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Frankfurt: Zu viele Bagatell-Einsätze - Rettungsdienste und Feuerwehr schlagen Alarm

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Von: Thomas J. Schmidt

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Die enorme Zahl von Bagatell-Einsätzen überfordert die Rettungsdienste in Frankfurt. „Wir sind an der Grenze des Machbaren“, sagte die Feuerwehr.

Frankfurt - Der Rettungsdienst ist am Limit. Das Rote Kreuz schlägt Alarm. Die Einsatzzahlen stiegen, nicht zuletzt wegen einer Vielzahl von Bagatell-Einsätzen. Das DRK sieht die Kapazitäten für eine schnelle Versorgung in lebensbedrohlichen Fällen in Gefahr, sollte es nicht gelingen, die Einsatzzahlen zu reduzieren. „Der Rettungsdienst ist an der Überlastungsgrenze“, warnt Dierk Dallwitz, DRK-Geschäftsführer und befürchtet überdies, „frei werdende Stellen für Notfallsanitäter nicht mehr nachbesetzen zu können“.

Das Problem sehen die anderen Rettungsdienste auch. Anne Walkembach, Sprecherin der Feuerwehr in Frankfurt, bestätigt: „Wir sind an der Grenze des Machbaren, sowohl beim Personal, als auch bei den Fahrzeugen.“ Jährlich gehen in der Leitstelle 130 000 Alarmmeldungen ein, Tendenz steigend. Die überwiegende Zahl betrifft den Rettungsdienst. Im Sommer waren in diesem Jahr bis zu 600 Einsätze täglich zu verzeichnen - rekordverdächtig.

Das erste, was die Telefonzentrale tun muss: Die Anrufe filtern. „Wenn dann bestimmte Stichworte fallen, muss ein Rettungswagen losgeschickt werden“, sagt sie. Das Problem: Viele Leute rufen den Rettungsdienst auch, wenn eigentlich der Hausarzt helfen könnte.

Rettungskräfte müssen immer häufiger wegen Kleinigkeiten ausrücken, an anderer Stelle fehlen bei echten Notfällen dann Kapazitäten. Nun hat das Rote Kreuz Alarm geschlagen. FOTO: rolf oeser
Rettungskräfte müssen immer häufiger wegen Kleinigkeiten ausrücken, an anderer Stelle fehlen bei echten Notfällen dann Kapazitäten. Nun hat das Rote Kreuz Alarm geschlagen. © Rolf Oeser

Frankfurt: Viele Menschen rufen den Rettungsdienst, obwohl der Hausarzt helfen könnte

Vermehrt berichteten Kollegen, „dass sie zu Patienten gerufen werden, deren Zustand an sich keine notfallmedizinische Versorgung erfordert“, erläutert Benedikt Hart, Leiter Rettungsdienst beim DRK Frankfurt. „Diese Bagatell-Einsätze blockieren dann Helfende und Rettungswagen, die in anderen, lebensbedrohlichen Fällen dringend benötigt werden.“ Ausdrücklich richtet sich die Kritik nicht gegen die Entscheidung der Leitstelle, einen Rettungswagen anzufordern. Sie richtet sich gegen unnötige Alarmierungen seitens der Bürger, „Wir können es nur gemeinsam mit Arztpraxen, Krankenhäusern, Krankenkassen und anderen Versorgungsstrukturen schaffen, die Menschen zu informieren und dafür zu sensibilisieren, nur im Notfall den Rettungsdienst zu rufen“, weiß Hart.

Beim Arbeiter-Samariterbund (ASB) sind die Erfahrungen ähnlich. Thomas D. Müller-Witte, Geschäftsführer des ASB, glaubt, sieht die Schuld am erhöhten Notrufaufkommen aber nicht ausschließlich bei den Anrufern: „Viele Bürger wissen sich nicht anders zu helfen, als den Notruf zu wählen, weil sie Hausärzte und Ärztlichen Bereitschaftsdienst nicht erreichen oder diese Strukturen nicht ausreichend zur Verfügung stehen.“ Im Rettungsdienst gebe es einen massiven Fachkräftemangel. „Auch bei uns kommt es zu personellen Engpässen, was die Belastung für die Einsatzkräfte noch mal erhöht“, so Müller-Witte. Er sieht die „unflexible Haltung des Regierungspräsidiums in Bezug auf die Schaffung weiterer Ausbildungsplätze“ mitverantwortlich dafür, dass sich die Lage weiter verschärft.

Frankfurt: Extreme Belastung für Rettungsdienste im Bahnhofsviertel

Oliver Pitsch, Regionalchef der Johanniter Unfallhilfe, nennt weitere Knackpunkte: „Wir brauchen mehr Straßenambulanz, wir brauchen eine bessere Vernetzung der ambulanten Hilfssysteme“, sagt er. Die Johanniter sind vor allem in der Innenstadt aktiv, im Frankfurter Bahnhofsviertel, und dort gibt es besondere Erfahrungen. Etwa, wenn ein Drogenkranker auf der Straße liegt und ein Passant die 112 ruft. „Dann hat man auf der Leitstelle die Info: bewusstlose Person. Dann muss ein Rettungswagen geschickt werden.“ Die Kollegen kennen dann den betreffenden Abhängigen oft schon, wecken ihn auf. Wenn er seinen Standort wechsele und wieder auf der Straße liege, komme rasch der nächste Alarm. „Das geht bis zu fünfmal am Tag so. Es ist ein gesellschaftliches Problem, es muss gesellschaftliche Lösungen geben“, sagt Pitsch.

Die Belastung im Bahnhofsviertel sei extrem. Bei einer Zwölf-Stunden-Schicht bleibe manchmal kaum Zeit für einen Kaffee. Während Corona sei es ruhiger gewesen, weil viele nicht ins Krankenhaus wollten aus Angst. Jetzt riefen wieder viele an. Die Johanniter schicken deswegen jetzt schon einen Notfall-Erkunder voraus, der entscheidet, ob ein Arzt nötig ist oder nicht. Personalmangel haben sie ebenfalls, auch wenn sie über Bedarf ausbilden: „Die Rückkehr in den Beruf nach einer Elternzeit ist sehr schwierig. Bei einer Zwölf-Stunden-Schicht ist es fast unmöglich, am Wohnort eine Betreuung zu organisieren.“ Die Alternative wäre eine Betriebskita bei den Johannitern. „Wir arbeiten daran.“ (Thomas J. Schmidt)

In Frankfurt fand am Samstag (15. Oktober) eine Katastrophenschutzübung statt. Im Osten der Stadt waren zahlreiche Einsatzfahrzeuge unterwegs.

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