Carmen Sorgler (l.) und Elisabeth Ehrhorn erzählen die Entengeschichte in Form von Kamishibai. FOTO: enrico sauda
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Carmen Sorgler (l.) und Elisabeth Ehrhorn erzählen die Entengeschichte in Form von Kamishibai.

Literatur

Kamishibai ist die Kunst, Geschichten vorzutragen

  • VonAlexandra Flieth
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Zwei Frankfurterinnen haben die japanische Erzähltechnik Kamishibai für sich entdeckt.

Frankfurt -Carmen Sorgler klopft zwei Klanghölzer aufeinander, die auf Japanisch "Hyoshige" heißen, und erzeugt mit ihnen einen Rhythmus, der auf den Beginn eines Kamishibai vorbereitet - eine Geschichte, die in einer freien Erzähltechnik vorgetragen wird. Die Ursprünge dieser Erzählform liegen in Japan. Sprache und Bilder gehen dabei Hand in Hand: Anders als beim traditionellen Vorlesen eines Buches blicken die Zuhörer auf Bilder, die in einem speziellen Rahmen eingefasst sind, der die Form einer Theaterbühne im Kleinen hat und zusammengeklappt wie ein Koffer aussieht.

Die Bilder wechseln mit dem Verlauf der Geschichte, ähnlich einer Kulisse. Die Geschichte, die Sorgler in Räumen in der Burgstraße 5 vorstellt, heißt "Mama Quak ruft ihre Kinder". Dort haben sie und Elisabeth Ehrhorn ihre 1994 gegründete Agentur für Öffentlichkeitsarbeit "Pfiff - Pressefrauen in Frankfurt", über die sie auch mit dem Thema Kamishibai erstmals in Kontakt gekommen sind. "Wir sind entflammt für dieses Instrument und haben entschieden, uns selbst hierfür zu qualifizieren", erzählt Sorgler. "Wir hatten die Gelegenheit, uns bei Mechthild Dörfler und Guylène Colpron, zwei Kamishibai-Expertinnen, zu schulen."

Eine Begebenheit aus Frankfurt

Die Handlung des Kamishibai, die Sorgler an diesem Vormittag erzählt, stammt nicht aus Japan, sondern aus Frankfurt. Entstanden ist sie nach Fotografien von Eckard Schneider und einem Text von Carmen Sorgler. Gut ein halbes Jahr habe die Entwicklung gedauert, sagen die beiden Frauen. Die Geschichte handelt von einer Entenmutter, die ihren Nachwuchs auf dem Dach eines Frankfurter Seniorenheims aufzieht. Als die Kleinen groß genug sind, müssen diese, um gemeinsam mit ihrer Mama zum Wasser zu gelangen, aus dem vierten Stock hinunterspringen. Mutig gehen die Küken diesen Weg an, den Eckard Schneider, selbst Bewohner des Seniorenheims, fotografisch festgehalten hat.

"Er hatte seine Fotos im Internet veröffentlicht und ich bin darauf gestoßen", erzählt Sorgler. Aus mehr als 70 Fotografien habe sie zehn für das Kamishibai ausgewählt. Grafiker Max Schröder habe diese so bearbeitet, dass die Protagonisten wie gemalt wirken. Passend zu ihren Worten schiebt Sorgler nach und nach die entsprechende Darstellung in den Rahmen hinein. Sie führt den Effekt von Kamishibai vor. "Kamishibai", sagt sie, "bedeutet aus dem Japanischen wortwörtlich übersetzt Papiertheater." Sie selbst spricht von der "Kunst des bildgestützten Erzählens" und betont, dass es sich dabei nicht um ein Bilderbuch in einem Rahmen handelt. Es richtet sich, abhängig von der Geschichte, an Zuhörer jeden Alters.

Seit 2012 dient Kamishibai in Frankfurt zur Sprachförderung

Seit 2012 werde Kamishibai zur Sprachförderung in Kitas und Grundschulen in Frankfurt eingesetzt, als Teil des 2009 von der Stadt initiierten Projekts "wortstark", mit dem in den Kitas schon früh die Begeisterung für Sprache geweckt und gefördert werden soll. Es geht dabei ums Zuhören und darum, über die Geschichten in einen Dialog mit den Kindern zu kommen, um sie zum aktiven Sprechen zu motivieren. "Diese Form der Erzählkunst ist nicht auf Kinder beschränkt", sagt Sorgler weiter. Kamishibai sei zum Beispiel auch gut geeignet für Menschen mit Demenz - für die Biografie- und Erinnerungsarbeit.

Während Sorgler die Geschichte von der Mutterente und ihren Küken erzählt, sieht das Auge mit - der Wechsel der Darstellungen passiert, ohne dass der Betrachter diese Handlung als störend empfindet. Stimme und Sprache verbinden sich miteinander und lassen die Zuhörer in die Handlung eintauchen - emotional und visuell. Als Erzählerin tritt Sorgler in den Hintergrund zurück. Nichts soll von der Geschichte ablenken. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet und steht an einem, ebenfalls mit einer schwarzen Decke überzogenen Tisch vor einem neutralen Hintergrund. Den Text der Geschichte hat sie im Kopf. Ansonsten steht er auf den Rückseiten der Bilder, die durch den Rahmen gezogen werden. Darauf befinden sich auch kleine Regieanweisungen, mit denen die Erzählerin noch mehr Spannung erzeugen kann.

Ein Forum für Neueinsteiger

Im vergangenen Jahr haben Sorgler und Ehrhorn zusammen mit anderen das "Forum Kamishibai" gegründet, mit dem der Austausch von Einsteigern und Kamishibai-Begeisterten gefördert werden soll. Die beiden Frauen möchten zudem in dem von ihnen wiederaufgelebten Verlag Frankfurter Edition in einer eigenen Sparte Geschichten für Kamishibai publizieren und Illustratoren aus Deutschland dafür gewinnen. "Mama Quak ruft ihre Kinder" ist das erste Kamishibai in dieser Reihe, sozusagen das Pilotprojekt.

"Die Illustrationen solcher Geschichten sind anders als Illustrationen in einem Bilderbuch", beschreibt es Sorgler, die sich vor ein paar Jahren auf einer Reise nach Japan selbst auf die Spuren von Kamishibai begeben hat. "Auch die Erzählungen sind anders als in einem Bilderbuch", fügt sie hinzu. Es gehe darum, die Zuhörer über das Gefühl zu erreichen und erst in einem zweiten Schritt um die Vermittlung von Sachwissen.

Kontakt

Weitere Infos gibt es unter www.forum-kamishibai.de im Internet.

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