Aufbauhilfe leisten.

Apropos: Die Spitzmaulnashörner in der Serengeti haben sich mangels Touristen neues Terrain erobert?

Ja, das ist echt eine verrückte Geschichte. Die sind ja vor allem im Ngorongoro-Krater (er holt eine große Landkarte hervor) und weiter westlich an den Moru Kopjes. Plötzlich sind die Nashörner weitergezogen, also ausgewandert. Dorthin, wo 50 Jahre keine mehr gewesen waren. Mitten in die Serengeti rein. Dazu muss man wissen, dass im Nationalpark ja bis zu 8000 Touristen pro Tag gab vor Corona. Offensichtlich hat der Rummel die Tiere von großen Teilen der Serengeti ferngehalten. Dass sie aber so schnell darauf reagieren, hätten wir nie gedacht. Das war schon im April gemeldet worden. Irre. Und auf den kleinen Flugplätzen ist ja auch weniger los, da liegen auf den Pisten jetzt die Hyänen und die Löwen.

Es wird sich die Frage der weiteren Finanzierbarkeit der Schutzprojekte stellen?

Wir brauchen viel längerfristigere Finanzierungsmodelle. Eine Projektfinanzierung von zwei, drei Jahren für etwas, was man dauerhaft über Jahrhunderte erhalten will, macht keinen Sinn. Wir brauchen einen stiftungsorientierten Ansatz. Auch dafür liefert Frankfurt Impulse.

Was planen Sie dazu?

Wir haben mit dem Bundesentwicklungsministerium und der KfW ein Programm aufgelegt, "Legacy Landscapes", etwa "Erbe und große Schutzgebiete der Erde". Es ist nach rund dreijähriger Arbeit so gut wie fertig. Wenige Tage vor Weihnachten wurde dazu eine neue, internationale Stiftung gegründet. In Frankfurt.

Zur Person

Ein Lächeln hat Dr. Christof Schenck immer übrig, wenn es um den Schutz der Tiere und des Planeten geht, denn als Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) hat er längst seinen Traumjob gefunden. Der studierte Biologe promovierte 1996 zur Lebensraumanalyse für Riesenotter in Peru. Dazu entwickelte er ein Schutzkonzept auf Basis von Daten, die er als Leiter des Projekts "Riesenotter" in Zusammenarbeit mit der ZGF durch extensive Freilandarbeit erheben konnte. Nach seiner Promotion war er wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Zentrale der ZGF in Frankfurt. Im Jahr 2000 übernahm er dort die Geschäftsführung, 2004 zusätzlich die Leitung der Stiftung Hilfe für die bedrohte Tierwelt. Schenck ist in vielen Stiftungen und Gremien vertreten, etwa der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, der Eleonore-Beck-Stiftung, der rumänischen Stiftung Fundatia Conservation Carpathia; er ist Mitglied in der Polytechnischen Gesellschaft Frankfurt und vertritt die Stiftung Hilfe für die bedrohte Tierwelt in der Initiative Frankfurter Stiftungen. Er ist Vorstandsvorsitzender der Frankfurt Zoological Society in den USA, stellvertretender Vorsitzender von BioFrankfurt und wurde in die Jury für den KfW-Bernhard-Grzimek-Preis sowie in das Kuratorium der Allianz Umweltstiftung berufen. Er ist Mitglied der Otter-Specialist-Group der IUCN und Co-Autor zweier Bücher und eines Films. Regelmäßige Projektbesuche auf vier Kontinenten gehören zu seinem Aufgabenbereich. 2017 wurde Dr. Schenck mit dem NatureLife-Umweltpreis ausgezeichnet. uve / Foto: Rainer Rüffer

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare