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Ein fast vergessenes Bau-Juwel: Initiative will Gartenstadt retten

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Von: Brigitte Degelmann

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Sorgt sich um die Zukunft der idyllischen Nachbarschaft und hat schon fleißig Unterschriften gesammelt: Klaus Nicol FOTO: enrico sauda
Frankfurt: Er sorgt sich um die Zukunft der idyllischen Nachbarschaft und hat schon fleißig Unterschriften gesammelt: Klaus Nicol. © sauda

In Frankfurt ist der Wohnungsmarkt weiter angespannt. Eine Initiative fordert Denkmalschutz für das Gartenstadt-Ensemble.

Frankfurt – Beim Stichwort Gartenstadt denken Kenner vor allem an Siedlungen wie Hellerau in Dresden oder die Margarethenhöhe in Essen. Aber auch Frankfurt kann eine Gartenstadt vorweisen: nämlich das Quartier Hügelstraße/Grafenstraße/Reinhardstraße/Ulrichstraße im Stadtteil Dornbusch, dessen Häuser Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind.

Doch weil einige dieser Gebäude in absehbarer Zeit möglicherweise verkauft werden, könnte dieses Viertel in Gefahr sein, fürchten Anwohner. Deshalb haben sie nun angeregt, dass das Ensemble als geschützte Gesamtanlage in das Denkmalverzeichnis des Landes Hessen eingetragen wird.

Ein Stück Geschichte in Frankfurt: Die Häuser haben zwei Weltkriege überstanden

Dafür hat Anlieger Klaus Nicol (83), der seit 1960 eines der Häuser bewohnt, in den vergangenen Wochen rund 70 Unterschriften gesammelt, die er bereits dem Landesamt für Denkmalpflege vorgelegt hat. Auch der Ortsbeirat 9 (Dornbusch, Eschersheim, Ginnheim) unterstützt diesen Wunsch und verabschiedete im Oktober einstimmig einen entsprechenden Antrag der Grünen. Darin wird auch eine Erhaltungssatzung für das Quartier ins Gespräch gebracht.

Das komplette Karree, sagt Nicol, bestehe aus etwa 25 Häusern – „fast alle original, eines schöner als das andere“. Was umso bemerkenswerter sei, weil die Gebäude immerhin zwei Weltkriege überstanden haben. Nur eines sei vor rund drei Jahrzehnten abgerissen worden, „denn der Eigentümer hat es gezielt verlottern lassen“. Darüber hinaus gab es auf den großen Gartengrundstücken in den 1960er-Jahren zwei Neubauten im Zuge von Nachverdichtungen.

Frankfurt: Hier wird der englischen Gartenstadt-Bewegung nachgeeifert

Die ersten Häuser des Viertels wurden etwa ab dem Jahr 1908 errichtet, in Anlehnung an die englische Gartenstadt-Bewegung. Davon zeugten beispielsweise die fachwerkartigen Elemente in den Fassaden, erklärt der Anwohner. Ursprünglich trug die Siedlung den Namen „Gartenstadt-Kolonie“. Auch deshalb, weil zu jedem Bau noch ein Schrebergarten in der näheren Umgebung gehörte, zur Selbstversorgung mit Gemüse und Obst.

Bisher ist die alte Substanz, die Anklänge an den Jugendstil aufweist, noch weitgehend erhalten. Die meisten Häuser sind mit Biberschwanz-Dachziegeln gedeckt, innen finden sich häufig geschwungene Holztreppen, ebenso gerundete Übergänge zwischen Wänden und Decken, sogenannte Kehlungen; manchmal auch Stuckdecken. Schon in den Eingängen sind auffallende Ähnlichkeiten zwischen den Gebäuden zu entdecken, wie Klaus Nicol bei einem Rundgang durch das Viertel zeigt: Fast überall gibt es etwa ein Quadratmeter große Windfänge, deren Böden rotbraune sechseckige Fliesen bedecken. Selbst die alten Türklinken und Fenstergriffe seien einheitlich, sagt der Anlieger - was darauf verweise, dass die Häuser einst von einer Baugesellschaft errichtet wurden.

Wohnungsmarkt in Frankfurt: 1,5 Millionen für kleines Haus – Angst vor Investoren macht sich breit

Weil bei mehreren Bauten in nächster Zeit Besitzerwechsel anstehen könnten, sei das dieses Ensemble mit seinen großen Gärten jedoch bedroht. Eine Gefahr, die Nicol direkt vor Augen hat. In seiner Nachbarschaft stehe ein Haus, dessen Eigentümer vor einiger Zeit gestorben sei, erzählt er: „Da gibt es etwa zehn Erben, die Nachfolge ist unklar.“ Gut möglich, dass das Gebäude in die Hände eines Investors übergeht – woraufhin wohl bald die Baumaschinen anrollen dürfte. Denn die hohen Verkaufspreise in dem ruhigen und verkehrsgünstig gelegenen Viertel könne sich ansonsten kaum noch jemand leisten. Ein deutlich kleineres Haus in der Nähe sei kürzlich für 1,5 Millionen Euro angeboten worden, sagt der Anwohner: „Das kann sich nur ein Investor leisten, der das abreißt und etwas deutlich Größeres baut. Dadurch würde der Charakter des Viertels nachhaltig zerstört.“

Ein ähnliches Schicksal drohe noch zwei weiteren Gebäuden in dem Karree. Um das zu verhindern, schaltete Nicol kürzlich neben dem zuständigen Ortsbeirat auch das hessische Landesamt für Denkmalpflege ein. Ein Vertreter der Behörde habe die Bauten bereits inspiziert und sich sehr angetan von dem Viertel gezeigt. Das macht den Anwohnern Hoffnung, dass es für das Ensemble noch nicht zu spät ist. Denn, sagt Klaus Nicol: „So ein Juwel muss man doch erhalten.“

Frankfurt: Die Idee entstand in England als Gegenentwurf zur klassischen Großstadt

Das Konzept einer Gartenstadt wurde Ende des 19. Jahrhunderts von dem britischen Stadtplaner Ebenezer Howard entwickelt - als Gegenentwurf zu den oft verheerenden Lebensbedingungen in den überfüllten Großstädten. Seine Vision: kleinere Siedlungen im Grünen, an den Rändern der Metropolen, die genossenschaftlich organisiert sein sollten. Sein Konzept fand viele Anhänger, auch in Deutschland, wobei die sozialreformerischen Ideen nur in Ausnahmefällen umgesetzt wurden.

Auch der Frankfurter Stadtplaner Ernst May lernte die Prinzipien der Gartenstadt-Bewegung während seines England-Aufenthalts von 1910 bis 1912 kennen. Als bekannteste Gartenstädte in Deutschland gelten Hellerau bei Dresden, Karlsruhe-Rüppurr, das Thelottviertel in Augsburg sowie die Margarethenhöhe in Essen. (Brigitte Degelmann)

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