Luftangriffe auf Frankfurt

Vor 75 Jahren: Als der Bombenkrieg begann

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
    schließen

In der Nacht zum 4. Juni 1940 – also vor nun 75 Jahren – wurde Frankfurt zum ersten Mal aus der Luft angegriffen. Die ersten Bomben fielen auf Nied und den Rebstock.

Von Waddington und Scampton, beides Flugbasen der Royal Air Force (RAF) in Lincolnshire, waren die 24 Bomber der 44., 50. und 83. Squadron zwischen 21.10 Uhr und 23.32 Uhr aufgestiegen, die in der Nacht zum 4. Juni 1940 ihre tödliche Fracht nach Frankfurt trugen. Der Code der RAF für die Operation war A.161 – Ziel war der Frankfurter Osthafen mit seinen Öltanks. Jede der leichten, zweimotorigen Handley-Page-Hampden-Maschinen trug eine Last von vier Sprengbomben im Gewicht von je 500 Pfund und vier kleinere, halb so schwer. Außerdem waren knapp die Hälfte der Flugzeuge mit Schüttbehältern ausgestattet, in denenen kleine Stabbrandbomben steckten. Nach den Unterlagen der RAF sollen zwölf Flugzeuge Frankfurt erreicht und 24 500-Pfund-Bomben, 24 250-Pfund-Bomben sowie 360 Stabbrandbomben abgeworfen haben. In Wirklichkeit warfen jedoch nur zwei Bomber ihre tödliche Last über dem Stadtgebiet ab: Die Einschläge trafen Nied und den Rebstock.

Am 4. Juni gegen 1.15 Uhr gingen 16 oder 18 Bomben über Nied nieder, einige als Blindgänger am Nieder Bahnhof, auf der Oeser-, Sauer- und der Schmidtbornstraße, andere richteten großen Schaden an. In der Schmidtbornstraße hatte eine Stabbrandbombe im Haus Nummer 31 zwei Decken durchschlagen und war als Blindgänger im ersten Stock am Fußende eines Bettes liegengeblieben. Weitere Brandbomben fielen auf die Häuser 34 und 36 sowie auf das Haus Sauerstraße 30. Diese Zeitung meldete: „In den westlichen Stadtteilen wurden mehrere Brandbomben geworfen. Drei Personen wurden getötet, einige Personen verletzt. Der Sachschaden ist gering.“ Ein Brand im Hause Schmidtbornstraße 34 wurde vom Sicherheitsdienst (SHD) und der Freiwilligen Feuerwehr Nied gelöscht. Dort war ein Mann in der Nachbarschaft am Bein verletzt worden.

Blindgänger im Pflaster

Weil viele der 250-Pfund-Bomben als Blindgänger im Pflaster steckten, mussten in Nied am 6. Juni rund 500 Anwohner zwischen 9.30 Uhr und 18.30 Uhr ihre Häuser und Wohnungen räumen. Sie wurden in der Niddaschule untergebracht. Rund 450 Menschen mussten ihre Wohnungen gleich für drei Tage verlassen; sie quartierte man bei Verwandten und Freunden ein. Im Rebstock mussten Häuser in der Nähe des Bahndamms der Taunus-Eisenbahn geräumt werden, weil dort ein vermeintlicher Blindgänger steckte, der den Zeitzeugen-Berichten nach jedoch einen Langzeit-Zünder hatte: Mehr als 2500 Personen kamen zunächst in der Turnhalle der damaligen Rebstöcker Schule unter und bekamen dann Straßenbahnfahrscheine, um Verwandte und Bekannte zu erreichen; rund 300 Männer, Frauen und Kinder wurden in Sammelunterkünfte in den Saal des Turnvereins „Vorwärts“ in der Schloßstraße und im Saal der Rhein-Main-Bühne am Mozartplatz untergebracht. Die Hellerhof-Siedlung zwischen Schloßborner und Rebstöcker Straße hatte die schwersten Treffer abbekommen. Hier hatte es die Toten gegeben.

Einen Bericht über die Treffer in Nied gibt es vom damaligen Pfarrer von St. Markus, Engelbert Löhr. Er vermerkt handschriftlich in der Chronik der Pfarrei: „Von Brandbomben getroffen wurde das Haus Sauerstraße 30 (Schreiber), Sauerstraße 35 (Ottmann), Schmidtbornstraße 31 (Witwe Kaufmann), Schmidtbornstraße 34 (Becker) und Schmidtbornstraße 36. In den beiden letzten Häusern entstanden Dachstuhlbrände. Die übrigen kamen mit leichteren Beschädigungen davon. Verletzt wurde Gott sei Dank niemand. Es ging fast wunderbar zu.“ Die schweren Bomben, so Pfarrer Löhr, seien außerhalb des Orts in den Wiesen niedergegangen. Trotzdem zog das Ereignis am 4. und 5. Juni Hunderte von Schaulustigen nach Nied, erinnert sich Adalbert Vollert. Der Ehrenvorsitzende des Nieder Heimat- und Geschichtsvereins hat die Ereignisse in Nied nicht nur recherchiert, sondern als 15-Jähriger selbst miterlebt.

Antwort auf die Nazi-Aggression

Der Bombenkrieg hatte Frankfurt erreicht, die Nazi-Aggression wurde beantwortet. Auch wenn es beim ersten Mal noch glimpflich ausgegangen war, musste nun fast jede Nacht mit Angriffen gerechnet werden. In derselben Woche noch, in der Nacht vom 7. auf den 8. Juni 1940, gab es einen Fliegerangriff auf Höchst, bei dem man Tote und Verwundete aus den zerstörten Häusern ziehen musste.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare