+
Jazz-Gitarrist Michael Sagmeister in seinem Raum an der Musikhochschule Frankfurt.

Roter Faden, Folge 267

Jazz-Gitarrist Michael Sagmeister ist der Musik-Missionar

Michael Sagmeister wurde einst als Wunderkind gefeiert. Dabei hat er sich alles hart erarbeitet. Dem Jazz-Gitarristen aus Goldstein widmen wir die Folge 267 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Anekdoten erzählt Michael Sagmeister gern. Etwa von seiner Begegnung mit einem berühmten US-amerikanischen Jazzmusiker – „den Namen sag’ ich nicht“. Der Jazzer hatte ihn einst für mehrere Auftritte im berühmten New Yorker Club „Blue Note“ engagiert. Sagmeister flog also hin, fuhr mit dem Taxi direkt vom Flughafen zum Club, klopfte, der Musiker kam zur Tür – und erkannte den deutschen Gitarristen nicht. Wer er denn sei, nuschelte der Bandleader, der offensichtlich nicht mehr nüchtern war. Und: Er kenne keinen Deutschen. Rums, flog die Tür wieder zu, vor dem verdutzten Michael Sagmeister.

Der ließ sich nicht verdrießen. Klopfte wieder. Und wieder. Irgendwann kam zufällig der Schlagzeuger der Band hinzu, ließ ihn ein und versuchte zu vermitteln: Hey, das sei doch jener Deutsche, den man für die nächsten Auftritte gebucht habe. Was den mit einer Flasche Whisky herumlümmelnden Bandleader allerdings nicht überzeugte. Nach einigem Hin und Her wandte er sich doch an den Deutschen. So, Gitarrist sei er also. Ob er denn spielen könne. Eine Frage, bei der mancher Musiker vielleicht auf dem Absatz kehrt gemacht hätte, beleidigt wegen solcher Zweifel. Nicht so Michael Sagmeister. Er griff zum Instrument, begann zu spielen – und der Bandleader horchte auf. Nach ein paar Takten unterbrach er den Gitarristen ungläubig: „You’re not a German, you’re from here“ – „Du bist kein Deutscher, Du bist von hier“. Sagmeister hatte gewonnen. Und heimste nach den Auftritten in New York ein noch größeres Lob vom begeisterten Bandleader ein: dass er der beste Gitarrist seit Jazz-Legende Wes Montgomery sei.

Michael Sagmeister schmunzelt, als er diese Episode erzählt. Vielleicht auch deshalb, weil sie so gut illustriert, was ihm gelungen ist: der Aufstieg aus einer Frankfurter Arbeiterfamilie zu einem der Besten seiner Zunft. Weltweit. Gegen etliche Widerstände. Auch deshalb hat er seine jüngste CD, die vor wenigen Wochen erschienen ist, „Power of Resistance“ genannt, „Kraft des Widerstands“.

Denn Hindernisse gab es reichlich auf seinem Weg. Nicht zuletzt wegen seiner Herkunft: ein uneheliches Kind, 1959 geboren, das bei seinen Großeltern in Goldstein aufwuchs, „der Frankfurter Bronx“. Wo man schon mal unvermutet von älteren Jungs in den Schwitzkasten genommen wurde, wenn man an der falschen Ecke abbog. So etwas prägt. Genauso wie die Großmutter. „Eine der typischen Trümmerfrauen: harte Schale, weicher Kern. Eine unglaublich tolle Frau, die mir viel mitgegeben hat.“ Zum Beispiel den Satz: „Bub, wenn Du was machst, mach’s g’scheit.“ Und: „Von nix kimmt nix.“ Für Michael Sagmeisters Ideen haben die Großeltern dagegen wenig Verständnis. Dass er als Kind erst Biologe werden will – „ich wollte immer raus in die Natur“ –, später dann Fußballspieler, sehen sie mit Skepsis. Er solle doch einen anständigen Beruf lernen, zum Beispiel Kaufmann.

Aber der Junge hat früh seinen eigenen Kopf. Mit Begeisterung spielt er Fußball. Der kleine, flinke Stürmer in der B-Jugend fällt Talentsuchern auf. Etwa demjenigen der Offenbacher Kickers. Einladungen zum Probetraining lehnt er jedoch ab. Denn inzwischen ist schon ein neuer Berufswunsch in ihm aufgekeimt: Musiker. Das liegt vor allem an jenem neuen Musiklehrer, der seinen Schülern Jimi Hendrix’ „Voodoo Child“ vorspielt, statt sie Volkslieder singen zu lassen. Michael Sagmeister ist damals zwar ein wissbegieriger, aber auch unruhiger Schüler – „wenn ich nicht gefordert worden bin, hatte ich schnell keinen Bock mehr“. Doch Hendrix packt ihn. Irgendwann fragt der Lehrer, wer die Gitarre holen würde, die in seinem Auto liege. Schnell schießt Sagmeisters Finger in die Höhe. Er bekommt den Autoschlüssel, rennt los, findet das Instrument. Nichts Besonderes, „eine Null-Acht-Fünfzehn-Gitarre“. Aber der Zehnjährige ist gebannt: „Ich hatte das Ding in der Hand und wusste sofort, ich werde Gitarrist. Schon auf dem Weg ins Klassenzimmer hab’ ich darauf rumgeballert.“

Doch wie soll er das seinen Großeltern beibringen? Schließlich ist das Geld damals in der Goldsteiner Arbeiterfamilie knapp. Und für scheinbar unnütze Dinge wie Musikinstrumente gibt man es schon mal gar nicht aus, geschweige denn für Unterrichtsstunden. Da kommt ihm der Zufall zu Hilfe. Ein Freund hat gerade eine Gitarre bekommen, aber wenig Lust zum Spielen. Michael Sagmeister wiederum ist stolzer Besitzer eines Bonanza-Fahrrads mit Bananensattel, das sich seine Großeltern vom Mund abgespart haben. Der Traum vieler Jungs damals. Die beiden machen einen Deal: „Wir haben uns immer mittags getroffen. Er ist mit meinem Fahrrad gefahren, und ich hab’ im Eck’ gesessen und geübt.“ Stundenlang geht das so. Wochenlang. Monatelang. Und zwar ohne Lehrer, ohne Hilfsmittel. Später findet Michael Sagmeister andere, die ihm ihr Instrument leihen. Bis er nach gut drei Jahren vom Großvater endlich die erste Gitarre bekommt, für 200 Mark.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt gibt es kein Halten mehr. Immer exzessiver übt der Junge, bis zu zwölf Stunden am Tag. Hin und wieder schleicht er sich in Konzerte, starrt Gitarristen auf die Finger, um sich ihre Tricks abzugucken. Und hört Unmengen von Musik. Während sich seine Freunde für Mainstream wie Suzi Quatro, „Sweet“ und „Slade“ begeistern, hört er Jimi Hendrix, später dann Experimentelleres wie John Coltrane, Charlie Parker sowie John McLaughlin und seine Fusion-Band „Mahavishnu Orchestra“ – „die fand ich so cool“.

Irgendwann entdeckt er das „Guitar Center“ des Frankfurter Gitarristen Peter Coura gegenüber dem Frankfurter Messeturm. Ein Geschäft, das für ihn jahrelang so etwas wie eine zweite Heimat ist. Häufig macht er sich dort nützlich: putzt die Instrumente, zieht neue Saiten auf. Dafür darf er dort öfters üben, „ich hab’ dort die tollsten Gitarren gespielt“. Das lockt Neugierige in den Laden, die dort stundenlang herumhängen und zuhören. Inhaber Peter Coura treibt das gelegentlich zur Verzweiflung: „Hört mal, Leute, mir reicht das jetzt. Ich hab’ hier einen Laden.“ Schließlich drückt er Michael Sagmeister Farbeimer und Pinsel in die Hand und zeigt ihm ein kleines Zimmer hinter den Verkaufsräumen. Das solle er sich doch herrichten, zum Üben. Der lässt sich nicht zweimal bitten. Coura wiederum erzählt seinem Freund, dem bekannten, viel zu früh verstorbenen Frankfurter Gitarristen Volker Kriegel, von dem eigenartigen Jungen: „Sowas hast Du noch nicht gesehen. Gib dem doch mal Unterricht.“ Kriegel, neugierig geworden, kommt tatsächlich. Michael Sagmeisters erste und einzige Gitarrenstunde dauert gerade mal zwei Minuten, wie er mit verschmitztem Grinsen erzählt. So lange hört Kriegel ihm zu, dann wendet er sich verärgert an Coura. Ob dieser ihn veräppeln wolle? „Was soll ich dem denn noch beibringen? Der kann doch schon alles.“

Wieder so eine Anekdote, mit der Michael Sagmeister Zuhörer zum Lachen und zum Staunen bringt. Kriegel war es übrigens auch, der seine erste Platte produzierte, „Sagmeister Trio“, die 1979 erschien, mit erstaunlichem Erfolg. Ein Jahr davor hatte seine Karriere als Profi-Musiker begonnen, beim Newcomer-Festival des Hessischen Rundfunks. Schon damals überschlugen sich die Kritiker, als sie über seinen Auftritt schrieben. Vom „Wunderkind“ war die Rede und vom „Gitarren-Mozart“. „Blödsinn“, kommentiert Sagmeister nüchtern. „Ich hab’ einfach geübt wie ein Tier.“

In den ersten Jahren bekam er es bei seinen Auftritten oft nicht mit, wenn das Publikum vor Begeisterung tobte: „Ich bin auf die Bühne rauf, Kopf runter und war weg vom Fenster.“ Manchmal war er anschließend unzufrieden mit sich selbst, ärgerte sich, wenn ein Solo nicht so gelungen war, wie er es sich vorgestellt hatte. Manchen Zuhörer, der nach solchen Konzerten enthusiastisch auf ihn zukam und schwärmte, wie toll er doch gespielt hätte, bürstete er damals barsch ab: Ob er denn keine Ohren hätte, das sei doch Mist gewesen. Und statt zu feiern, zog er sich nach seinen Auftritten häufig ins Hotel zurück. Um weiter zu üben.

Ein Getriebener? Vielleicht. Eine Art von Lebensauffassung sei das, sagt er: „Ein innerer Ruf, dass man etwas immer besser, anders, intensiver machen muss. Ohne Scheuklappen. Ohne Angst vor anderen Kulturen.“ Vier bis sechs Stunden übt er heute noch pro Tag. Am liebsten im Garten seines Hauses in einem Dorf bei Marburg, wo er seit Jahren lebt – „ich bin kein Großstadt-Fan“. Sein Fleiß zahlt sich aus. Kritiker schwärmen von seinem filigranen, kreativen Spiel, von seiner unglaublichen Virtuosität. Mehr als 30 Schallplatten- und CD-Produktionen weist seine Biografie auf, dazu Auftritte mit Jazz-Größen wie Pat Martino, Larry Coryell, Attila Zoller, Albert Mangelsdorff, Jack DeJohnette, Miroslav Vitous, Wolfgang Dauner, Philip Catherine und vielen anderen. Auch mehrere erfolgreiche Lehrbücher hat er verfasst, zum Beispiel „Sagmeisters Jazzgitarre“, mittlerweile ein Standardwerk für Gitarristen. Dabei, sagt er, sei er „alles andere als ein elitärer Jazz-Fuzzi“. Auch Klassik von Bach, Mozart und Mussorgsky findet er „grandios“. Oder Songs von Joni Mitchell. Casting-Shows dagegen langweilen ihn. Und machen ihn wütend: „Das ist widerlich. Da sind Leute, die selbst noch 20 Jahre Unterricht nehmen müssten, in wegweisender Funktion. Eine Katastrophe.“

Auch die heute üblichen Vergütungsmodalitäten ärgern ihn. Dass Künstler in Zeiten von Streaming-Diensten wie iTunes und Spotify oft kaum etwas verdienen. Dass die Regeln für Sampling, also für die Verwendung fremder Musiksequenzen, immer mehr aufgeweicht werden. „Die sitzen da in ihrer Lego-Mentalität und klauen Dinge, für die wir Jahre unseres Lebens gebraucht haben“, erregt er sich. „Das kann’s nicht sein.“ Seine Forderung: „Wir müssen wieder die Musik in den Vordergrund stellen.“ Auch in der Ausbildung von Musiklehrern. „Sie müssen lernen, ein Instrument vernünftig zu spielen. Daran krankt das System, dass das nicht passiert.“

Wobei er es nicht bei kritischen Worten belässt. Seit vielen Jahren engagiert er sich in Sachen Ausbildung. Gibt Workshops, war als erster Deutscher Dozent am renommierten Berklee College of Music in Boston und ist seit 19 Jahren Professor für Jazz-Gitarre an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Eine Aufgabe, die ihm am Herzen liegt, obwohl er sich an der Hochschule nicht sonderlich geschätzt fühlt. Was auch damit zusammenhängt, dass die Hochschule vor knapp sechs Jahren den Studiengang für Jazz und Popularmusik einstellte. Eine Entscheidung, mit der Sagmeister hadert: „Es kann nicht sein, dass man in einer Kulturmetropole wie Frankfurt so etwas macht. Das ist für mich nicht zeitgemäß.“

In solchen Momenten ziehen sich seine buschigen Augenbrauen zusammen und seine Augen fixieren den Gesprächspartner mit durchdringendem Blick. Ein Musik-Missionar sei er, sagt er irgendwann. Einer, der immer etwas Neues ausprobieren müsse. Auch deshalb schrieb er im vergangenen Jahr das Kindermusical „Leandra und die Wesen des blauen Planeten“ – zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Sängerin Antonella D’Orio, dem Bassisten Werner Eismann und der Künstlerin Inge Nolte-Eismann. Sein 40. Bühnenjubiläum feierte er im vergangenen März auf ungewöhnliche Weise: mit vier Konzerten an vier aufeinanderfolgenden Tagen im Frankfurter Jazzkeller – „dem Club, in dem ich groß geworden bin“. Und zwar in unterschiedlicher Besetzung: mal solo, mal im Duo mit Antonella D’Orio, mal mit seinen langjährigen Trio-Partnern Michael Küttner (Schlagzeug) und Thomas Heidepriem (Bass). Mit Musikern zu spielen, mit denen er sich gut versteht, das sei ihm wichtig, sagt er. Er brauche diesen „kommunikativen Faktor“: das Aufeinander-Hören, Aufeinander-Eingehen.

Wobei er seinen Weg unbeirrt weiterverfolgt. Wie damals mit Anfang 20, als ihm mancher einzureden versuchte, dass er doch lieber seine Spielweise ändern, auf kommerziellere Musik setzen sollte, weil damit mehr Geld zu verdienen sei. Was vielleicht sogar gestimmt hätte. Doch das ist einem wie Michael Sagmeister, der seine mittlerweile ergraute Haarmähne immer noch im Vokuhila-Schnitt der 1980er-Jahre trägt, herzlich egal. Lieber denkt er an seine Begegnung mit dem ungarisch-österreichischen Jazz-Gitarristen Attila Zoller in den frühen 1980er-Jahren zurück, der ihn in seiner damals schon kompromisslosen Haltung bestärkte. Und zwar im schönsten Österreichisch: „Geh hörst, Bub, du bist leiwand. Du host es.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare