Varieté: Sein Leben und sein Lieblingsbild gleichermaßen: Tigerpalast-Direktor Johnny Klinke feiert heute seinen 70. Geburtstag. Unser Bild zeigt ihn vor Ernst Ludwig Kirchners Werk "Varieté" im Städel.
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Varieté: Sein Leben und sein Lieblingsbild gleichermaßen: Tigerpalast-Direktor Johnny Klinke feiert heute seinen 70. Geburtstag. Unser Bild zeigt ihn vor Ernst Ludwig Kirchners Werk "Varieté" im Städel.

Tigerpalast-Direktor

Johnny Klinke: "Ich habe noch viel vor."

  • vonEnrico Sauda
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Der Chef der legendären Entertainment-Stätte in der Mainmetropole plant für nächstes Jahr einen großen Coup.

Johnny Klinke, 30 Jahre gegen das Establishment. 30 Jahre dafür. Heute wird er 70 Jahre alt. Und der Gründer und Direktor des "Tigerpalast" will weitermachen. Plant für nächstes Jahr einen großen Coup. Seit 34 Jahren ist er Varieté-Direktor. In Berlin erblickte er als jüngstes von vier Geschwistern das Licht der Welt. Sein Vater Johannes war Pfarrer, kam 1960 in die Mainmetropole, predigte in der Christuskirche in Bockenheim und unterrichtete am Lessing-Gymnasium. Er ist es, der das Feuer im Inneren des kleinen Johnny entfachte.

Ob Ihr Vater heute auf seinen Jüngsten stolz gewesen wäre?

Das kann ich nicht sagen. Aber, was ich sagen kann, ist, dass ich 30 Jahre gebraucht habe, um herauszufinden, dass er doch in der NSDAP war.

Und Ihre Mutter?

Sie ist 94 geworden und hat stets beteuert, er sei nicht in der Partei gewesen. Ich habe zu Hause keine Antworten bekommen, und mein Vater ist daran zerbrochen, dass er Jesus und Adolf Hitler nicht zusammenbringen konnte.

Als Johnny Klinke 13 ist, stirbt sein Vater...

Ja. Im selben Jahr, 1963, als John F. Kennedy hier in Frankfurt war.

Der Kennedy-Besuch, es war der Tag Ihres 13. Geburtstags.

Ja, habe ihn auf dem Paulsplatz abgeklatscht. Eine Fingerspitze habe ich erwischt.

Nagt Ihre Beziehung zu Ihrem Vater heute noch an Ihnen?

Nein. Das ist gelaufen. Mit 70 musst du da schon klar sein.

Ihr Vater war also der Grund für Ihre Beteiligung an der 68er-Bewegung.

Ich hatte ja ein richtiges Motiv. Ich weiß bis heute nicht, was er während des Krieges gemacht hat. Weil er so viele Sprachen beherrschte, soll er Dolmetscher an der Ostfront gewesen sein. Doch da wurde doch nicht geredet, sondern nur vernichtet.

Sie hätten Pfarrer werden sollen wie er. Haben Latein, Griechisch und Hebräisch gelernt.

Drei Dinge wollte ich nicht werden: Pfarrer, Politiker und Lehrer. Dann kam 68. Ein Aufbruch. Unvorstellbar. Das Entscheidende war die Freiheit. Wir haben uns von einer Last befreit. Dachten aber auch, wir wären die besseren Menschen. Was wir nicht waren.

Dann kamen die 70er Jahre mit den harten Auseinandersetzungen und in Frankfurt mit dem Ideenlaboratorium der Großstadt.

Und ich mittendrin. Aber diese Revolution konnte nicht gelingen. Doch es war gut, sich radikal zu engagieren, denn es hat die Gesellschaft entscheidend geändert. Wir waren die Spontis, die fröhlichen Anarchos.

Sind Sie froh, dass Sie dabei waren?

Mit Leib und Seele. Ich bin in Frankfurt mit 17 auf die Straße gegangen. Und es gab Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Aber, und das war vor allem wichtig für mich: Politik.

Warum sind Sie nicht Politiker geworden, wie andere wie Tom Koenigs oder Joschka Fischer, mit denen Sie seit den 70er Jahren befreundet sind?

Ich war Berufsrevolutionär und ich hatte diesen Nachholbedarf an Staat nicht. Ich habe ein paar Jahre so gelebt. Aber eins war klar: Wenn man für die Freiheit ist, darf man keine Menschen umbringen.

Sie haben nie mit der RAF sympathisiert?

Nein. Baader war ein fürchterlicher Wichtigtuer. Er kam mal in eine Kneipe. Schoss zweimal gegen die Decke und sagte: "Zwei Bier." Letztlich wollte er mit dem Panzer in Bonn einfahren. Nein danke.

Aber Sie wollten partout nicht in die Politik. Und so kamen Sie auf...

...die Kultur. Sie ist meine Antwort an die Politik. Und sie ist lebendig und nachhaltig. Alle anderen sind jetzt pensioniert. Bei mir geht es weiter.

Sind Sie glücklich?

Ja.

Im vergangenen Jahr ging es Ihnen schlecht. Sie waren lange im Krankenhaus mit einer Leukämiediagnose, Chemotherapie und allem drum und dran.

Das war neu. Das war überraschend. Sechs Wochen durch die Hölle. Allein gegen alle.

Und jetzt Corona.

Davor habe ich keine Angst. Ich saß ganz vorn auf der Schippe.

Jetzt steht Johnny Klinke im Städel vor Ernst Ludwig Kirchners Gemälde. "Wenn ich es nur einmal küssen könnte. Alles würde ich dafür geben." Es ist das einzige Bild, das "Varieté" heißt. Deshalb liebt er es so heiß. Weil das Varieté sein Leben bestimmt hat. Den "Tigerpalast" bezeichnet Johannes Klinke, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, als sein Lebenswerk. Auf seinen Lebensweg, seinen zweiten, brachte ihn Margareta Dillinger. Kultur. Varieté. Gemeinsam mit Matthias Beltz schuf das Trio den Tempel an der Heiligkreuzgasse. Mit dabei auch Robert Mangold, heute Geschäftsführer der Tigerpalast-Gastronomie. "Beltz, er ist mein Bruder, war auch Berufsrevolutionär, wurde auch nie Politiker", so Klinke.

Bevor er den Tigerpalast eröffnete, gründete Klinke das Strandcafé an der Koselstraße. Dort lernte er gleich am ersten Tag Margareta Dillinger kennen. "Sie stand da. Hatte einen Wein aus Okzitanien dabei und war dabei", erzählt er. "Das war eine glückliche Fügung." Nach vier Jahren kehrten die beiden dem Café den Rücken. "Während die anderen in die Politik gingen", gingen sie wandern. "Tausend Kilometer durch die Pyrenäen. Das war eine tolle Zeit." Als sie zurückkamen, war die Idee geboren, das Varieté zu eröffnen.

"Ich hatte das Straßenfest nach dem Straßenkampf organisiert", gibt Klinke als Referenz an. "Und ich wusste, was fehlt: ein Stück Großstadt. Ich habe nach einem Link fürs Leben in der Großstadt gesucht - und ihn gefunden." In Frankfurt gab es nichts. Es gab kein Varieté. "Es war alles Porno. Hausfrauenstripp im Bahnhofsviertel mit zwei drei Varieténummern am Ende." Seine Ziele hatte Klinke klar definiert. Mit Dillinger wollte er eine Weltgemeinschaft der Artisten mit dem höchsten Niveau in Frankfurt etablieren. "Ich wollte eine Brücke bauen zur bürgerlichen Gesellschaft. Das ist mir gelungen. Das ist meine eigentliche Leistung. Es ging mir um nicht mehr und nicht weniger als die Gleichstellung mit der Hochkultur." Es ging ihm um die Botschaft der Artisten, die laute: Kopf trifft auf Körperkunst, Ehrlichkeit, Verbindlichkeit, Glaubwürdigkeit. Heute lebten gut 3000 Leute vom Varieté, rechnet Klinke vor. "Ja, wir haben etwas verändert", sagt er. "Ich wollte die Anerkennung des Bürgertums. Für die Artisten, weil sie Außenseiter waren."

Heute zählt Johnny Klinke selbst zum Bürgertum. "Wenn du dir die Einzelheiten anschaust, stimmt das schon", sagt er. Er ist zwar ein wenig schrullig, fährt nicht Auto, hat kein Smartphone und kann mit Computern nichts anfangen (was seinen 20-jährigen Sohn Max und seine Frau Ulli auf die Palme treibt), aber bürgerlich in der Mitte. "Mein Sohn ist manchmal komplett fassungslos", lacht Johnny Klinke, der total stolz ist auf seinen Nachwuchs. "Das ist Luxus. Aber so schaffe ich mir Zeit zum Nachdenken und zum Reden."

Der Menschenfänger Johnny Klinke, der bei den Premieren auf der Bühne des Tigerpalastes steht und mit mehr als spitzer Zunge anspricht, was in Frankfurt schief läuft. Er redet in bunten Bildern, die jeder versteht. In seinen drei Jahrzehnten aufseiten des Bürgertums hat er viel getan. Zehn Hessentage, dazu der Hochseillauf von 1994, um nur zwei hervorzuheben.

Heute stehe Frankfurt vor einer Wende. "Entscheidend wird die Kultur sein. Die ganze Kultur hier in der Stadt." An ihr dürfe nicht gespart werden. "Die Stadt ist reich und friedlich, weil die Kulturen sich einbringen können." Klinke hat eine These: "Die Kultur wird in den nächsten Jahren wichtiger, denn sie hat die Chance, das Lebensgefühl in Frankfurt neu zu sortieren. Aber es fehlt Mut, groß zu denken. Jeder macht seinen Laden hier allein auf." Jetzt seien vor allem drei Dinge wichtig: dass die Buchmesse stattfindet, ebenso wie die Fashion-Week und der Kirchentag. "Klingt schrecklich langweilig. Aber nein. Das wird eine Großveranstaltung, die die Stadt beleben wird." Johnny Klinke ist laut und auffällig. Aber seinen Jubeltag will er leise und unauffällig mit Ulli und Max verbringen, mitten in Frankfurt. es

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