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Junge Menschen im Ausnahmezustand

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Von: Thomas J. Schmidt

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Im gelüfteten Übungsraum: Klavierprofessor Florian Hölscher beim Unterricht in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst - hier mit Studentin Yubin Byun. Die Erfahrung zeigt, dass die Infektionsgefahr nur bei Flötisten und Sängern hoch ist.
Im gelüfteten Übungsraum: Klavierprofessor Florian Hölscher beim Unterricht in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst - hier mit Studentin Yubin Byun. Die Erfahrung zeigt, dass die Infektionsgefahr nur bei Flötisten und Sängern hoch ist. © Leonhard Hamerski

Die Corona-Dynamik gefährdet Präsenz-Seminare, verhindert Treffen und sorgt bei manchen für Vereinsamung.

Frankfurt -Seit zwei Jahren arbeiten die Studenten in Frankfurt im Ausnahmezustand. Was im Arbeitsleben Homeoffice ist, ist bei ihnen das Fernstudium. Mit den Folgen: kein Studentenleben, kein Kennenlernen, Vereinsamung. Kyra Beninga (Jusos) vom Asta der Goethe-Universität klagt: Parties, Kneipen - alle Gelegenheiten, andere kennenzulernen, liegen wegen der hohen Inzidenzen wieder auf Eis. "Es ist schwierig, gerade für die Erstsemester, die zum ersten Mal von zu Hause weg sind. Viele sind wieder zu den Eltern gezogen, weil es sich nicht lohnt, in Frankfurt zu wohnen, wenn man ohnehin nur selten an der Uni sein kann."

Auch die Präsenzveranstaltungen stehen wieder auf der Kippe. "Seminare, in denen viel diskutiert werden muss, wie etwa in der Politikwissenschaft, sind digital eher schwierig abzuhalten", berichtet Studentenvertreterin Beninga. Dabei bleibt Präsenzunterricht auch während der Pandemie essenziell, besonders in Fächern wie Medizin, Sportwissenschaft und in naturwissenschaftlichen und künstlerischen Fächern, sagt Dr. Olaf Kaltenborn, Sprecher der Goethe-Universität. Es ist mit zuletzt 46 000 Studenten die größte Hochschule des Landes.

Ebenfalls in Frankfurt ansässig ist eine der kleineren: die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK). Ein digitales Studium ist hier undenkbar: "Die Musiker müssen ja üben, täglich. Das geht in einer Studentenbude nur begrenzt", sagt Prof. Elmar Fulda, der Präsident der HfMDK. "Wir hatten deshalb auch während des ersten Lockdown offen."

Die HfMDK hat deswegen auch ein Online-Registrierungssystem eingeführt, damit die Studenten Räume buchen können. Insgesamt und auf die aktuelle Situation bezogen sagt Fulda, dass die Hochschule seit März 2020 daran gewöhnt sei, die Studienbedingungen permanent anzupassen. "Wir haben seit zwei Jahren immer wieder Phasen mit mehr oder weniger Präsenzunterricht", so Fulda. Theoretischen Unterricht kann man in der Hochschule für Musik, Theater und Tanz auch per Video-Stream organisieren. In der Hochschule selbst hingegen gebe es je nach Situation strenge Vorgaben, etwa die Begrenzung der Personenzahl in einem Raum und Maskenpflicht. "Wir haben ein eigenes kleines Testzentrum, wo man sich bei Bedarf täglich testen lassen kann", so Fulda.

Insgesamt habe die Hochschule wie auch die Gesellschaft gelernt, mit den Beschränkungen umzugehen. "Wir wissen inzwischen, dass es bei den Blasinstrumenten nicht so kritisch ist mit den Aerosolen - außer bei den Flöten; und das gilt ebenso für die Schauspieler und die Sänger", sagt Fulda. Natürlich habe man sich darauf eingestellt. Klima- und Lüftungsanlagen werden hochgedreht, gesungen wird mit Maske und Ensembles sind verkleinert. So der Hochschulchor und die Orchester. Auftritte wurden abgesagt. "Nicht nur das Studium ist schwieriger, auch die anschließenden Berufsperspektiven sind düster, da ja Kunst und Kultur nicht als systemrelevant gelten", bedauert der Hochschulleiter, seines Zeichens Opernregisseur. Er ist froh, dass die HfMDK dank des Bürgersinns der Frankfurter und dem Engagement von Stiftungen rund 300 ihrer Studierenden mit Stipendien unterstützen konnte - da ja auch viele Studentenjobs seit zwei Jahren weggefallen sind.

Wissenschaft braucht Austausch

Die Goethe-Universität versucht Olaf Kaltenborn zufolge alles, um den Präsenzanteil an der Lehre trotz Omikron beizubehalten. "Die meisten Studierenden haben das Leben auf dem Campus sehr begrüßt", sagt er, auch wenn zuletzt gar Furcht geäußert worden ist, sich auf dem Weg zur Uni anzustecken, etwa in den Bahnen. Bei der Goethe-Universität ist man sich bewusst: "Für ein wissenschaftliches Studium sind also Dialog und Austausch zentral. Diese sind, gerade auch in der Bedeutung für den Kontakt der Studierenden untereinander, durch virtuelle Veranstaltungen nicht zu ersetzen."

Auch an der Frankfurt University of Applied Sciences versucht man trotz der steigenden Inzidenzen den Hochschulbetrieb so fortzusetzen, wie er vor Weihnachten geendet hat. "Lehre wird nur mit Abstand, medizinischer oder FFP2-Maske und 3G-Auflagen durchgeführt", sagt Sprecherin Dr. Nicola Veith. Somit können Lehrveranstaltungen im kleineren Rahmen wie Laborübungen und Seminare stattfinden, sofern die Abstände eingehalten werden. Sollten die Lernflächen nicht ausreichen, werde die zweite Etage des BCN-Hochhauses ebenfalls als (vom Sicherheitsdienst kontrollierte) Lernfläche geöffnet. thomas j. schmidt

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