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anne Weber

Bergen-Enkheim: Stadtschreiberin

Jetzt kann sich jeder einen Vers auf sie machen

  • vonFriedrich Reinhardt
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Autorin Anne Weber hielt Antrittslesung

Verflixte Pandemie. Ausgerechnet bei dieser Stadtschreiberin mit diesem aktuellen Buch reduzierte Covid-19 die Sitzplätze der Antrittslesung auf 68 Stück. Im Volkshaus Enkheim war am Montagabend spürbar, dass die Bergen-Enkheimer in diesem Jahr besonders stolz auf "ihre Stadtschreiberin" sind. Ist Anne Weber doch im Oktober für ihr aktuelles Buch "Annette, ein Heldinnenepos" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden.

Allerdings könnten die Berührungsängste mit diesem Werk größer sein als bei anderen Büchern anderer Stadtschreiber. Nicht wegen der Handlung. Das Buch erzählt die Geschichte von Anne Beaumanoir, einer heute 96 Jahre alten Französin. Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte sie als junge Frau in der Resistance gegen die Nazis und im Algerienkrieg aufseiten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung. Es ist die Geschichte einer beeindruckenden Frau in einer bewegten Zeit. Nur: Das Epos heißt nicht nur so, es ist ein Epos. Wie die Odyssee von Homer ist es in Versen geschrieben. Wie anstrengend muss es sein, 200 Seiten Verse zu lesen? Davon konnten die wenigen Besucher einen Eindruck gewinnen.

Die Geschichte einer Heldin

Etwa als Weber die Passage vorliest, in der sich die Protagonistin entschließt, zwei jugendliche Juden vor den Nazis zu retten. Annette, so wird Anne Beaumanoir im Buch auch genannt, ist gerade 19 Jahre alt und hat sich einer kommunistischen Widerstandsgruppe der französischen Resistance angeschlossen. Alleingänge und spontane Widerstandsaktionen sind ihr verboten worden. Würde sie erwischt, verhaftet und gefoltert werden, dann wäre sie für die Organisation eine Gefahr. Doch in der Rue du Moulinet verstecken sich jüdische Familien und Annette hat erfahren, dass dort eine Razzia unmittelbar bevorstehen soll. Entgegen den Anweisungen entschließt sie sich zu helfen. Spontan. Im Dachgeschoss, wo die Familien sich versteckt halten, trifft sie auf eine Frau mit einem Baby und einen Vater mit zwei jugendlichen Kindern. Nach langem Hin und Her entschließt sich der Vater, seine Kinder mit der jungen Widerstandskämpferin mitgehen zu lassen.

"Zu stehen mit ihm/und zu weinen"

Weber schreibt über den Vater: Ist er zu alt, zu müde, um jetzt in/ Furcht und Schrecken hinter dem jungen Mädchen/ durch die besetzte Stadt zu tappen und sich irgendwo/ in einem zweifelhaften neuen Schlupfloch zu verstecken?/ Die Tür hat sich hinter den dreien längst geschlossen,/ da steht er noch und möchte weinen weinen weinen,/ und wir, wir stehen in der fernen Zeit und stehen/ und finden keinen Satz und keinen Vers und keine/ Zeile, die etwas anderes möchte als zu stehen mit ihm/ und zu weinen.

Als anstrengend habe sie die Verse nicht empfunden, sagt Charlotte Brombach, eine der Mitglieder der Stadtschreiberjury, als Moderatorin der Antrittslesung. Die Versform ließe lediglich "Lücken, die das Gelesene noch hervorheben können". Schnell nehme man die Form "so stark gar nicht mehr wahr". Dazu erzählt Weber von einem "hellen Moment". Nach ein paar Seiten habe sich die Autorin gefragt: "Wer soll das eigentlich mal lesen?" Alles habe sie daraufhin in Prosa umgeschrieben. So habe es aber nicht funktioniert. Die Verse hätten den Rhythmus abgebildet, der Weber beim Schreiben getragen hatte. "Und ich hoffe, dass er auch den Leser trägt."

Im Gespräch mit Brombach gab Weber viele solcher Einblicke in ihr Schreiben und ihr Nachdenken über das Schreiben. Sie erzählt, dass sie ihre ersten Bücher zuerst auf Französisch - Weber lebt in Paris - geschrieben hatte und sie dann erst ins Deutsche übersetzte. Als Autorin brauche man Distanz zur eigenen Sprache, und wie könnte der Abstand größer sein als auf dem Umweg über eine Fremdsprache. Erst seit dem dritten Buch schreibe sie erst in Deutsch und übersetze dann ins Französische.

Erkenntnisse des Schreibprozesses

Oder sie spricht darüber, welchen Erkenntnisgewinn das Schreiben bringt. Das Baby auf dem Dachboden in der Rue du Moulinet, das habe der Freund von Annette am nächsten Tag noch gerettet, erzählt Weber auf der Bühne. Der Vater müsse so über den Freund erfahren haben, dass seine Kinder in Sicherheit sind, hatte sich Weber überlegt. Anne Beaumanoir sei der Gedanke nie gekommen. "Es mag eine Kleinigkeit sein", sagt Weber. "Wer aber kurz darüber nachdenkt, merkt, dass es keine Kleinigkeit ist, dass dieser Vater mit dem Wissen in den Tod geht, dass seine Kinder gerettet sind."

Durch Erzählungen, Gedanken und Anekdoten wie diese lernen die Bergen-Enkheimer ihre Stadtschreiberin kennen. Die Pandemie macht das schwieriger (siehe Infobox). Schon das Stadtschreiberfest konnte nicht wie üblich gefeiert werden. Um dennoch Kontakt zu den Anwohnern zu bekommen, hat Weber sie eingeladen, ihr Geschichten zu erzählen (siehe Interview). Auch habe sie sich damit selbst austricksen wollen, sagt die Autorin. Es falle ihr sonst schwer, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Dazu der Stress einer Preisträgerin. Berlin, Göttingen, Bremen, Bonn. Webers Kalender ist voll mit Lesungen in ganz Deutschland. Es sei merkwürdig, sagt sie. Seit 20 Jahren veröffentliche sie Bücher. Bei Suhrkamp. Bei Matthes & Seitz. In Buchhandlungen wie am Hauptbahnhof waren ihre Bücher nie zu finden. Neulich habe da ein riesiger Stapel von "Annette, ein Heldinnenepos" gestanden. Friedrich Reinhardt

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