Das ehemalige Wohnhaus des jüdischen Arztes Rudolf Freudenberger.
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Das ehemalige Wohnhaus des jüdischen Arztes Rudolf Freudenberger.

Schicksal von Juden rekonstruiert

Jüdisches Leben in Bergen-Enkheim

  • VonMelanie Taylor
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In Bergen-Enkheim kümmert sich eine Initiative um das Gedenken an die jüdischen Mitbürger, die unter den Nazis vertrieben wurden.

Die Praxis von Dr. Freudenberger war gut erreichbar. Das Häuschen mit den heute hellblau gestrichenen Fensterläden und den Ranken einer Kletterpflanze steht in der Röhrborngasse und war damit nicht weit vom Stadtkern entfernt. Aber es war nicht die Lage, die viele Patienten anzog. Der Allgemeinmediziner Rudolf Freudenberger war beliebt; seine Patienten schätzten ihn für seine Expertise und seine Mildtätigkeit. Brauchten Mittellose etwa seine Hilfe, behandelte er diese bereitwillig – und oft ohne Rechnung.

Er zählt zu den Personen, über die die Bürgerinitiative „Stolpersteine Bergen-Enkheim“ am meisten in Erfahrung bringen konnte. Das Schöne: Einen Stein mussten sie nicht verlegen. Denn Freudenberger und seine Familie gehörten zu den wenigen Bergener Juden, die fliehen konnten und nicht vom NS-Regime ermordet wurden. Stattdessen erinnert eine vom Offenbacher Künstler Bernd Fischer gestaltete kleine Gedenktafel an sein Wirken. Liest man einen dazugehörigen QR-Code ein, kann man sich die Familiengeschichte erzählen lassen, die im Internet auf „Stolpersteine-Frankfurt.de“ nachzulesen ist.

Rund 40 Teilnehmer

Am Mittwochabend führte die Initiative gut 40 Teilnehmer durch den Ort und erinnerte in der sehr interessanten Tour an die ehemaligen jüdischen Nachbarn. Halt gemacht wurde an den Orten, in denen einst jüdische Mitbürger lebten und wirkten. Denn jüdisches Leben gibt es in Bergen schon lange: Die erste Synagoge wurde vermutlich schon 1603 / 04 erbaut. Das war in der heutigen Straße „Am Berger Spielhaus“, wo auch später an anderer Stelle eine neue Synagoge errichtet wurde, die gleichzeitig als jüdisches Schulhaus fungierte.

Die Freudenbergers selbst zogen 1921 von Nürnberg nach Bergen. Denn hier konnte der junge Mann mit seiner Frau eine eigene Praxis aufbauen. Allerdings währte das Glück nicht lange: Nach 1933 wurden die Repressionen immer schlimmer. Der Aufruf zum Boykott jüdischer Ärzte führte dazu, dass Nachbarn Freudenberger und seine Patienten ausspionierten. Aber es blieben ihm auch Bergener treu, die nicht auf ihren vertrauten Hausarzt verzichten wollten. Welche Ausmaße das Denunziantentum annahm, lässt sich an einer Geschichte ablesen: So hatte wohl eine Nachbarin Freudenbergers einen Spiegel an ihrem Haus montiert, mit dem sie sehen konnte, wer dort ein- und ausging. „Die Sache mit dem Spiegel war wie ein Stachel“, erinnert sich Edith Haase von der Initiative. Als sie diese Geschichte in den 80er Jahren gehört habe, habe sie das Thema nicht mehr losgelassen. Mittlerweile hat die Initiative die Schicksale von 28 jüdischen Bergenern rekonstruiert, die verschleppt und ermordet wurden. Sie sind alle bewegend: Oft sind es auch Fotos, die einen ins Mark treffen, wie ein Bild von Mina Weil, die schwer bepackt mit ihren beiden Söhnen über den Bahnsteig läuft. Es ist der Tag ihrer Deportation nach Sobidor, wo sie umgebracht wurden.

Nur kurze Einblicke

Wie berichtet, liegen die Ausschnitte der Geschichte der Freundenbergers und der Lebensgeschichten der anderen jüdischen Mitbürger nun in einer Broschüre der Initiative vor. Nicht verstanden werden sollte das Ganze aber als „Aufarbeitung“. Wie die katholische Pastoralreferentin und Gästeführerin Andrea Maschke betonte, ließen sich die Leben jedes Einzelnen natürlich weder auf den Stolpersteinen noch in der Führung oder in dem Erinnerungstext in Gänze abbilden. „Es bleibt ein Fragment“, betonte sie.

Ergänzt werden diese Erinnerungsbruchstücke jedoch auch heute noch immer weiter: So meldete sich etwa überraschend ein Zeitzeuge, August Schneider, bei der Führung zu Wort. Der Bergener ist Jahrgang 1924 und damit im gleichen Alter wie Joachim Freudenberger. Auch Rabbi Andrew Steinman hat eine Beziehung zu der Familie. „Meine Tante war später in den USA seine Patientin“, erzählte er. Sie sei erst vor einem Monat verstorben, und durch Zufall hatten sie entdeckt, dass sie ihn aus der Zeit in New York, wohin er mit seiner Familie umsiedelte, kannte. „Sie musste damals nichts bezahlen“, weiß er. Das habe sie ihm ihr Leben lang hoch angerechnet, weil sie – wie viele andere als Flüchtlinge – sehr arm gewesen sei.

Mit den Rundgängen, der von der Initiative herausgegebenen Broschüre und nicht zuletzt mit den Stolpersteinen wollen die Bergener gegen das Vergessen kämpfen, das Unrecht an den ehemaligen Nachbarn, die den Schutz der Dorfgemeinschaft gebraucht hätten, benennen und sie wieder in ihre Mitte holen. „Möge die Seele eingebunden sein in den Bund der Lebenden“, zitierte Rabbi Steinman einen Ausspruch, der sich auf vielen jüdischen Grabsteinen findet.

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