1. Startseite
  2. Frankfurt

Kandidaten-Porträt: Widerspruch gehört zu Daniela Mehler-Würzbachs Wesen

Erstellt:

Von: Sarah Bernhard

Kommentare

„Demokratie erfordert sehr viel Frustrationstoleranz“, sagt Daniela Mehler-Würzbach, OB-Kandidatin der Linken, „aber es gibt ja immer mehr kleine Leuchttürme wie den Klimaentscheid.“ FOTO: peter jülich
„Demokratie erfordert sehr viel Frustrationstoleranz“, sagt Daniela Mehler-Würzbach, OB-Kandidatin der Linken, „aber es gibt ja immer mehr kleine Leuchttürme wie den Klimaentscheid.“ © Peter Jülich

„Weil Frankfurt euch gehört!“ lautet der Slogan, mit dem Daniela Mehler-Würzbach für die Linke und sich als Oberbürgermeisterin wirbt. Er sagt auch viel über die

Frankfurt -Am 5. März haben die Frankfurter die Wahl: 20 Kandidatinnen und Kandidaten bewerben sich um das Amt des Stadtoberhauptes. In einer kleinen Serie stellen wir einzelne Kandidaten vor. Heute: Daniela Mehler-Würzbach (Linke).

„Weil Frankfurt euch gehört!“ lautet der Slogan, mit dem Daniela Mehler-Würzbach für die Linke und sich als Oberbürgermeisterin wirbt. Tatsächlich sagt er genauso viel über sie selbst wie über ihr Programm: Schon früh wusste die 38-Jährige, was sie will, und stand zusammen mit Gleichgesinnten für ihre Interessen ein. „Schöne Dinge erlebt man oft gemeinsam“, sagt sie, während sie es sich an ihrem leicht erhöhten Stammplatz im Rumi’s nahe der Galluswarte bequem macht. „Ich mag, im Austausch zu sein, ich lerne gerne, ich lache gerne.“ Sie bestellt einen Ingwer-Honig-Tee mit Safran, Kardamom und Zimt, dann wartet sie ab. Mehler-Würzbach ist kein lauter Mensch, der anderen die eigene Meinung aufzwingen will. Aber wenn sie etwas sagt, hat es Hand und Fuß.

Als erste in der Familie machte sie Abitur

Als älteste von drei Geschwistern wuchs Daniela Mehler in Fulda auf, „sehr konservativ, sehr katholisch“. Politik war in ihrer Familie, in der die Eltern viel mit sich selbst beschäftigt waren, kein Thema. Mit acht las sie das Tagebuch der Anne Frank. Eine Gymnasialempfehlung bekam sie nicht. „Weil mir dazu angeblich die Ellenbogen fehlten“, sagt sie kopfschüttelnd. Sie besuchte es trotzdem und machte als erste in ihrer Familie Abitur. „Meine Eltern fanden es ganz cool, dass ich wusste, was ich will, und haben mich machen lassen.“

Als Jugendliche demonstrierte sie gegen Nazis und den Irakkrieg, als Schülersprecherin widersprach sie öffentlich dem damaligen Fuldaer Oberbürgermeister. „Viele fanden das unglaublich mutig, aber ich fand, das musste gesagt werden.“ Sie denkt kurz nach. „Ich habe einen natürlichen Zugang zum Widersprechen, weil ich es so wichtig finde.“ Und das sei auch gut so: „Ohne unbequem zu sein, erreicht man nichts.“

Nach dem Abitur studierte Mehler in Marburg Friedens- und Konfliktforschung und osteuropäische Geschichte. „Aber weil in diesem Jahr die Studiengebühren eingeführt wurden, habe ich in meinem ersten Semester erstmal die Uni besetzt. Das war ein sehr politisierender Moment.“

Frankfurt wird ihr Lebensmittelpunkt

Als mitten im Studium ihr Nebenfach von Marburg nach Gießen verlagert wurde, klagte sie zusammen mit anderen Studierenden - und verlor. „Das hat mich weiter politisiert.“ Trotzdem beendete sie ihr Studium so erfolgreich, dass ihr ein Promotionsstipendium angeboten wurde, das sie erst nach Jena, dann in die serbische Hauptstadt Belgrad führte, wo sie untersuchte, wie dort Kriegsverbrechen aufgearbeitet werden.

Zwei Jahre später sind ihr zwei Dinge klar. Erstens: Weil das Stipendium zu Ende ist, ihre Dissertation aber nicht, muss sie irgendwie an Geld kommen. Thekenkraft, wie ihr das Jobcenter vorschlägt, will sie nicht werden. Sie bewirbt sich bei der Goethe-Uni und bekommt eine Stelle als Referentin der Vizepräsidentin, begleitet außerdem Berufungen von Professoren. Ehrenamtlich engagiert sie sich für einen Verein, der Nicht-Akademikerkinder beim Studium unterstützt.

Und zweitens: Mehr als zwei Jahre Fernbeziehung sind genug. Stefan Würzbach, den sie noch in Marburg kennengelernt hat, lebt in Frankfurt und arbeitet in Wiesbaden, „wir haben also einen Ort gesucht, der gut zum Pendeln und gleichzeitig schön ist“. Die Wahl fällt aufs Gallus. „Mittlerweile fühle ich mich hier sehr zuhause. Und wir lieben die Nachbarschaft.“

Nur zu demonstrieren reichte ihr nicht mehr

Die Hochzeit findet im Rosenpavillon des Palmengartens statt, mit großer Feier im Huthpark, „obwohl standesamtlich im Römer für mich auch fein gewesen wäre“. Schritt für Schritt bauen sich die beiden in Frankfurt eine Heimat auf. „Und dann fingen der Aufstieg der AfD und diese furchtbaren Diskussionen um Geflüchtete an. Da habe ich mir gesagt: Es reicht nicht mehr, nur auf Demos zu gehen, ich muss Verantwortung übernehmen.“ 2016 tritt Mehler-Würzbach in die Linke ein. Nicht nur, weil sie schon immer links der SPD gedacht hat, sondern auch, „weil die Partei ein sehr breites Spektrum an sehr unterschiedlichen Charakteren vereint, die sich bei bestimmten Themen trotzdem einig sind“: Darin, dass der sozio-ökonomische Umbau der Städte unausweichlich sei, wenn die Menschen überleben wollen. Darin, dass nur Chancengleichheit ein glückliches Leben für alle ermögliche. Darin, dass die Rechtsverschiebung in Politik und Gesellschaft gestoppt werden müsse.

„Heute sind viele Dinge sagbar, die vor paar Jahren noch nicht möglich gewesen wären. Wir müssen darüber sprechen, wie wir wieder alle Menschen mitnehmen können. Das ist doch das Gute an Demokratie: Wenn einem etwas nicht passt, gibt es immer Wege, was dagegen zu tun.“ Bereits in ihrem ersten Mitgliedsjahr rückt Mehler-Würzbach in den Kreisvorstand auf, wird Stadtteilgruppen-Sprecherin. Kurz darauf bekommt sie ihr erstes Kind. Die Mutterschaft habe sie feministischer gemacht, unter anderem, weil das klassische Mutterbild noch so stark sei. „Ständig fragen Leute: Wie machen Sie das? Mike Josef wird das bestimmt nicht gefragt, obwohl er auch zwei Kinder hat!“

„Klassische Rollenlösung“ bei der Erziehung unerwünscht

Sieben Monate Elternzeit nimmt sie, dann übernimmt für die gleiche Zeit ihr Mann, „damit wir nicht diese klassische Rollenlösung haben“. 2018 kandidiert Mehler-Würzbach für den Landtag, zwei Jahre später wird ihre zweite Tochter geboren. Seit 2021 ist sie Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und verkehrspolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Auch hier hinterfragt sie und bringt Alternativen ins Spiel. „Wir müssen immer wieder an den Debatten über die Zukunft teilnehmen. Ein Funke Utopie ist ganz wichtig.“ Damit, dass linke Positionen oft wenig Resonanz finden, kann sie leben: „Demokratie erfordert sehr viel Frustrationstoleranz. Aber es gibt ja immer mehr kleine Leuchttürme wie den Klimaentscheid oder solidarische Projekte, die ein bisschen die Zukunft vorwegnehmen.“ Und irgendwann werde dann auch die Zeit für eine linke Oberbürgermeisterin gekommen sein. Daniela Mehler-Würzbach wird bereitstehen. „Aufgeben ist keine Option.“

Auch interessant

Kommentare