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Jüdisches Museum

Open House

Jüdisches Museum: Sechs Tage lang können Besucher sich die neuen Räume ansehen

Das älteste jüdische Museum Deutschlands feiert seinen 30. Geburtstag auf einer Baustelle. Doch vom 10. bis 15. November können Besucher einen Blick in die neuen Räume werfen

Es hämmert und dröhnt im Inneren des alten Rothschild-Palais. Und Mirjam Wenzel hört es mit Genugtuung. Die Sanierung und Erweiterung des Jüdischen Museums in Frankfurt schreitet voran. Und die Direktorin und ihr Team setzen sehr bewusst ein Zeichen. Ein Jahr vor der (Wieder-)Eröffnung des Hauses im November 2019 laden sie die Öffentlichkeit zum „Open House“ ein – einem vielfältigen Programm auf der Baustelle mit Konzerten, Filmvorführungen, Diskussionen und Performances.

In Zeiten eines wachsenden Antisemitismus und Rassismus ist das „sehr mutig und richtig und wichtig“, wie Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) urteilt. Mirjam Wenzel aber bleibt sich lediglich treu: Seit die heute 46-Jährige vor knapp drei Jahren ihr Amt antrat, heißt ihre Devise: Offenheit und Bürgerbeteiligung. Mit sogenannten Pop-up-Formaten, einem temporären Zelt etwa auf dem Willy-Brandt-Platz, versuchte sie die Menschen für jüdisches Leben heute und in der Vergangenheit zu interessieren, Barrieren abzubauen.

Schuld abtragen

Vor genau 30 Jahren, am 9. November 1988, war der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) nach Frankfurt am Main gereist, um das erste jüdische Museum in Deutschland zu eröffnen. Damals ging es darum, an das jüdische Leben vor dem Holocaust zu erinnern – und mit dem Haus auch Schuld abzutragen.

43 Millionen Euro investiert die Stadt Frankfurt in die Sanierung und Erweiterung des Museums, zwei Millionen Euro steuert das Land bei. Und drei Millionen Euro hat der sehr engagierte Förderverein des Hauses unter dem Vorsitz des früheren Frankfurter Oberbürgermeisters Andreas von Schoeler bisher gesammelt. Ein großer Erfolg. Er erzählt davon, dass es in Frankfurt, einer Stadt mit sehr großem privaten Reichtum, noch immer ein bürgerschaftliches Engagement gibt.

Seit wenigen Tagen heißt die Freifläche zwischen dem Rothschild-Palais und dem Neubau Bertha-Pappenheim-Platz. Die jüdische Frauenrechtlerin hatte 1902 in Frankfurt eine weltweit beachtete erste Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels organisiert. Wer den Neubau betritt, kommt in ein Atrium, dessen verglaste Decke Tageslicht einlässt. Im Untergeschoss findet sich künftig der Platz für Wechselausstellungen.

630 Quadratmeter sind dafür reserviert. Die erste Schau, die Anfang 2020 öffnen wird, trägt den programmatischen Titel „Wir sind da“ und wird vom jüdischen Leben in Europa in der Nachkriegszeit erzählen.

Tradition und Ritual

Die drei Stockwerke des Rothschild-Palais sind der Dauerausstellung auf 1400 Quadratmetern vorbehalten. Um die jüdische Gegenwart wird es in der obersten Etage gehen. Das Stockwerk darunter hat Wenzel unter das Motto „Tradition und Ritual“ gefasst. Und in der ersten Etage erzählen die Kuratoren jüdische Familiengeschichten. Nicht nur die der reichen Rothschilds, sondern auch die der eher proletarischen Familie, aus der der Schriftsteller Valentin Senger hervorging.

Der Neubau birgt die Bibliothek, die nicht nur Bücher, sondern auch Filme und andere Medien bieten und sich auch an Kinder und Jugendliche wenden wird. Ein kleiner Saal im Erdgeschoss nimmt Veranstaltungen auf. Und ein Café ist als Treffpunkt vorgesehen. Der Rohbau lässt erahnen, dass das neue Haus nach dem Entwurf des Berliner Architekturbüros Staab mit seiner schneeweißen Fassade auch innen licht und hell sein wird.

Die Direktorin verspricht „ein Museum ohne Mauer“, das sich „weit in die Stadt hineinwagen“ wird. Sie ist entschlossen, sich in aktuelle gesellschaftliche Debatten einzumischen.

Die wenigen deutschen Juden, die den Holocaust überlebt hatten, saßen in den ersten Jahrzehnten gefühlsmäßig wie buchstäblich „auf gepackten Koffern“. So heißt denn auch der gerade vollendete Dokumentarfilm von Itai Lev, der am 13. November beim „Open House“ zu sehen sein wird.

von Claus-Jürgen Göpfert

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