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?Wenn wir jetzt nicht Widerstand leisten, verlieren wir an Boden?, sagt die grüne Stadtverordnete Ursula auf der Heide.

Porträt

Die Grüne Ursula auf der Heide setzt sich seit Jahrzehnten für Frauenrechte ein

Sie protestiert gegen Mahnwachen vor Schwangerschaftsberatungen, gegen Gesetze wider die Selbstbestimmung – und erlebte unlängst eine persönliche Niederlage: Seit zehn Jahren ist Ursula auf der Heide Stadtverordnete – und erlebt die Politik der kleinen Schritte auch als Rückwärtsgang.

Manchmal, sagt Ursula auf der Heide, habe sie sich in den letzten Jahren Sorgen gemacht, eine tiefe Beunruhigung gespürt. So ein Gefühl, dass „da vielleicht nichts nachkommt“ beim Einsatz für Frauenrechte. Zu oft traf sie auf die Mitstreiterinnen von früher, zu selten auf junge Frauen. Auch bei ihr selbst habe es durchaus „Phasen gegeben, wo das Thema nicht ganz oben auf der Agenda“ gestanden habe, sagt sie. „Aber natürlich ist es immer mit da. Ausblenden, das geht ja gar nicht.“

Das vergangene Jahr hat Ursula auf der Heide optimistisch gestimmt. Zumindest was die Sache mit dem Nachwuchs in Sachen Frauenrechte angeht. Gesamtgesellschaftlich beobachtet sie einen „Rollback“, ein Zurückfallen hinter bereits Erreichtes. Die anhaltende Debatte um den Strafrechtsparagrafen 219a etwa, der es Ärztinnen und Ärzten verbietet, eigenständig darüber zu informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Oder die Mahnwachen christlich-fundamentalistischer Abtreibungsgegner vor der Beratungsstelle von Pro Familia in Frankfurt. „Dinge, die wir in den 80ern nicht mehr für möglich gehalten haben, sind heute wieder gesellschaftsfähig“, sagt die Grünen-Politikerin.

Ungreifbare Gegner

Auf der Heide hat gegen die Mahnwachen protestiert, auf dem Platz vor Pro Familia in der Palmengartenstraße. Eine drahtige 66-Jährige mit lockigen braunen Haaren. Ihr Gegenüber die Mahnwache, Gebete murmelnd – in einigem Abstand zum Eingang der Beratungsstelle. Ein erster Sieg des Bündnisses „Frankfurt für Frauenrechte“, das sie im Februar 2018 mitgründete. Mit angemeldeten Gegenprotesten hielten sie die Abtreibungsgegner abseits von der Beratungsstelle. Auf der Heide war nicht allein. Mit ihr demonstrierten Dutzende, manchmal Hunderte Menschen – und darunter sehr viele junge Frauen.

Es sei früher einfacher gewesen, den politischen Kampf für Frauenrechte zu organisieren. Oder zumindest für ihn zu mobilisieren, erinnert sich auf der Heide. Wahrscheinlich auch weil der Gegner leichter auszumachen war: das Establishment. Der Begriff verrät schon, dass die 1952 geborene auf der Heide durch die 68er politisiert wurde. Damals im Kampf gegen die Notstandsgesetze. Ihre Schule, das Gagern-Gymnasium, wurde bestreikt. Die überforderte Schulleitung rief die Polizei, die Schülerinnen und Schüler in Handschellen aus den Klassenräumen abführte. „Das war, was mich politisiert und bereit gemacht hat, Widerstand zu leisten.“

Widerstand leisten heißt gegen Widerstände ankämpfen. 1968 – mit 16 Jahren – habe sie natürlich noch keine „gesamtpolitische Einschätzung“ gehabt. Aber das Gefühl von Ungleichbehandlung habe sie als Mädchen von Anfang an natürlich mitbekommen. Es sollte sich noch verstärken: Während des Studiums in den 70ern, später am Arbeitsplatz und auch in der Gewerkschaftsarbeit, die sie später jahrelang leisten sollte.

„Keine der etablierten Parteien stand auf der Seite der Frauen“, sagt auf der Heide, „und die Frauenfrage war ja auch bei der Linken nicht gut aufgehoben.“ Die Antwort war Selbstorganisation. Vielleicht ein Grund, warum die spätere Fraktionsvorsitzende im Frankfurter Römer erst ziemlich spät einer Partei beitrat: den Grünen. Und das ausgerechnet im Jahr 1999.

Das erste Jahr von Rot-Grün im Bund, das Jahr des Kriegseinsatzes im Kosovo, den die einstige Friedenspartei mittrug und sich damit selbst vor eine Zerreißprobe stellte. Austritte, Farbbeutelwürfe gegen den damaligen Außenminister Joschka Fischer und Diskussionen über das nahe Ende der zum Establishment gewordenen Anti-Establishment-Partei. Ursula auf der Heide sieht im Fernsehen die Talkshow „Vorsicht Friedmann!“. Gäste und Moderator sind sich einig, dass niemand mehr die Grünen braucht. Auf der Heide beschließt, dass es Zeit sei, der Partei beizutreten. „Ich werde Mitglied, zahl’ meinen Beitrag und das war’s“, dachte sie.

Doch es kam anders. 2001 suchen die Frankfurter Grünen Frauen für die Liste zum Ortsbeirat 5, in dessen Zuständigkeit auch Sachsenhausen fällt. Auf der Heide lebt seit 1997 wieder in dem Stadtteil, in dem sie geboren wurde und aufgewachsen ist. 2009 wird sie Stadtverordnete im Frankfurter Römer.

„Das ist einfach bitter“

Unlängst musste Ursula auf der Heide allerdings eine herbe politische Niederlage hinnehmen. Bei den Wahlen zum Fraktionsvorsitz unterlag sie dem Duo Jessica Purkhardt und Sebastian Popp. Daraufhin legte sie auch den stellvertretenden Fraktionsvorsitz nieder. „Das war eine schwere Niederlage“, gibt sie freimütig zu Protokoll, „das ist einfach bitter.“ Ihre „politische Motivation“ aber beeinflusse das nicht. „Ihre Themen“ wolle sie in der Partei weiter hochhalten.

Erst vor einem Jahr etwa habe sie an der Wiedergründung einer Frauen AG bei den Grünen mitgewirkt, berichtet auf der Heide. Das Ziel: Frauenpolitische Themen in der Partei wieder etablieren oder nicht in Vergessenheit geraten lassen. Und dann gibt es ja auch wieder Grund, auf die Straße zu gehen.

Wenn heute wieder die Mahnwachen vor Pro Familia beginnen, wird Ursula auf der Heide ab und an wieder vorbeischauen. Zusammen mit ihren Mitstreiterinnen aus dem Bündnis „Frankfurt für Frauenrechte“. „Wenn wir jetzt nicht Widerstand leisten“, sagt sie, „verlieren wir wieder an Boden.“

von Danijel Majic

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