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Ein gläubiger Jude in der Westend-Synagoge in Frankfurt mit traditioneller Kopfbedeckung. Der Gebetsriemen Tefillin verbindet Kopf, Herz und Hand, die Kapsel am Kopf enthält Thora-Worte. Fotos (3): dpa

Neue Serie

Wie Juden in Frankfurt leben, was sie bewegt und was ihnen ihr Jüdischsein bedeutet

Antisemitismus ist durch das Erstarken von Rechtspopulisten, aber auch durch muslimische Einwanderer wieder zum Thema geworden. Er bedroht abermals das friedliche Zusammenleben.

Bis zur Herrschaft der Nationalsozialisten und der großen Judenverfolgung in Deutschland war jüdisches Leben in Frankfurt überall im Alltag lebendig. Mit dem Schreckensregiment der Nazis in Deutschland und der Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden kam der große zivilisatorische Bruch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) begann mit der Befreiung von der Diktatur auch der vorsichtige Wiederaufbau jüdischer Kultur in der Stadt.

Inzwischen jedoch macht sich eine neue Judenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft bemerkbar, unter anderem durch Einwanderer aus muslimischen Ländern, die in den Nahost-Konflikt verwickelt sind. Sie bedroht das gerade mühsam wieder Erreichte. Anlass, jüdischem Leben in Frankfurt und der Region nachzuspüren. Was bewegt Jüdinnen und Juden, die heute hier leben? Woran arbeiten sie? Was bedeutet ihnen das Jüdischsein? In einer Serie stellen wir in den kommenden Wochen in loser Folge Menschen aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Religion vor. Aber was heißt jüdisches Leben in Frankfurt überhaupt?

Frankfurt sei die jüdischste Stadt Deutschlands, pflegt Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) bei öffentlichen Anlässen gern zu sagen. Dieser Ausspruch mag plakativ sein, falsch ist er nicht. Zum Beispiel die Goethe-Universität: Ihre Gründung im Jahr 1914 ging maßgeblich auf das Engagement jüdischer Bürger zurück. Die „Frankfurter Zeitung“, die liberale Vorläuferin der „F.A.Z.“ und der „Frankfurter Neuen Presse“, wurde vom jüdischen Journalisten, Verleger und Politiker Leopold Sonnemann (1831–1909) mitbegründet. Nach 1945 machten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno die Frankfurter Universität zu einem Zentrum der Kritischen Theorie. Auch der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wirkte am längsten und erfolgreichsten von Frankfurt aus.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde reicht indes bis ins 12. Jahrhundert zurück, als die Frankfurter Juden erstmals urkundlich erwähnt wurden. 1462 entstand außerhalb der damaligen Stadtmauer die Judengasse, die gemeinhin als das erste europäische Ghetto, also als geschlossenes jüdisches Viertel, gilt. Die Judengasse spannte sich von der heutigen Konstablerwache bis fast zum Main. Sie war komplett von Mauern umgeben und hatte drei Tore, die nachts sowie an Sonn- und Feiertagen geschlossen blieben. Gleichwohl konnten ihre Bewohner am städtischen Geschäftsleben teilnehmen. In der beengten Judengasse lebten im 18. Jahrhundert etwa 3000 Menschen. Auch der Journalist und Kritiker Ludwig Börne (1786–1837) wurde dort geboren. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Judengasse abgerissen. Seit 1864 waren die Frankfurter Juden rechtlich gleichgestellt. Heute erzählt das auf dem Gebiet des ehemaligen Ghettos erbaute Museum Judengasse vom jüdischen Alltagsleben im Frankfurt der frühen Neuzeit.

In unmittelbarer Nachbarschaft, am Börneplatz, befindet sich eine 1996 errichtete Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust. An der Mauer des angrenzenden mittelalterlichen jüdischen Friedhofs dokumentieren etwa 12 000 kleine Stahlblöcke Namen und biografische Daten aller Frankfurter Juden, die zwischen 1933 und 1945 deportiert und ermordet wurden. Im Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebten mehr als 26 000 Juden in Frankfurt. Die Stadt hatte somit einen größeren jüdischen Bevölkerungsanteil als Berlin. Große Synagogen am Börneplatz, an der Friedberger Anlage sowie im Westend zeugten von der Blüte der Gemeinde. 1945 lebten dann nur noch 160 Juden in Frankfurt, nur die Westend-Synagoge überstand Pogromnacht und Weltkrieg.

Die jüdische Nachkriegsgeschichte der Stadt wurde erheblich von Holocaust-Überlebenden aus Polen, Ungarn und Rumänien geprägt – so vom langjährigen Gemeindevorsitzenden Ignatz Bubis (1927–1999). Viele jüdische Familien wollten eigentlich nach Israel oder Amerika auswandern. Sie strandeten in Westdeutschland. Nicht nur sprichwörtlich blieben ihre Koffer über Jahrzehnte gepackt. Das hat sich gewandelt: „Wer ein Haus baut, will bleiben“, sagte der Architekt Salomon Korn 1986 bei der Einweihung des von ihm entworfenen Gemeindezentrums in der Savignystraße. Korn ist seit 1999 Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Dank der Einwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ist sie inzwischen auf knapp 7000 Mitglieder angewachsen.

Jüdisches Leben ist in Frankfurt einerseits fast selbstverständlich geworden. Das 1988 gegründete Jüdische Museum bekommt einen Erweiterungsbau und eine neu konzipierte Dauerausstellung. In der traditionsreichen Lichtigfeld-Schule im Frankfurter Nordend wird bald wieder das Abitur angeboten. Auf U- und Straßenbahnen wird für den jüdischen Sportverein Makkabi und die israelische Partnerstadt Tel Aviv geworben. Dass Frankfurt mit Peter Feldmann erstmals seit der Weimarer Republik wieder einen jüdischen Oberbürgermeister hat, sorgt in der Stadt kaum für vernehmbaren Gesprächsstoff. Und doch, bei aller Normalität, hat sich die Stimmung in den letzten Jahren gewandelt. Ob es 2012 mit der Beschneidungsdebatte begann oder 2014, als während des damaligen Gazakrieges auf der Zeil antisemitische Hassparolen zu hören waren, wird man nicht genau sagen können. Wer die Kippa, die religiöse Kopfbedeckung der Juden, trägt, läuft mancherorts Gefahr, beschimpft und angegriffen zu werden. Antisemitismus ist wieder zum öffentlichen Thema geworden.

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