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Vinzenz Fettmilch kann mit Fug und Recht als Frankfurts erster Wutbürger bezeichnet werden

Frankfurt historisch

Vinzenz Fettmilch: Das grausame Ende des ersten Wutbürgers

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Die US-Serie "Game of Thrones" ist derzeit allseits beliebt, obwohl oder weil sie so brutal und gewalttätig daherkommt. Dabei ist die Realität sehr viel schrecklicher. Der Kuchenbäcker Vinzenz Fettmilch, den man als "Wutbürger" bezeichnen kann, legte sich vor 400 Jahren mit den Mächtigen der Stadt Frankfurt an und musste grausam dafür zahlen.

Es ist ein düsterer Montag im Februar 1616. Dunkle Wolken hängen über dem Frankfurter Rossmarkt, es regnet in Strömen. Heute werden Vinzenz Fettmilch und sieben seiner Anhänger hingerichtet. Er war der Held der Frankfurter, jetzt stirbt er als Geächteter. Das hölzerne Schafott, auf dem später das Urteil vollstreckt wird, steht noch verlassen im Regen. Das Haus hinter der kleinen Bühne ist mit schwarzen Tüchern verhängt. Gegen 5 Uhr durchbricht trüber Fackelschein das dämmrige Grau. Die Frankfurter Ratsherren und die Meister der Zünfte betreten den Platz. Sie werden die Hinrichtung persönlich verfolgen. Wenig später kommen die einfachen Bürger.

Sie stehen in Gruppen zusammen, tuscheln, warten. Gegen 7 Uhr donnern die Trommeln und Pfeifen der hessischen und Mainzer Truppen. Sie kommen von Westen über die Galluswarte. Die Soldaten bilden enge Reihen um das Schafott.

Köpfe rollen übers Holz

Auf holprigen Pferdekarren warten die Verurteilten. Blasse, dürre Gestalten, die lange Monate in den Aschaffenburger Kerkern hinter sich haben. Das Urteil wird vorm schwarz verhängten Haus verlesen. Dann gehen die Scharfrichter ans Werk. Den Revoltenführern Vinzenz Fettmilch, Konrad Gerngroß und Konrad Schopp werden mit einem Schwert die zwei Schwurfinger von der rechten Hand abgeschlagen, dann ihre Köpfe. Einer nach dem anderen rollt über den Boden des Schafotts, der rote Blutspuren behält. Wenige Augenblicke nachdem Fettmilchs Kopf zur Erde gekullert ist, bricht einer der führenden Patrizier, der Schöffe Adolf von Holzhausen, von einem Schlag getroffen, tot zu Boden. Viele sehen darin ein Zeichen.

Auf Fettmilch wartet noch eine besondere Strafe. Sein toter Körper wird in vier Hälften geteilt und anschließend in alle Himmelsrichtungen der Stadt aufgehängt: im Osten an den Riedhöfen, im Süden am Bettelbrunnen, im Westen am Rabenstein gleich neben der Mainzer Landstraße und im Norden in der Nähe der Friedberger Warte. Während ein Scharfrichter die Leiche zerteilt, zieht eine Trupp Söldner zu Fettmilchs Haus in der Töngesgasse und zerstört es bis auf die Grundmauern. Kein Neues soll dort je erbaut werden. An seiner Stelle wird später eine Schandsäule errichtet. "Für alle Zeit", so lautet das Urteil, sollen sich die Frankfurter daran erinnern, was der Kuchenbäcker Vinzenz Fettmilch getan hat.

Vinzenz Fettmilch. Ein untersetzter, großer Mann mit rötlichem Haar. Zum Zeitpunkt seines Todes muss er Ende vierzig gewesen sein. Herrisch, massig, launisch, schlau, eitel, besessen und unerbittlich. Geboren wurde er um 1570 in Büdesheim. Erst als er eine Frankfurterin heiratet, wird er Bürger der Stadt. So imposant seine Erscheinung, so mickrig ist seine Position. Als "Eingeplackter" arbeitet der ehemalige Soldat als Schreiber in der Reichskanzlei. Er verdient wenig und hat einen Vorgesetzten, den er und die breite Masse inbrünstig hassen: Laurentius Pyrander, Leiter der städtischen Kanzlei. Der Patrizier ist berühmt für seine Bestechlichkeit. Hochnäsig soll er gewesen sein, ein Sinnbild für das, was schon seit Jahren in Frankfurt schief läuft. Nur die reichen Bürger, die Patrizier, leiten die Geschicke der Stadt. Fettmilch gehört zwar zum bürgerlichen Milieu, aber die Stadtpolitik gefällt ihm nicht. Es ist weniger Gerechtigkeit, was ihn umtreibt, als der pure Neid.

Frankfurt ist seit dem Hochmittelalter eine freie Reichsstadt, ihre Bürger sind nur dem Kaiser untertan. Eine Bürgerrepublik in einem Meer von kleinen und größeren Monarchien. Den Stadtbürgern ist es erlaubt, zwei Mal im Jahr Messen zu veranstalten. Die Bürger haben eigenen Besitz, sie müssen ihre Kinder nicht an die Dienstleute des Kaisers verheiraten. Sie sind freie Menschen in einer Welt voller Abhängigkeiten; einfache Bauern sind immer noch Leibeigene irgendwelcher Fürsten. Frankfurt ist damals das Handelszentrum Mitteleuropas. Kaum einer der Bürger kann lesen oder schreiben. Deshalb gehört es zu den Privilegien der Bürger, zu besonderen Anlässen, wie einer Kaiserwahl, ihre Privilegien vorgelesen zu bekommen damit jeder seine Rechte kennt. In der Praxis wird den Bürgern bereits seit rund hundert Jahren nichts mehr vorgelesen. Der Stadtrat verwahrt die Kisten mit den Listen sorgsam im Ratskeller. Aus gutem Grund. Die Ratsherren haben es sich seit Jahrhunderten in ihrer Stellung gemütlich gemacht. Die Patrizier verteilen die Sitze nach Gusto. Auch, weil sie mächtig Dreck am Stecken haben.

Verschuldete Messestadt

Denn die Ratsherren verspekulieren im großen Stil städtische Gelder. Die Messestadt ist hoch verschuldet. Sie wissen, dass es ihre gepflegten Seilschaften in große Gefahr bringt, wenn herauskommt, welche Fehlinvestitionen sie getätigt haben. Aber sie haben nicht mit Vinzenz Fettmilchs Hass gerechnet. Als Schreiber fallen ihm Rechnungen und Vermerke in die Hände. Er versteht ganz gut Latein. Der launische Mann, der ohnehin seinen Job hasst, ärgert sich über die Summen, die aus der städtischen Schatzkammer rausfließen und im Nirgendwo versickern.

Es ist bekannt: Patrizier und Fürsten gehen in der Judengasse ein und aus, nehmen dort regelmäßig Kredite auf. Fettmilchs Sozialneid treibt antisemitische Blüten. Er wittert einen Komplott zwischen den Geldleihern und den reichen Herren. Für ihn steht fest: Er wird das nicht mit sich machen lassen, er wird dem tristen Dasein im unteren Teil der Frankfurter Gesellschaft entfliehen und es "denen da oben" zeigen. Frankfurts erster Wutbürger war geboren.

Aber er scheitert zunächst. Vergebens bewirbt er sich auf die Stelle als Hospitalschreiber, schult um und wird Zuckerbäcker. Das ist zwar keine Handwerkerzunft die Einfluss hat, aber immerhin.

Fettmilch will mehr

Die Geschäfte laufen gut. 1607 kauft er das Gebäude "Zum Hasen" in der Töngesgasse. Dort lebt er bis zu seinem Tod gemeinsam mit Frau und Kindern. Zufrieden ist er trotzdem nicht. Er will mehr. Mehr Ansehen, mehr Geld. Jahrelang wartet er auf die Chance, die alten Machtstrukturen zu zerschlagen. Als 1612 Kaiser Rudolf II. stirbt und in Frankfurt ein neuer Kaiser gekrönt werden soll, kommt die Gelegenheit. Während des großen Krönungsfestes kommt durch einen Zufall heraus, dass die Bürgerschaft Privilegien besitzt. Die Frankfurter haken nach. Der Rat hält sich bedeckt, vertröstet. Daraufhin richten die Bürger ihre Bitte an den neuen Kaiser Matthias, doch der will sich nicht einmischen, verlässt unbemerkt die Stadt. Und der Rat? Der versucht, die Situation auszusitzen. Ein fataler Fehler und Fettmilchs große Stunde.

Denn nun streut er sein Wissen gezielt bei den einflussreicheren Handwerkern. Angestachelt rotten sie sich zusammen, bilden einen Ausschuss, der den Rat unter Druck setzt und schließlich einen Teilsieg erringt. Am 21. Dezember 1612 kommt es zu einem Bürgervertrag. 18 neue Vertreter aus den Zünften werden Ratsherren. Ein Neunerausschuss überwacht von nun an deren Finanzpolitik. Doch es ist ein Scheinfrieden. Ein Brief flattert wenige Wochen später aus der Tasche eines alteingesessenen Ratsherren. Er ist an den Kaiser gerichtet und fordert die alte Ordnung zurück. Das Stück Papier wird öffentlich und es kommt zur offenen Revolte. Fettmilch geht nun massiv gegen die Patrizier, die alten Ratsmitglieder vor. Seine Ansichten werden immer extremistischer, aber seine Parolen kommen an. Seine Anhängerschaft ist auf 700 Frankfurter Bürger gewachsen. Er zwingt alle Patrizier, den Rat zu verlassen, in dem er sie tagelang einsperrt.

Auf dem Römer bildet der neue Herr Frankfurts einen neuen Rat. Fettmilch Führung entwickelt sich mehr und mehr zur Schreckensherrschaft für alle, die keine Umwälzung möchten. Doch er weiß seine neue Position zu verteidigen. Wo Fettmilch erscheint, flanieren mindestens drei seiner Anhänger mit ihm. Er poltert und redet laut. Und er ist sich sicher: Der Kaiser ist der Revolution wohlgesinnt. Schließlich hat er, Vinzenz Fettmilch, den Bürgern ihre rechtmäßige Herrschaft über die Stadt zurückgegeben. Er liegt so falsch.

Sturm auf die Judengasse

Am 22. August 1614 stürmen Fettmilch und seine Anhänger die Judengasse. Sie plündern und rauben. Drei Menschen sterben, viele Juden fliehen. Erst zwei Jahre nach dem Ende von Fettmilchs Schreckensherrschaft werden sie wieder nach Frankfurt zurückkehren. Extremismus und Antisemitismus haben nun die Oberhand in der Stadt zumindest für ein paar Wochen. Im September erscheint ein kaiserlicher Herold in Frankfurt und liest auf dem Römer eine folgenschwere Erklärung des Kaisers: Der Kuchenbäcker Fettmilch sowie der Schreiber Konrad Gerngroß und der Schneider Konrad Schopp werden als schutz- und rechtlos erklärt. Wer ihnen hilft, verliert ebenfalls alle Rechte. Und so wenden sich alle von ihm ab, die eben noch revoltiert hatten. Am 2. Dezember nehmen Soldaten Fettmilch fest und werfen ihn in den Aschaffenburger Kerker. Dort wartet er 14 Monate auf sein Urteil, dass an jenem düsteren Morgen im Februar 1616 verkündet und vollstreckt wird.

Die Hinrichtung des Aufrührers

An Fettmilchs letztem Tag steckt sein Kopf und die von drei weiteren Revolutionsführern aufgespießt am alten Brückenturm. Sie schauen Richtung Sachsenhausen. Die ersten Krähen picken an den Augen. Als 1707 einer der Schädel auf die Brücke hinabfällt, muss ihn der Scharfrichter wieder am alten Platz befestigen. Denn dem Urteil nach sollen sie dort für "ewige Zeiten" bleiben. Als Johann Wolfgang von Goethe Mitte des 18. Jahrhunderts als Kind über die Brücke läuft, steckt nur noch ein Kopf am Brückenturm. "So oft man von Sachsenhausen nach Frankfurt zurückkehrte, hatte man den Thurm vor sich und der Schädel fiel ins Auge", erinnert er sich in "Dichtung und Wahrheit". Obs Fettmilchs Schädel war, weiß heute niemand mehr.

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