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Der Saal an der Universität reichte fast nicht aus ? rund 300 Interessierte fanden dennoch einen Platz.

Religion und Gewalt

Der Islam und die Sexualität

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Die sexuellen Übergriffe von Männergruppen auf Frauen in Köln und anderen Städten haben eine emotionale Debatte über die Integrations- und Flüchtlingspolitik entfacht. Die Konsequenzen aus den Vorfällen an Silvester standen jetzt im Zentrum einer Podiumsdiskussion in Frankfurt.

Dass Männergruppen auf einem öffentlichen Platz Frauen umringen und sexuell belästigen, haben Vertreter aus der Politik und den Sicherheitsbehörden nach den massenhaften Übergriffen in der Silvesternacht als „bundesweit neues Phänomen“ bezeichnet. Die Frage, ob dieses Phänomen mit dem Flüchtlingsstrom aus Afrika und der arabischen Welt nach Deutschland importiert wurde, war nur eine, um die sich am Dienstagabend eine Podiumsdiskussion an der Frankfurter Universität drehte.

Sonia Zayed, die an der Hochschule als Ethnologin tunesischer Abstammung promoviert, beantwortete die Frage mit Ja. Das Phänomen existiere nicht nur in Afrika und der arabischen Welt, sondern auch in Indien. In vielen islamisch geprägten Ländern, darunter auch Tunesien, könne man sich als Frau nicht frei bewegen, ohne sexuell belästigt zu werden. „Es gibt leider Männer, die das hierher bringen“, sagte Zayed, die als Muslimin ein Kopftuch trägt, und betonte: „Dagegen müssen wir uns wehren.“

Das Interesse an der Podiumsdiskussion war riesig, die Stühle im Casino der Uni waren schnell besetzt. Viele der Zuhörer – es dürften zwischen 200 und 300 gewesen sein – mussten stehen oder auf dem Fußboden sitzen. Dabei hatten Professor Susanne Schröter und ihre Kollegen vom Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) die Veranstaltung nach eigenen Angaben erst vor einer Woche geplant. Die Leitfrage auf den Plakaten lautete: „Wende in der Integrations- und Flüchtlingspolitik?“

Stärker, als um politische Umschwünge, ging es in der Diskussion aber um die Frage, ob die Ereignisse auf der Kölner Domplatte mit dem Verweis auf die Herkunftsländer der Straftäter und die dort vorherrschende, patriarchalische Kultur hinreichend erklärt sind. Khola Maryam Hübsch von der islamischen Reformgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat zeigte sich überzeugt, dass die Herkunft der jungen Migranten bei den Ereignissen in Köln „nur eine untergeordnete Rolle“ spielte. Der Perspektivlosigkeit derer, die straffällig wurden, misst Hübsch größere Bedeutung bei, denn sexuelle Gewalt habe viel mit dem Wunsch nach Macht und Bestätigung zu tun.

Sozialarbeiter Wolfgang Malik, der sich unter anderem als Präsident des Boxclubs Nordend-Offenbach um die Integration junger Einwanderer bemüht, glaubt zumindest nicht, dass die sexuellen Übergriffe etwas mit Religion zu tun hatten: „Wenn ich weiß, dass die Täter in Köln völlig besoffen und verstrahlt waren, dann weiß ich auch, dass die nicht islamisch leben.“ Viele Jungen im Boxclub stellten sich nach den Vorfällen die Frage, ob sie nun unter Generalverdacht gestellt würden. Dass sie wegen fehlender Bildung wohl nie dem Vorbild ihrer Väter und Großväter folgen und mit eigener Arbeit eine Familie ernähren können, sei ein Problem. „Man muss über das Thema Jugendarbeit noch mal stärker diskutieren“, betonte Malik.

Sonia Zayed wollte sich der Auffassung, dass der Islam mit den Vorfällen nichts zu tun hatte, nicht anschließen: Der Islam begünstige Vorfälle wie in Köln, weil er die Vorstellung einer „Hierarchie der Geschlechter“ beinhalte. In islamisch geprägten Gesellschaften herrsche ein „Jungfrauenwahn“ vor. Männer bedienten sich vor der Ehe an Frauen, dürften dann aber nur eine Jungfrau heiraten. Khola Maryam Hübsch betonte, dass der Islam eigentlich zum „Kampf gegen das Ego, gegen Leidenschaften und Triebe“ verpflichte. „Aber wenn das innerislamisch nicht diskutiert wird, haben wir ein Problem.“

Einig waren sich die Diskutanten, dass eine Verschärfung des Sexualstrafrechts kommen muss. Hübsch verwies darauf, dass das Problem des Sexismus in allen gesellschaftlichen Schichten zu finden sei. Im Hinblick auf junge Migranten warb sie dafür, Perspektiven zu schaffen. „Wir können uns nicht der Illusion hingeben, dass so etwas nicht wieder passiert“, betonte sie. Diesem Plädoyer schloss sich Sozialarbeiter Malik an: „Es ist ein Fehler zu sagen, ich gehe jetzt nicht mehr weg – damit gibt man denen die Macht, die sie haben wollen.“

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