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Sozialwohnungen

Kakerlaken, offene Kabel und eine unbemerkte Leiche: Wie ein Hochhaus verkommt

Das Hochhaus in der Meersburger Straße beherbergt Sozialwohnungen in einem Gebäude, das dringend saniert werden muss. Die städtische ABG Holding sieht keine Not.

Der gesundheitsbedingte Frührentner (43) hat Probleme, wenn er mit seinem Rollator das Haus betreten möchte. Er muss sich trotz schweren Bandscheibenschadens weit nach vorne beugen, um den Schlüssel ins Schloss zu stecken und dann den Rollator anheben, um die Stufe zu überwinden. Wenn es regnet, fließt das Wasser am metallenen Vordach nicht ab, sondern läuft direkt auf die Stufe. Im Flur hinter der blauen blechernen Eingangstür herrscht beißender Geruch. Ganze Wandstücke sind bei der Tür abgebröckelt, Rost hat sich gebildet. Nur der Aufzug glänzt. Die Flurfenster auf allen acht Etagen sind aus Metall, die meisten schließen nicht richtig. Auf der anderen Seite vor einem kleinen Balkon zieht es durch alte Holzfenster. Die kaum mehr erkennbaren Linoleum-Fußböden in den Gängen sind abgelaufen und eingerissen. Sie scheinen noch aus den 60er Jahren zu stammen.

„Gestunken wie die Pest“

Der Verbraucherschutz warnt: „Alte Linoleum-Bodenbeläge aus den 60er- und 70er-Jahren können Asbest enthalten. Diese müssen im Zuge einer Sanierung unter Einhaltung bestimmter Vorschriften entfernt, abtransportiert und entsorgt werden. Denn schon kleinste Beschädigungen des Materials können die gesundheitsschädlichen Fasern freisetzen.“

Die Wände in den Fluren sind ewig nicht gestrichen worden, in den tristen Lampenschirmen an den Decken scheinen tote Kakerlaken durch. Vor den Wohnungstüren haben Bewohner Insektenfallen ausgelegt. „Als es heiß war und ich nicht schlafen konnte, habe ich sie rascheln gehört. Die sind sogar über meine Türrahmen gekrabbelt. Gekommen sind sie durch die Lüftungsschächte im Bad, die jetzt zu sind. Aber sie kommen noch durch die Decke im Flur“, berichtet eine Bewohnerin, die wie alle anderen hier nicht namentlich genannt wird. Kabel in den Gängen liegen offen oder sind mit Kreppband verklebt worden, das vergilbt und aufgerissen ist. „Überall in Frankfurt baut die ABG-Tochter Wohnheim neu oder renoviert. Nur hier bei uns nicht“, schimpft ein Bewohner.“ Eine Frau, die seit über 20 Jahren hier wohnt, berichtet, dass sie bisher keine Renovierung erlebt habe. An zwei Wohnungstüren sind Polizeisiegel angebracht. „Hier stirbt dauernd jemand“, sagt ein Bewohner. „Das eine Siegel hängt seit zwei Wochen, das andere seit fünf. Dort lag eine Frau, die im vierten Monat schwanger war, zwei Wochen lang tot drin“, sagt er und zeigt auf eine versiegelte Tür. Die Polizei bestätigt. „Leider passiert das oft, dass nicht bemerkt wird, wenn jemand in der Wohnung verstirbt. Das liegt am zunehmenden Trend der Anonymisierung“, so eine Sprecherin. „Der Obduktionsbefund liegt hier noch nicht vor, aber es sieht nach einem Betäubungsmittel-Tod aus. Es muss gestunken haben wie die Pest, je nachdem, wie gelüftet war.“

Das Haus besteht aus Einzimmerwohnungen mit kleinen Küchen und Bädern, sowie einem kleinen Balkon. Die Wohnungen sind zwischen 28 und 30 Quadratmeter groß. Die meisten werden von Einzelpersonen bewohnt. In einer dieser Wohnungen lebt aber auch eine vierköpfige Familie. „Wenn mein fast zweijähriger Sohn Mittagsschlaf machen möchte, muss ich mit meinem sechs Monate alten Sohn rausgehen, damit er Ruhe in dem einen Zimmer hat“, sagt die Mutter, die einen Kinderwagen schiebt.

Letzte Renovierung: 2009

Weitere Probleme machen Ratten und Mäuse rund um das Gebäude. „Es werden zwar immer mal wieder Fallen aufgestellt, die helfen aber nur zwei Wochen. Wenn ich die Fenster kippe, kommen sie einfach rein in die Wohnung“, so ein Bewohner aus dem Erdgeschoss.

Andrea Lehr, bei der ABG Holding zuständig für die Wohnheim, sagt, „die öffentlichen Bereiche des Gebäudes“ seien zuletzt vor 2009 renoviert worden. 75 Wohnungen gibt es, davon 73 Einzimmerwohnungen bis maximal 28 Quadratmeter. Das Durchschnittsalter der Bewohner liegt bei 54 Jahren, davon 81 Prozent Männer. „Die Wohnungen werden bei Einzug renoviert“, so Lehr, „2020 ist eine neue Kesselanlage geplant und 2021 eine Beton- und energetische Sanierung inklusive barrierefreiem Eingang.“ Rattenbekämpfung finde statt, das Kakerlaken-Problem habe man wieder im Griff.

Sabine Schramek

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