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Karin und Carlo Giersch - Die Anstifter

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Einander und mit der Kunst tief verbunden: Karin und Carlo Giersch vor ihrer Gemäldewand in ihrer Villa am Main.
Einander und mit der Kunst tief verbunden: Karin und Carlo Giersch vor ihrer Gemäldewand in ihrer Villa am Main. © Salome Roessler

Karin und Carlo Giersch haben es mit ihrem Elektronikteilehandel zu viel Geld gebracht, das sie in ihren Stiftungen Kunst, Kultur, Wissenschaft - und vor allem vielen Menschen - zugute kommen lassen.

Carlo Giersch lächelt warnend: „Vorsicht, sie kommt.“ Da biegt seine Frau gemessenen Schrittes um die Ecke, betritt das schmucke Besprechungszimmer der alten Villa am Mainufer und wiederholt die gerade noch gehörte Frage: „Ob ich eklig sein kann? Und wie!“, antwortet sie sehr entschieden statt seiner. „Ich bin Skorpion.“ Und ihr Ehemann lächelt erneut. Diesmal wissend. Carlo und Karin Giersch sind seit 52 Jahren verheiratet. Ein erstaunliches Ehepaar – das sich gegenseitig ausreden lässt. Das sich neckt – in der tiefen Gewissheit, einander verbunden zu sein. Das sich selten streitet, so sagen sie – wozu, das bringt doch nichts (mehr)? Das das weiße Haar würdevoll trägt. Und das so viel Geld sein eigen nennt, dass es viel, sehr viel davon abgeben kann.

Sie haben es sich hart verdient. In jahrzehntelanger Arbeit schufen sie aus einem Handel mit Elektronikbauteilen einen weltweit operierenden Konzern. Nach dem Verkauf des Unternehmens im Jahr 2000 verlagerten sie ihr Leben nicht auf die Golfplätze dieser Welt, sondern widmen seitdem ihre Schaffenskraft wohltätigen Zwecken – neben dem Erwerb von Immobilien. Den Stifter-Stein ins Rollen brachte ein Freund schon zehn Jahre zuvor. Der damalige Direktor der TU Darmstadt fragte an, ob die Gierschs nicht beim Kauf eines Chalets in der Schweiz behilflich sein könnten. Ein Zufluchtsort für kreative Ideen junger Studenten verschiedener Disziplinen und Nationen sollte es werden, abseits der Universitätsgebäude. Dass ein Ortswechsel das Denken in völlig neue Bahnen lenken kann, weiß Carlo Giersch aus eigener Erfahrung. Sieben Monate als junger Mann in Amerika setzten sein Leben auf die Erfolgsspur. Ohne Studium und Universitätsabschluss, aber mittels großer unternehmerischer Denkfähigkeit und einem Bauchgefühl, das ihm häufig zur richtigen Entscheidung verhalf, schlug er einen abenteuerlichen Weg ein, der später von großem Erfolg und einem Professorentitel ehrenhalber gekrönt werden sollte.

1990 gründete das Ehepaar also die Carlo und Karin Giersch Stiftung an der TU Darmstadt. Das Chalet wurde gekauft und im Jahr darauf durfte sich Carlo Giersch Ehrensenator der TU Darmstadt nennen. Das Ehepaar ließ den Stifter-Stein weiter rollen.1994 ebnete er den Boden für die Gründung der Stiftung Giersch in ihrer Heimatstadt Frankfurt, weithin sichtbar seit dem Jahr 2000 als Museum Giersch am Schaumainkai, das die Kunst- und Kulturgeschichte der Rhein-Main-Region in den Fokus rückt und genug Wandfläche auch für die private Sammlung der Gierschs bereit hält. 2006 finanzierten die Stifter den Neubau der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst im Portikus. 2014 erst öffnete das Giersch Science Center auf dem Riedberg seine Pforten für Studenten aus aller Welt. Es mauert buchstäblich den Gedanken des zehn Jahre zuvor gegründeten FIAS – Frankfurt Institute for Advanced Studies – fest in Form eines Institutes, das unter seinem Dach mehr als 250 interdisziplinär Forschenden Platz für ihre wissenschaftliche Arbeit auf den Gebieten der Naturwissenschaften, Hirnforschung und Informatik bietet.

Und der Stein rollt immer noch. Das Clementine Kinderhospital erhält Unterstützung wie viele Einzelprojekte. Ganz nebenbei schenkte das Paar seine private Villa auf dem Lerchesberg der Goethe-Universität als Gästehaus („Wozu brauche ich 13 Toiletten?“, fragt Karin Giersch zu Recht und der Normalsterbliche nickt…) und bezog stattdessen die Villa zwischen Museum Giersch und Liebieghaus. Jüngst erst wurde die Idee geboren, Flüchtlingskindern Trost-Teddys zu schenken. „Es gibt so viele Organisationen und Institutionen, die es wert sind, unterstützt zu werden“, sagt Karin Giersch, die wiederum von der Frankfurter Goethe-Universität den Titel der Ehrensenatorin 2007 erhielt. Nicht zu vergessen, der Deutsche Stifterpreis, der dem Paar 2009 verliehen wurde, im Jahr darauf folgte das Bundesverdienstkreuz erster Klasse.

Wundersamer Schmerz

Sie hat auf dem Stuhl an der Seite ihres Mannes Platz genommen, schenkt Wasser nach. Schwer vorstellbar, dass sie auch mal „eklig“ sein kann. Und ihr Mann spricht mit einem Blick, der zwischen Bewunderung und Kritik changiert: „Sie ist manchmal zu gut.“ Als müsse er sie vor sich selbst schützen. Seine Frau, die einen melancholischen Grundzug ihres Wesens schlecht verbergen kann, deren Lieblingslied „Ach, ich hab’ in meinem Herzen einen wundersamen Schmerz“ aus der Oper „Schwarzer Peter“ ist. Die zum Abschied gerne Bonbons mit auf den Weg gibt. Die sich gerne kümmert, sorgt. Und dabei selbstbewusst ihre eigenen Vorstellungen verfolgt. „Meine Frau hat ihr eigenes Konto“, sagt Carlo Giersch, „davon hat sie vergangenes Jahr an 76 verschiedene Institutionen gespendet.“ „Ja, warum auch nicht?“, sagt sie. Und sein Blick hat sich für die Zuneigung entschieden.

Doch ihre Selbständigkeit macht sie an anderen Dingen als dem eigenen Konto fest. Schließlich stecken auch in ihr die Unternehmergene. Der Vater hatte eine Metzgerei in der Münchener Straße. Als mittlere von drei Töchtern wollte sie das Geschäft übernehmen, absolvierte ihre Lehre, schloss mit Auszeichnung ab – die Zukunft schien vorgezeichnet. Bis der junge Mann mit den strahlend blauen Augen immer wieder vor ihrer Theke stand und ein Paar Frankfurter Würstchen mit Brötchen bestellte. „Die hat er bei mir immer zehn Pfennig billiger bekommen“, erzählt sie, und er nickt. 16 Jahre war sie damals jung, er 18. Er ist das jüngste von drei Kindern und weiß früh, dass er nicht in die Sachsenhäuser Gärtnerei der Eltern einsteigen will. Stattdessen lernt er nach dem Realschulabschluss Groß- und Außenhandelskaufmann bei Elektro Spoerle. Fast zwei Jahre lang wandern die Würstchen über die Theke, bis der Gärtnerssohn und die Metzgerstochter zum ersten Mal gemeinsam ausgehen.

„Mittlerweile kriegt er Putenwürstchen“, sagt Karin Giersch mit einem Lachen. Sie ist überzeugte Reformhauskundin und achtet sehr auf gesunde Ernährung, auch wenn’s nach seinem Geschmack öfter Fleisch geben dürfte. „Sehen Sie nur, wie er leidet“, lacht sie und er sagt: „Bei uns ist das so: Meine Frau hat immer Recht.“ Und nach einer kurzen Pause legt er nach: „Und ich hab’ meine Ruhe.“

Sie sind sich nicht immer einig, sind unterschiedlich, das hält die Auseinandersetzung im positiven Sinne in Gang. Er reist gerne, sie bekommt nach drei Tagen Heimweh. Er fährt Smart, sie Jaguar. Er, der Unternehmergeist, der seine Ideen durchsetzen will, rational agiert. Immer an seiner Seite: Die weichen Erfolgsfaktoren, die seine Frau in die Ehe – und die Firma – einbringt. Und wenn sie von den Anfängen ihrer Liebe und später dem Unternehmen erzählen, dann, wie kann es anders sein, laufen die Erzählungen nicht immer im selben Fluss. Warum er 1961 nach seiner Lehre einen für die Zeit so ungewöhnlichen Schritt nach Amerika ging? Sie erzählen beide von einer Begebenheit in Jimmy’s Bar. Sie habe sich mit einem Amerikaner unterhalten und ihr Mann konnte nicht so gut Englisch sprechen wie sie. Ihr Ehemann widerspricht. Vielmehr habe ein Freund aus gutem, ja sehr gutem Hause ihm sein Leid geklagt, er müsse nach Amerika, weil die Familie es wolle. Das habe ihn auf die Idee gebracht, selbst nach Amerika zu gehen. Vielleicht stimmt ja von beiden Erinnerungen etwas. Englisch hat Giersch jedenfalls sehr gut gelernt. Giersch, den die Mutter Carlo rief, aber Carl taufen musste, weil 1937 das o am Carl nicht deutsch genug klang, setzt die Idee in die Tat um.

Im Bus durch Amerika

Über den Bundesverband der Elektrogroßhändler organisiert er sich ein Praktikum bei dem amerikanischen Unternehmen Graybar mit Niederlassungen überall in den Vereinigten Staaten. Die Überfahrt macht er in der Holzklasse des riesigen Passagierschiffes „United States“ und landet nach sechs Tagen auf dem Atlantik in New York. „Gewohnt habe ich in einem Doormanroom“, erzählt er. Ein Hinterzimmer im Wolkenkratzer für die Ruhepausen der Pförtner. Drei Monate pendelt er täglich nach Long Island zur Firma, trägt Nyletest-hemden, die er im Pappkleiderschrank verstaut und verdrückt ein Kilo Käse und einen halben Meter Salami pro Woche. Dann besteigt er den ersten Greyhoundbus und beginnt seine persönlichen Wanderwochen in Amerika. Nachts fährt er, um Hotelkosten zu sparen, tagsüber lernt er immer neue Filialen und das System der Firma kennen. In dieser Zeit reift seine Geschäftsidee heran. Karin bleibt in good old Germany und freut sich über Post aus Amerika. „Mein Vater hat immer gesungen: ,Ein Schiff wird kommen’“, erinnert sie sich an die Zeit des Wartens. Nach sieben Monaten ist es endlich so weit. Das Wiedersehen naht. Karin fährt im Auto des Vaters 1000 Kilometer nach Cherbourg, um im Hafen die Queen Mary mit ihrem Carlo an Bord zu erwarten. „Der Himmel verdunkelte sich plötzlich, so riesig war das Schiff“, sagt sie. Und er erzählt, wie sie später in den Dünen von Deauville mit einer „Buddel Bordeaux und einem Baguette“, arrangiert auf einer Papiertischdecke, „Highlife“ machten.

Sie kennen das einfache Leben. Und wissen ihr heutiges zu schätzen. Und wissen auch, wie wichtig es ist, sich sein gutes Leben selbst zu verdienen. Sie verprassen keine ererbten Millionen und wollen auch nicht, dass ihre Neffen nach ihrem Ableben „als erste Amtshandlung einen Ferrari bestellen“. Lieber wollen sie ihr Vermögen mit den Stiftungen „sinnvoll verplempern“. Eigene Kinder waren ihnen nicht vergönnt. „Drei, vier wollten wir haben, als wir heirateten“, sagt Karin Giersch. „Sie hat mehr darunter gelitten, dass wir keine Kinder haben konnten“, sagt er. 13-fache Patentante ist sie, trägt die Fotos der Großneffen und -nichten mit sich, um auch etwas vorzeigen zu können, wenn die anderen die Fotos ihrer Kinder und Enkel präsentieren. „Wir haben uns in die Arbeit gestürzt und abgelenkt“, sagt sie, die sich so gerne kümmert.

Die Arbeit zahlte sich aus. Mit den Erfahrungen und Ideen seiner Amerikareise im Gepäck, wird Carlo Giersch zunächst Verkaufsleiter in seinem Ausbildungsbetrieb um ein paar Jahre später, 1967, mit seinem Chef als Geldgeber Spoerle Electronics zu gründen. Karin steigt mit ein als „Mädchen für alles“. Adé Metzgerei, willkommen in der Welt der Elektronikbauteile, die per Direktvertrieb über Spoerle als Zwischenhändler auch in kleineren Stückzahlen portioniert zum Kunden kommen. „Die Logistik ist der Schlüssel zum Erfolg und wir hatten immer die modernsten Computer“, erklärt Giersch. Wobei er nicht müde wird zu betonen, dass der größte Erfolgsfaktor gute Mitarbeiter seien. Ende der 70er Jahre hielt das Dreieicher Zentrallager Ware im Wert von über 10 Millionen D-Mark vor, der Artikelstamm belief sich bereits auf 35 000 Produkte. Spoerle Electronics schafft schon damals die Lieferung der (meist telefonisch) bestellten Katalogware innerhalb von 24 Stunden. Gierschs wissen, dass keine eigenen Kinder das Unternehmen weiterführen werden und regeln die Zukunft ihres Unternehmens: In den 80er Jahren steigt das ähnlich aufgestellte amerikanische Unternehmen Arrow mit einer Beteiligung von 40 Prozent ein und übernimmt Mitte der 90er Jahre die Mehrheit. Spoerle expandiert über weltweit niedergelassene Tochtergesellschaften und Unternehmensbeteiligungen. Zur Jahrtausendwende – noch ehe die Dotcom-Blase platzt – verkauft Giersch auch seine restlichen Anteile und beendet seine Unternehmerkarriere auf der Position des Chairman Europa. Der Unternehmensumsatz liegt damals in Deutschland bei 1,2 Milliarden, europaweit bei 2,8 Milliarden Euro. Bis 2003 bleibt Giersch noch im Aufsichtsrat von Arrow Europe.

Neckermanns Standpauke

Heute regelt das Paar seinen Nachlass. Mit 76 und 78 Jahren wollen sie nichts dem Zufall überlassen. Das Museum Giersch haben sie der Goethe-Universität übergeben, sie haben die Satzung der Stiftung überarbeitet, die Anlagestrategie geregelt. Selbst ihre eigene Beerdigung hat Karin Giersch für sich schon von der Trauerfeier bis zum Kleidungsstück festgelegt. Ganz pragmatisch sind sie da. Sind diese Förmlichkeiten abgehakt, kann man sich ja wieder dem Leben widmen und weiter in Immobilien investieren, bevorzugt in Innenstadtlage. Und weil das Gärtnerherz in Carlos Brust schlägt, hat jedes Haus auch möglichst einen Garten. „Ich bin ein Grüner“, sagt er, der gerne samstags Blumen kaufen geht und weder das Auto noch die Blumen von der Steuer absetzt. „Privates und Geschäftliches halten wir streng getrennt, das gehört sich so“, sagt er. Per Aufzug geht es von der Büroetage im Erdgeschoss aufwärts in die privaten Gemächer. Im Wohnzimmer beeindruckt die zwölf Meter hohe Bilderwand, die Carlo Giersch für kein Geld der Welt dem Tatort als Kulisse zur Verfügung stellen wollte. Auf der Galerie mit Zugang zur Dachterrasse steht Karin Gierschs Schreibtisch. Da verzichtet man gerne auf 13 Toiletten auf dem Lerchesberg.

Wer materiell so gut versorgt ist, gibt von Herzen und schmerzfrei. Und kann sich nur über eines aufregen: dass nicht alle Wohlhabenden der Gesellschaft etwas zurückgeben. Früher haben sie lautlos gespendet, bis Josef Neckermann Carlo Giersch eine Standpauke hielt: Wenn er nicht öffentlich mache, wie er helfe, werde es ihm keiner gleich tun. Das saß. Seitdem wollen die Gierschs nicht nur Stifter sein. Sondern im allerbesten Sinne Anstifter.

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