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Mia Heinson legt Rosen am Unglücksort nieder und zündet ein Grablicht an. Den Verstorbenen kannte sie nicht

Schrecklicher Unfall 

Mutiger Retter stirbt, weil er einem Obdachlosen aus dem S-Bahn-Gleis helfen wollte

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Ein betrunkener Mann war am S-Bahnhof Ostendstraße ins Gleis gefallen. Das sah ein 17-Jähriger aus Hanau und sprang hinterher. Seine Zivilcourage bezahlte er mit dem Leben: Ein Zug fuhr ein und erwischte ihn tödlich.

Ein tragischer Unfall erschüttert die Stadt: Am Dienstagnachmittag wurde ein 17-Jähriger von einer S-Bahn überfahren. Er starb sofort. Zwei weitere, deutlich ältere Männer, die mit ihm im Gleisbereich waren, wurden verletzt. Bis Mittwochmittag war unklar, warum sich die drei Männer auf dem S-Bahn-Gleis aufgehalten hatten. Ein Sprecher der Bundespolizeidirektion Koblenz ließ sich sogar zu der Spekulation hinreißen, die Konstellation des Unfalls spreche für eine Mutprobe. Doch damit lag er falsch. Der 17-Jährige sprang nicht aus jugendlichem Übermut in den Tod, sondern weil er einem anderen Menschen das Leben retten wollte.

Grablicht am Gleis

Auf dem unterirdischen S-Bahnsteig der Haltestelle Ostendstraße liegt ein Sträußchen Rosen zwischen einem der gekachelten Betonbögen. Mia Heinson hat es am Mittwochmittag dorthin gebracht. Sie wohnt um die Ecke, kannte den Verstorbenen nicht, aber die Nachricht über das Unglück beschäftigte sie sehr.

Auch ein rotes Grablicht hat Heinson für den jungen Mann angezündet. Doch die zarte Flamme ist schnell erloschen. Die im Minutentakt herein- und herausbrausenden Züge machen zu viel Wind.

Später am Nachmittag bleibt eine junge Frau an dem Grablicht und den Rosen stehen. „Normalerweise nehme ich immer genau diesen Zug“, sagt sie. „Nur gestern nicht, da war ich noch mit einer Freundin verabredet. Als ich zwei Stunden später hier runter wollte, war alles abgesperrt und überall Blaulicht.“

Ihr Zug ist die S 6 Richtung Friedberg. Abfahrt 15:57 Uhr auf Gleis 2. Kurz bevor diese S-Bahn am Dienstag einfuhr, stürzte ein 44-jähriger Obdachloser auf die Schienen. Er war stark betrunken, hatte 2,6 Promille Alkohol im Blut, wie sich später herausstellte. Der Mann stammt aus Kasachstan und war wohl mit einem gleichaltrigen Inder, ebenfalls ohne festen Wohnsitz, unterwegs. Am Gleis standen einige wartende Fahrgäste, darunter der 17-jährige Hanauer.

Am Dienstagabend war die S-Bahn-Station gesperrt.

Der junge Mann überlegte nicht lange, sondern sprang hinterher. Er wollte den betrunkenen 44-Jährigen von den Schienen holen. Auch der obdachlose Inder wollte mithelfen, seinen Bekannten zu retten. Doch dann kam der Zug.

Die S-Bahn-Strecke macht vor der Haltestelle Ostendstraße eine Kurve. Der Fahrer der S 6 konnte die drei Männer im Gleis deshalb erst sehen, als es schon zu spät war. Sein Zug erfasste sie. Der Kasache wurde schwer, sein indischer Begleiter leicht verletzt. Nur für den mutigen 17-Jährigen kam jede Hilfe zu spät. Augenzeugen berichten grausige Details, der Lokführer erlitt einen schweren Schock.

„Wo ist da der liebe Gott?“

„Es ist so schlimm“, sagt die junge Frau am S-Bahngleis einen Tag nach dem Unglück. „Er war erst 17 und wollte helfen. Er hätte nicht ins Gleis steigen sollen, aber ich kann das verstehen, man handelt in so einer Situation nicht rational.“

Ein Mann, Anfang fünfzig, kommt hinzu. Auch er hat von dem Unfall in den Nachrichten gehört. „Es soll eine Mutprobe gewesen sein“, meint er. Doch die junge Frau kennt schon den neusten Stand. „Das stimmt nicht“, sagt sie und erzählt, wie es wirklich war.

„Wo ist denn da der liebe Gott?“, fragt der Mann zornig. Dann richtet er den Blick Richtung Tunneldecke und fügt hastig hinzu: „’Tschuldigung. Der kann ja auch nix dafür.“

Aus der Jackentasche holt er ein Feuerzeug, kniet sich auf den Boden und zündet das erloschene Grablicht wieder an. Keine Minute später rast eine S-Bahn durch die Station. Ihr Wind bläst die kleine Flamme aus. „Vielleicht stellen wir es darüber“, schlägt die junge Frau vor. Die beiden suchen ein geschützteres Plätzchen für das Licht und die Rosen.

Dann kommt die Durchsage. Eine Lautsprecherstimme kündigt die „S 6 Richtung Friedberg“ an. „Bitte Vorsicht bei der Einfahrt!“ Es ist 15:57 Uhr.

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