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Tobias Reiners untersucht auch die Gene jener Frankfurter Feldhamster, die das Senckenberg-Institut seit 1910 gesammelt hat.

Feldhamster sind gefährdet

Kampf ums Überleben: Dem Hamster gehen die Felder aus

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Wo Getreidefelder sind, da lebt auch der Feldhamster. Noch vor zehn Jahren war das auch in Frankfurt so. Inzwischen sind von den einst 15 Populationen nur zwei geblieben: Ganz im Osten, auf dem Berger Rücken, und ein paar wenige ganz im Westen, in Sindlingen. Der Senckenberg-Forscher Tobias-Erik Reiners kämpft mit moderner Wissenschaft um ihr Überleben.

Der Feldhamster, sagt Tobias-Erik Reiners, ist ein waschechter Frankfurter – auch wenn er heute in der Stadt äußerst selten ist. Gab es doch vor nicht allzu langer Zeit noch 15 Population des possierlichen Nagers in dieser Stadt, überall im Stadtgebiet – und damit genauso viele wir bereits vor hundert Jahren. Heute jedoch ist er hier fast völlig verschwunden, überleben wird er wohl nur in Bergen-Enkheim. Selbst jener Population in Sindlingen mit zuletzt 200 Tieren gibt der Hamsterexperte des Senckenberg-Instituts wenig Überlebenschancen. Und doch versucht er – gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterschutz – alles, um ihnen auch dort den Fortbestand zu erleichtern.

„Überall, wo landwirtschaftliche Flächen sind, ist auch der Feldhamster“, erklärt Reiners. Der Nager sei ein echter Zivilisationsfolger: Wo der Mensch Getreide anbaut, findet der Feldhamster stets genug Futter. Auch in Frankfurt sei er bis vor zehn Jahren noch verbreitet gewesen, lebte bei der letzten Bestandsaufnahme zwischen 2001 bis 2004 noch an jenen 15 Standorten, die das Senckenberg-Institut 1910 verzeichnete. So lange reicht jene Sammlung zurück, in der die Naturforscher die Vielfalt der Frankfurter Feldhamster dokumentiert haben.

Inzwischen seien fast alle Feldhamster aus der Mainmetropole verschwunden, sagt Reiners. Und nicht nur hier: Längst steht der Nager, der rund 500 Gramm schwer wird und etwa die Größe eines Meerschweinchens erreicht, auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Durch den Bau neuer Straßen und Häuser seien die in Frankfurt einst zusammenhängenden Populationen getrennt worden. „Früher gab es sogar eine Verbindung von Bergen-Enkheim bis nach Flörsheim und Hochheim.“

Jene Tiere, die in Bergen-Enkheim leben, sieht der Experte nicht vom Aussterben bedroht. Denn sie sind Teil einer Population, die weit in den Main-Kinzig-Kreis hinein verbreitet ist. Anders hingegen steht es um jene Feldhamster an der Stadtteilgrenze zwischen Zeilsheim und Sindlingen. In einen kleinen Areal wurden hier 2014 zwar noch 200 Hamster gezählt. „Aber das heißt nicht viel. Nach einem harten Winter kann es sein, dass nur zehn Prozent der Tiere überleben.“ In Sindlingen könne die Zahl der Tiere dann auf unter 20 sinken. Ein Schwund, von dem sich der Bestand wohl nicht erhole. „Die genetische Vielfalt ist dann zu klein. Ein Jahr später wären sie dort vielleicht schon ausgestorben.“

Gerade Hamster seien bei einer genetischen Isolation anfälliger für Krankheiten. In den Niederlanden seien so in den 1990er Jahren fast alle Hamster ausgestorben: Die genetische Vielfalt ging zurück, die Tiere waren weniger fruchtbar, bekamen zu wenig Nachwuchs. Reiners verweist auf eine französische Studie, der zufolge der Feldhamster zum Überleben auf Dauer 300 Hektar benötige – in Sindlingen sind es weniger als 200 Hektar.

Schutzzonen einrichten

Umso wichtiger seien Maßnahmen, die den Feldhamstern in Sindlingen auch in harten Wintern das Überleben sichern. „Wir überzeugen die Bauern, dass sie extra für den Hamster etwas Getreide stehen lassen, sogenannte Getreideinseln. Als Schutzzonen. Die Landwirte erhalten dafür einen finanziellen Ausgleich.“ Das helfe den Tieren nicht nur beim Auffüllen ihrer Wintervorräte, es diene auch als Versteck. Werden die Felder komplett abgeerntet, bleibt für die Hamster kein Korn übrig. Und beim Sammeln der Vorräte ist die Deckung durch die stehen gebliebenen Halme überlebenswichtig, um von Füchsen, Wieseln und Greifvögeln nicht so leicht entdeckt zu werden.

„Vor allem Jungtiere profitieren davon. Auch Weibchen, die ihren ersten Wurf haben.“ Feldhamster, die im Mai geboren werden, könnten noch im selben Jahr zum esten Mal Junge bekommen. Die Rechnung der Wissenschaftler sei einfach: Feldhamster können dreimal im Jahr Junge bekommen. „Hat jedes Weibchen einen Wurf im Jahr, sterben sie aus. Hat jedes Weibchen durchschnittlich zwei, überlebt die Population.“ Studien hätten bereits gezeigt: Die mit den Landwirten eingerichteten Schutzzonen wirken.

Ein Feldhamster, sagt Reiners brauche nicht viel Fläche zum Überleben. „Ein Weibchen benötigt ungefähr 0,4 Hektar, das sind etwa 30 bis 40 Meter in jede Richtung rund um seinen Bau.“ Feldhamster seien Einzelgänger, jeder hat einen eigenen Bau. Die Männchen legen dabei größere Wege zurück als die Weibchen, denn sie versuchen, möglichst viele Weibchen der Umgebung in der Paarungszeit zu besuchen. Durch die längeren Wege, die sie zurücklegen, würden sie aber öfter – etwa von Raubvögeln oder Füchsen – gefressen als die Weibchen. Auch für sie seien die eingerichteten Schutzzonen daher eine Überlebenshilfe.

Zwei Meter unter der Erde

Wichtig für das Überleben der Hamster sei neben Futter und Versteckmöglichkeiten der Boden, denn die Bauten reichten weit in die Tiefe, sagt Reiners. „Feldhamster überwintern meist in zwei Meter Tiefe, wo kein Frost hinkommt.“ Im Winterschlaf reguliere der Hamster seine Körpertemperatur bis auf fünf Grad hinunter. Er könne aber auch von seien Vorräten leben, die er im Herbst sammelt.

Durch seine genetischen Vergleiche jener Tiere, die das Senckenberg-Institut von 1910 bis in die 1980er Jahre hinein sammelte, konnte Reiners zeigen: Nach und nach ging es den Feldhamstern immer schlechter. „Es ist krass, wie viel biologische Vielfalt dabei verloren gegangen ist. Ein wichtiges Gut ist den Feldhamstern dabei für immer verloren gegangen. Und meist ist das das erste Vorzeichen, dass eine Tierart ausstirbt.“

Nicht nur in Frankfurt beobachtet Reiners der Schwund der genetischen Vielfalt, sondern in ganz Europa. „Ich will genau wissen, wie wichtig die genetische Vielfalt für das Überleben dieser Tiere ist.“ Auch in Frankreich und Belgien seien sie vom Ausssterben bedroht. „Eine Bastion ist für sie der Main-Kinzig-Kreis bis hin nach Bergen-Enkheim. Hier haben sie noch 5000 Hektar unzerschnittenen Lebensraum, entlang der Hohen Straße.“ Um so wichtig sei es, mit Hilfe der Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterschutz Landwirte und Politiker zu sensibilisieren – und so das Überleben der kleinen Nager zu sichern.

Zwar schieben die Feldhamster den Wohnungsbauplänen westlich der Ferdinand-Hofmann-Siedlung vorerst einen Riegel vor, doch will die Bürgerinitiative aufmerksam bleiben. Ein Zoologe hat im Blick, dass die Hamster nicht vertrieben werden.

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