Kolumne

Jugendfrei: Notwendige Leitkultur

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Liebe Leser, ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Sie haben mir mit Ihrem Zuspruch geholfen und mich in meiner Haltung bestärkt. Die Menschen dieses Landes wollen nie wieder zulassen, dass Juden oder

Liebe Leser, ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Sie haben mir mit Ihrem Zuspruch geholfen und mich in meiner Haltung bestärkt. Die Menschen dieses Landes wollen nie wieder zulassen, dass Juden oder andere Minderheiten bedroht, beleidigt oder misshandelt werden. Unter keinem Vorwand. Es ist empörend, dass ausgerechnet Ewiggestrige und Flüchtlinge, die in ihren Heimatländern erfahren haben, wohin Intoleranz, Hass und Gewalt führen, die in Deutschland Aufnahme, Schutz und Hilfsbereitschaft von allen Seiten erfahren haben, nun dazu übergehen, Juden zu unterdrücken.

Keine Ausreden. Eine schwere Jugend und harte Zeiten dürfen kein Alibi für Hass und Unmenschlichkeit sein. Die Deutschen haben sich vom Hass befreit, der ihnen zunächst von Männern wie dem Historiker Heinrich von Treitschke, der die Parole „Die Juden sind unser Unglück“ ersann, und später von den Nazis eingetrichtert wurden.

Wir haben genug von Hass-Propagandisten, die unter verschiedenen Vorwänden wieder mit ihren Hetz-Predigten oder Gesängen anheben. Ob die Aufwiegler Deutsche oder Ausländer sind, ob sie Christen, Moslems oder Atheisten sind, ist einerlei. Entscheidend ist, dass sie gegen die Menschenwürde und damit die Grundlage von Staat und Gesellschaft verstoßen. Wer das tut, vergeht sich an Menschlichkeit und Gesetz und muss belangt werden. Falls er nach Deutschland kam, hat er sein Gastrecht verwirkt.

Sie, liebe Leser, sind nicht über meine Worte hinweggegangen. Sie haben meinen Artikel nicht als Beitrag eines Betroffenen abgetan. Sie verstehen, dass nicht allein diese oder jene Minderheit betroffen ist, sondern alle Menschen unserer Gesellschaft.

Das aus Ihren Zuschriften und Anrufen zu erfahren, hat mich ein wenig stolz gemacht und mir Zuversicht vermittelt. „Bleiben Sie bei Ihrer Meinung! Lassen Sie sich nicht den Mut nehmen“, forderte mich eine Dame am Telefon auf. Ich sagte ihr mit gestärktem Selbstvertrauen zu.

Wir genießen die „Gnade der späten Geburt“, ein zutreffender Begriff, den Günter Gaus geprägt und Helmut Kohl benutzt hat. Unsere Eltern, wir und unsere Kinder haben in Deutschland einen nie gekannten Wohlstand und ein freiheitliches Staatswesen geschaffen. Diese Leistung wird in aller Welt anerkannt, daher wollen so viele Menschen zu uns. Es hat jedoch zu lange gedauert, bis viele Bürger und Politiker begriffen haben, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Daher haben wir es versäumt, von klassischen Einwanderungsländern wie den Vereinigten Staaten oder Australien zu lernen. Diese Staaten wählen Einwanderer aus, die beruflich, gesellschaftlich und kulturell am besten zu ihnen passen. Da Deutschland aber bis vor einigen Jahren so tat, als ob wir kein Immigrationsstaat seien, obgleich unser Lebensstandard und unsere Freiheit Menschen anzogen, mussten wir den Preis unserer Illusion zahlen. Nicht die Menschen, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft benötigten, kamen her, sondern jene, die clever waren.

Der vom klugen Politikwissenschaftler Bassam Tibi aus Damaskus entwickelte Begriff „Leitkultur“ ist treffend. Einwanderung kann nur gelingen, wenn die hierher Kommenden bereit sind, unsere Sprache, unsere Freiheitswerte und den Takt unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens gut zu heißen und zu erlernen. Diese grundsätzliche Bereitschaft ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration.

Wer glaubt, er könne alle 60 Millionen Flüchtlinge dieser Welt in Deutschland eingliedern, ist naiv, denn er überschätzt die Aufnahmefähigkeit unseres Landes und seiner Gesellschaft. Integration von Menschen in Not kann nur mit deren Mithilfe gelingen. Geschieht das nicht, dann gewinnen die Hasser aller Couleur die Oberhand.

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